Karl Lehrer kämpft gegen Analphabetismus. foto: fkn

Karl Lehrer hat sich nicht abgeschrieben

Ehemaliger Analphabet erzählt seine Geschichte

Nürnberg – 26 Jahre lang konnte Karl Lehrer weder richtig lesen, noch schreiben. Heute erzählt der ehemalige Analphabet seine Geschichte - um ein Tabuthema öffentlich zu machen.

Wenn es darum ging, die Speisekarte zu lesen oder ein Formular auszufüllen, musste Karl Lehrer früher kreativ werden. Beim Mittagessen mit den Kollegen bestellte er das, was die anderen nahmen. Einmal verknackste er sich den Fuß und ging zum Arzt. Doch er konnte das Formular, das ihm die Arzthelferin gab, nicht ausfüllen. Also sagte er, er habe keine Schmerzen mehr und verließ die Praxis – mit gerissenen Bändern. Ein anderes Mal bat er einen Kollegen, einen Liebesbrief für ihn zu schreiben. „Ich wusste nicht mal, was drinsteht“, sagt er. Heute kann er darüber lachen. Doch seine Geschichte ist ernst. Der 49-Jährige war Analphabet. Erst 1990 hat er an der Volkshochschule in Ludwigshafen (Baden-Württemberg) lesen und schreiben gelernt.

Analphabetismus ist ein bundesweites Problem. Allein in Bayern können 1,1 der 12,44 Millionen Einwohner nicht richtig lesen und schreiben. Der Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung veranstaltet zu dem Thema noch bis Mittwoch einen Fachkongress in Nürnberg. Auch Karl Lehrer nimmt daran teil.

Er hat lesen und schreiben gelernt, als seine erste Frau schwanger war. Karl Lehrer wollte seinen Sohn in der Schule unterstützen können. Es anders machen, als seine eigenen Eltern.

Seine Mutter war arbeitslos, das Geld in seiner Kindheit immer knapp. Die Mutter kümmerte sich allein um fünf Kinder – da blieb nicht viel Zeit für den einzelnen. Als der Sohn in die erste Klasse kam, schimpfte sie oft mit ihm: Er verkrampfte bei seinen ersten Schreibversuchen die Hand zu sehr und brachte nur mit Mühe ein paar Buchstaben auf das Papier. „Da gab’s auch schon mal ein paar hinter die Ohren“, sagt der 49-Jährige. Er kam in der Schule nicht mit. Der Direktor argwöhnte, der Bub habe keine Lust zu lernen, erzählt Karl Lehrer. Nach einem halben Jahr wechselte er auf die Sonderschule. Die Lehrerin dort nahm sich Zeit, übte auch nach dem Unterricht noch mit ihm. Doch die Angst zu versagen, blockierte ihn, sagt er. Mit 16 verließ Karl Lehrer die Schule. Er hatte gelernt, einfache Sätze und Zahlen zu lesen und seine Unterschrift unter Dokumente zu setzen. Das war alles.

Nach der Schule schlug er sich als Hilfsarbeiter durch. Kein Arbeitgeber fragte, ob er lesen und schreiben kann. „Das wurde damals vorausgesetzt“, sagt er. Analphabetismus war ein Tabu-Thema.

Karl Lehrer musste sich oft auf andere verlassen. Damit hatte er nicht immer Glück: Er ließ sich zu viele Versicherungen aufschwatzen, unterschrieb jeden Vertrag. „Ich war total überversichert“ sagt er. Er musste Schulden machen, um die Beiträge zu bezahlen. Der Gerichtsvollzieher stand schon vor der Tür. Das war das „Lehrgeld“, das er bezahlen musste, sagt er. Aber erst sein Kind brachte ihn zum Umdenken. Stolz erzählt er, dass sein Sohn die Realschule besucht hat. Und seine Frau unterstützte ihren Mann beim Lernen. 2002 holte er seinen Hauptschulabschluss nach, machte eine Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik.

Karl Lehrer entschloss sich, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Sein Erfolg sollte anderen Mut machen. Zusammen mit anderen ehemaligen Analphabeten aus Ludwigshafen gründete er vor Jahren die bundesweit erste Selbsthilfegruppe. Bis jetzt gibt es nur ein paar davon. Die Schamgrenze bei Betroffenen ist oft zu hoch. Deshalb kämpfen die Mitglieder für mehr Bewusstsein und Toleranz in der Gesellschaft.

Die Gruppe ist zum Beispiel mit einem Infostand auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt vertreten. Auf der Frankfurter Buchmesse hat sich Karl Lehrer vier Bücher gekauft. Seit er lesen gelernt hat, verschlingt er ein Buch nach dem anderen. Seine Lieblings-Lektüre: „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink. Darin spielt auch das Thema Analphabetismus eine Rolle.

teresa pancritius

Gut zu wissen

Betroffene und Angehörige können sich anonym am „Alfa-Telefon“ informieren und beraten lassen: 0800/ 53 33 44 55.

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