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Sagte im Selbstversuch allen ins Gesicht, was er gerade dachte: Jürgen Schmieder.

40 Tage Ehrlichkeit: Rippenbrüche und Liebesentzug

München - Jürgen Schmieder war 40 Tage lang schonungslos ehrlich. Die Folgen: Rippenbrüche, Verbannung aus dem Ehebett und eine grauenvolle Steuererklärung. Im Interview berichtet er von seinen Erlebnissen.

Wenn man der Wissenschaft glaubt, lügt der Mensch etwa 200 Mal am Tag. Bewusst oder unbewusst. Bösen Zungen zufolge kommen Politiker locker auf die doppelte Menge. Es scheint, als würde unsere Gesellschaft das sechste Gebot nicht besonders ernst nehmen. Ist das so? Kann der Mensch keinen Tag ehrlich sein? Der Journalist Jürgen Schmieder, geboren 1979 in Tirschenreuth, machte den Selbstversuch: 40 Tage schonungslos ehrlich sein. Die Folgen: Rippenbrüche, Verbannung aus dem Ehebett, eine grauenvolle Steuererklärung, Dezimierung des Freundeskreises. Wir sprachen mit ihm über sein Buch „Du sollst nicht lügen! Von einem, der auszog, ehrlich zu sein“ (Bertelsmann, 336 Seiten; 14,95 Euro) und die Notwendigkeit der Unehrlichkeit.

In Ihren 40 ehrlichen Tagen beschimpfen Sie eine Bahn-Mitarbeiterin als „blöde Schnepfe“, geben vor Ihrer Frau zu, mit Nicole Scherzinger schlafen zu wollen, und bezeichnen Artikel Ihrer Kollegen als „schrecklich“. Wie oft haben Sie Ihre Idee während des Projekts verflucht?

Jürgen Schmieder (lacht): Sicher 20 bis 30 Mal am Tag. In 40 Tagen kamen sicher 1000 Flüche zusammen.

Und wie oft waren Sie heute schon unehrlich?

Jürgen Schmieder:Wie spät ist es jetzt? 16 Uhr? Da dürften bislang 100 Unehrlichkeiten zusammengekommen sein. Aber ich versuche natürlich, ehrlich zu sein.

Bei „Markus Lanz“ sagten Sie, dass Sie jetzt Ihr Pensum von 200 Lügen auf 150 reduziert haben.

Jürgen Schmieder:Das kann ich ehrlich behaupten. Natürlich gibt es Tage, an denen ich mehr lügen muss. Aber es ist deutlich weniger geworden. Meine Frau und ich sind mittlerweile wirklich ehrlich zueinander.

Im Selbstversuch sitzen Sie mit Ihrer schwangeren Frau am Tisch und grübeln, wie es wäre, wieder Single zu sein. Trotzdem sind Sie immer noch verheiratet?

Jürgen Schmieder:Und zwar glücklicher als je zuvor. Überhaupt habe ich viel über mich gelernt und kann allen nur raten, einen kurzen Selbstversuch mit etwas mehr Ehrlichkeit zu wagen.

Wie wichtig ist Ehrlichkeit?

Jürgen Schmieder:Sehr wichtig. Allerdings werden kleine Lügen oft unterstützt und nicht als schlimm empfunden. Wir merken gar nicht, wie wir andere anflunkern. Ich fände es gut, wenn alle etwas ehrlicher wären. Jeder wünscht sich doch, dass sein Gegenüber ehrlich ist.

Sind Sie sich sicher?

Jürgen Schmieder:(lacht) Der Mensch ist ein Paradoxon: Man verlangt einerseits Ehrlichkeit, andererseits will man, dass diese durchweg positiv ist. Keiner möchte hören, dass er doch bitte fünf Kilo abnehmen solle.

Darum sucht man sich Freunde, die einen freundlich anlügen.

Jürgen Schmieder:Genau das ist der Fehler. Prominente etwa suchen sich oft Freunde, die ihnen ständig erzählen, wie toll sie sind. Dafür fehlen ihnen ehrliche Freunde, die sich nicht scheuen, ihre kritische Meinung zu äußern.

Wäre jeder ab sofort ehrlich, befände sich die Menschheit innerhalb kürzester Zeit im Chaos.

Jürgen Schmieder:Da stimme ich Ihnen zu. Wären alle Menschen von Anfang an aufrichtig gewesen, hätte die Ehrlichkeit eine Chance gehabt. Aber wir leben leider in einem System der Lügen, wo Diplomatie und Taktgefühl einen so großen Stellenwert haben, dass radikale Aufrichtigkeit aller nie funktionieren wird. Den Menschen wäre schon geholfen, wenn jeder sein Tagespensum von 200 auf 100 Lügen reduzieren würde. Ohne geht es nicht, aber wir alle wären glücklicher, wenn einige Lügen wegfielen.

Im Fitnessstudio schauen Sie einer Frau auf die Brüste und sagen: „Du geile Sau, ich notgeiler Spanner, kurz vor der Erektion.“ Passanten schieben Sie mit der Bemerkung beiseite: „Geh schneller, du Idiot. Oder willst du paar aufs Maul?“

Jürgen Schmieder:Wenn mir eine Beleidigung durch den Kopf ging, dann musste ich diese auch aussprechen – so lauten die Regeln der „radical honesty“ (von einem Amerikaner entwickelte Technik radikaler Ehrlichkeit, d. Red.). Anfangs dachte ich, man müsse stets einen heftigen Spruch parat haben, was Quatsch war. Man muss nicht beleidigen, um ehrlich zu sein.

Wie steht es jetzt um Ihren Freundeskreis?

Jürgen Schmieder:Ich habe weniger Freunde als vor dem Versuch. Allerdings weiß ich bei diesen Freunden, dass sie mit Kritik umgehen können. Um die anderen tut es mir nicht besonders leid.

Aber es tut Ihnen sicher leid um die 1700 Euro, die Ihnen aufgrund des ehrlichen Ausfüllens der Steuererklärung entgangen sind?

Jürgen Schmieder:(lacht) Ich will niemanden zum Steuerbetrug anstiften, jeder soll selber entscheiden, ob er betrügen will oder nicht.

Ihre Ehrlichkeit wurde gnadenlos ausgenutzt.

Jürgen Schmieder:Oh ja. In unserer Redaktion ging eine Liste mit unangenehmen Fragen herum, die ich alle ehrlich beantwortet habe. Dabei musste ich mein Gehalt offenlegen und gestehen, welchen Kollegen ich gerne entlassen würde.

Sie schreiben, dass Lügen „demokratisch“ ist. Hat es auch eine gemeinschaftsstiftende Wirkung?

Jürgen Schmieder:Ich nenne es demokratisch, weil jeder lügt, unabhängig von Alter und Religion. Jeder kann es, und jeder tut es. Die gemeinschaftsstiftende Wirkung ist aber fraglich. Wenn ich Ihnen ein Auto verkaufe, dabei aber verschweige, dass die Bremsen nicht funktionieren, rückt das Gemeinschaftsstiftende in sehr weite Ferne.

Was war beim Versuch das schlimmste Erlebnis?

Jürgen Schmieder:Als ich der Freundin meines besten Freundes gestehen musste, dass er mit anderen Frauen schläft. Natürlich musste ich es auch ihm sagen, worauf er mir – völlig zu Recht – eine Rippe gebrochen hat. Das war die schlimmste Wahrheit. In der Situation hätte ich gerne gelogen.

Das Gespräch führte Barnabas Szöcs.

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