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Ulrich Muzyk kann die Entscheidung des SKF nicht nachvollziehen. 

77-Jähriger will sich weiter engagieren

Asylhelfer nach Verbandsentscheid frustriert: „Weniger wert als ein Putzlappen“

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Ulrich Muzyk hat begonnen, einer Afghanin ehrenamtlich Nachhilfe zu geben. Nachdem er in seinem Engagement eingebremst wurde, versteht der 77-Jährige die Welt nicht mehr.

München/Zolling – Vor einigen Monaten hat Ulrich Muzyk einer 25-jährigen Frau aus Afghanistan ein Versprechen gegeben. Er werde ihr helfen, auf Deutsch lesen und schreiben sowie rechnen zu lernen, sagte er. Der 77-Jährige aus Zolling (Kreis Freising) hält seine Versprechen. Deshalb gibt er ihr noch immer Nachhilfe. Seit einigen Wochen allerdings nicht mehr als Ehrenamtlicher im Auftrag des Sozialdienstes katholischer Frauen (SKF) – sondern als Privatperson.

Für den SKF, den Träger einer Münchner Einrichtung für Wohnungslosenhilfe, in der die Afghanin lebt, ist das ein wichtiger Unterschied. Ulrich Muzyks Engagement ging über das hinaus, was ein Ehrenamtlicher leisten darf. Er selbst kann das nicht nachvollziehen, ist maßlos enttäuscht. „Als Ehrenamtlicher ist man weniger wert als ein Putzlappen“, sagt er.

Ähnliches hörte man im vergangenen Dezember: Den Asylgipfel der oberbayerischen Helferkreise beherrschten die Themen Arbeitsverbot und Wohngeld. Die ehrenamtlichen Helfer fühlen sich unter Druck und wollen politisch mehr mitreden.

Muzyk hatte im Herbst vergangenen Jahres von einer Bekannten erfahren, dass der SKF Nachhilfelehrer sucht, die Flüchtlingen mit dem Unterrichtsstoff helfen, den sie in der Schule lernen. Das war zu einer Zeit, als der Rentner gerade nach einer neuen Aufgabe suchte. Also hat er sich vorgestellt, die junge Afghanin kennengelernt. „Wir haben uns sofort gut verstanden“, erzählt er. Es war ihm klar, dass er für seine Aufgabe viel Geduld brauchen würde. Muzyk ist studierter Diplom-Ingenieur, hat sein Leben lang in großen Unternehmen gearbeitet und viel Verantwortung übernommen. Er sagt: „Geduld habe ich.“

Der erste Rüffel kam schnell - wegen ein paar Euro

Schon nach den ersten paar Treffen merkte er, dass die 25-Jährige kaum eine Chance hatte, in der Schule mitzukommen. Sie kann zwar mühsam lesen, aber nicht schreiben. Und das wird in der Schule nicht gelehrt. Muzyk kaufte also einige Schreibhefte, um gezielt mit ihr üben zu können. Als er das Geld dafür beim SKF abrechnen wollte, bekam er den ersten Rüffel, weil er die Ausgabe nicht abgesprochen hatte. Er empfand das als Beleidigung. „Ich war in meinem Berufsleben für Budgets von bis zu 50 Millionen Dollar verantwortlich“, sagt er. „Hier ging es um ein paar Euro.“

Über noch etwas anderes kann Muzyk nur den Kopf schütteln: den Unterrichtsstoff, den seine Schülerin lernen muss. „Es geht um Energiebilanzen, Kohlenhydrate, das Regiment von Heinrich dem Löwen“, berichtet er. „Die Flüchtlinge lernen in Mathe nicht Plus und Minus, sondern addieren und subtrahieren.“ Viel zu kompliziert, viel zu alltagsfern, findet er. „Das macht es nur noch schwerer für sie.“ Der Zollinger hat überlegt, wie er es seiner Schülerin leichter machen kann – und hat sie in der Adventszeit zu sich zum Plätzchenbacken eingeladen. „Meine Idee war, mit den Mengenangaben in den Rezepten praktisches Rechnen zu üben.“ Doch die Leitung des Frauenhauses, in dem die Afghanin lebt, legte ein Veto ein. Auch zur Weihnachtsfeier von Muzyks Familie durfte die 25-Jährige nicht kommen. „Die Begründung war, das könnte bei ihr negative Emotionen hervorrufen.“

„Ich wollte einfach nur helfen“

Muzyk versteht die Welt nicht mehr. Denn Paten oder Privatpersonen dürfen Flüchtlinge zu sich nach Hause einladen. „Paten werden allerdings erst ausgebildet – das war für mich keine Option. Ich wollte einfach nur helfen“, erklärt er. Also hat er den Ehrenamt-Status offiziell abgegeben und unterrichtet die Afghanin nun als Privatperson. Allerdings darf er das seitdem nicht mehr im Seminarraum des Frauenhauses tun. Und er bekommt seine Anfahrtskosten von Zolling nach München auch nicht mehr erstattet. Muzyk kann darüber nur den Kopf schütteln. Er fühlt sich gedemütigt.

Der SKF erklärt seine Haltung mit der besonderen Schutzverpflichtung für die Frauen in dieser speziellen Einrichtung. Viele von ihnen seien in ihren Herkunftsländern Opfer von Gewalt geworden, dazu kämen in vielen Fällen traumatisierende Erlebnisse während der Flucht. Daher sei es wichtig, dass Ehrenamtliche besondere Rahmenbedingungen einhalten, wenn sie Flüchtlinge unterstützen möchten. Und dazu gehöre eben auch, dass die Frauen nur in den Räumen der Wohnungslosenhilfe Nachhilfe bekommen dürfen. Nur dort könne der Sozialdienst seine Schutzverpflichtung gegenüber der Frauen erfüllen.

Diese Erklärung kann Ulrich Muzyk nicht nachvollziehen. Er findet, dass Hilfsbereitschaft mit Füßen getreten wird. Trotzdem wird er der Afghanin weiterhin beim Deutschlernen helfen, er hat es schließlich versprochen. Wenn er keinen Raum findet, wird er das bei sich zu Hause machen. Als Privatperson darf er das ja nun.

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