+
Ein ewig Rätsel wird es bleiben – bis heute sind die Umstände des Todes von Ludwig II. am Starnberger See bei Berg nicht gänzlich geklärt. Für Hobbyforscher wie den Berliner Peter Glowasz ist das Anlass für immer neue spekulative Thesen.

SERIE ÜBER LUDWIG II. - TEIL VI.

„Ein großer Vertuschungsskandal“

Berlin - Ausgerechnet ein waschechter Berliner will das Rätsel um den Tod des bayerischen Märchenkönigs Ludwig II. gelöst haben. Peter Glowasz ist überzeugt: Der Kini ist auf der Flucht ermordet worden. Ein Besuch beim Anführer aller Verschwörungstheoretiker.

Peter Glowasz empfängt in seiner Wohnung in Berlin-Wilmersdorf. Tiefster Westen, alte Mietshäuser, bescheidene Bürgerlichkeit. Durch einen engen Flur geht es ins Arbeitszimmer. Der Raum ist groß, doch bis auf den hintersten Winkel zugestellt. Bücherregale reichen bis unter die Decke. Wo ein Fleckchen der altmodischen Tapete frei blieb, hängen Bilder von Ludwig II. und Zeitungsausschnitte. In einer Ecke steht ein Computer, eine kleine Büste des Königs lehnt daneben.

Der Märchenkönig ist allgegenwärtig. Fünf Bücher hat Glowasz allein über den bayerischen Monarchen im Selbstverlag herausgegeben. Der Berliner ist ein Vielschreiber, seine Wohnung ist seine Schreibwerkstatt. Früher lebte der 74-jährige Hobby-Forscher hier mit Frau und zwei Söhnen. Heute wäre kein Platz mehr für eine Familie. Nur sechs Kanarienvögel leisten Glowasz Gesellschaft. Sein jüngstes Werk ist gerade fertig geworden. Ein Hörbuch, pünktlich zum 125. Todestag des Königs. Titel: „König Ludwig II. von Bayern und das Jahrhundertverbrechen in Berg am Starnberger See“.

Die mysteriösen Umstände, unter denen der bayerische König aus dem Geschlecht der Wittelsbacher an jenem Abend des 13. Juni 1886 zu Tode kam: Seit 30 Jahren halten sie Peter Glowasz in Bann. Und er fand seine Wahrheit: Es war Königsmord. Auf seinem Bett, außer einem Sessel das einzig freie Sitzmöbel, nimmt er Platz und beginnt zu erklären. Eine „Jahrhundertlüge“ sei die offizielle Version.

Keine Sekunde habe er daran geglaubt, als er sie Anfang der 80er Jahre bei einer Besichtigung des Schlosses Neuschwanstein zum ersten Mal hörte. Von einem König wusste der Touristenführer zu erzählen, der entmündigt worden war, weil die bayerischen Regenten befürchteten, er könnte noch mehr Geld für Prunkbauten verprassen. Der Nervenarzt Bernhard von Gudden habe den Monarchen für geisteskrank erklärt.

Aus Verzweiflung habe er schließlich den Tod im Starnberger See gewählt. Als sein Arzt von Gudden ihn davon abhalten wollte, habe König Ludwig II. ihn unter Wasser gedrückt und sich anschließend selbst das Leben genommen. Der König – ein Mörder und Selbstmörder? „Unerträglich“, findet Glowasz. Noch einmal taucht er ein in die Geschichte, schildert jenen verhängnisvollen Pfingstsonntag vor 125 Jahren.

Dieses Mal beschreibt er Einzelheiten, lässt Bilder entstehen: Ein regnerischer Abend ist es, als sich Ludwig II. mit Bernhard von Gudden gegen 18.45 Uhr aufmacht zu einem Spaziergang durch den Park des Schlosses Berg. Nichts ahnt der Arzt vom Vorhaben des Königs: Dieser hat seine Flucht geplant. Vom Bootssteg aus will er das Fischerboot von Jakob Lidl besteigen. Um 18.52 Uhr erreichen die beiden Männer den See.

Der König reißt sich von seinem Begleiter los und läuft zum Steg. Um 18.53 und 40 Sekunden, das weiß Glowasz genau, fallen zwei Schüsse. Der König wird an der Lunge getroffen, er fällt ins Wasser. Der Mörder: Ein Gendarm, der dem Fluchtversuch Ludwig II. ein tödliches Ende setzte. Ungeklärt sei, wie Bernhard von Gudden ums Leben kam, gibt Glowasz zu.

Er mutmaßt: „Vielleicht hat er den Freitod gewählt, aus Angst, für den Tod des Königs verantwortlich gemacht zu werden.“ Oder er sei als gefährlicher Mitwisser erschossen worden. Die Badehütte jedenfalls, in der beide Leichen für einige Stunden gelegen haben sollen, sei zwei Tage später abgerissen worden, um Blutsspuren zu beseitigen: „Ein großer Vertuschungsskandal begann“, sagt der Ludwig-Forscher. Berichte von Zeitgenossen und deren Nachfahren, teilweise an Eides statt, sollen seine Theorie hieb- und stichfest machen.

Die Quellen benennt Glowasz. Er wolle ja nicht „den Guttenberg machen“. Abends nach der Arbeit – nach eigenen Angaben war er bei Banken und beim Berliner Senat angestellt – habe er sich autodidaktisch Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens angeeignet. Nicht unerwähnt lässt der Ludwig-Kenner seine „jahrelange Weiterbildung am Hochschulinstitut für Wirtschaftskunde Berlin“. Auch das Verlagswesen habe er studiert. Nebentätigkeiten als Redakteur, Bildjournalist, Filmautor und Autor habe er ebenfalls vorzuweisen.

Dennoch, ein Problem bleibt: Glowasz fehlen handfeste Belege. Da gibt es zwar zum Beispiel die Aufzeichnungen des Fischers Jakob Lidl, die der 2004 verstorbene Ludwig-Forscher Albert Widemann, ein Freund Glowasz‘, gelesen haben will. Dummerweise ist aber das schwarze Schulheft verschwunden, in das Lidl geschrieben haben soll. Schade auch, dass es ein weiteres Beweismittel nicht mehr gibt.

Der Münchner Banker Walther Utersmöhle soll an Eides statt ausgesagt haben, er hätte die Schmauchspuren am Königsmantel mit eigenen Augen gesehen. Die mit den Wittelsbachern verwandte Reichsgräfin Josephine von Wrbna-Kaunitz habe das Kleidungsstück in den 50er Jahren in ihrer Münchner Wohnung herumgezeigt. Nur leider sei der Königsmantel 1973 bei einem Brand in Flammen aufgegangen. Glowasz zuckt mit den Schultern, nimmt einen Schluck Kaffee aus einer Tasse, die selbstverständlich König Ludwig II. ziert.

Er habe viele ähnlich triftige Indizienbeweise und deshalb halte er an seiner Theorie fest. Gehör dürfte sie vor allem bei den Königstreuen finden. Und auch der Geheimbund der Guglmänner ist seit jeher vom gewaltsamen Tod Ludwigs II. überzeugt, wenngleich sie den preußischen Geheimdienst des Mordes verdächtigen. „Viele Bayern bezweifeln insgeheim die offizielle Variante“, sagt Glowasz. Aber niemand traue sich, die Wahrheit auszusprechen, aus Angst vor Repressalien.

Das Haus Wittelsbach ignoriert indes Glowasz‘ Theorie. Auf taube Ohren stoße er auch mit seinem Vorschlag, die sterblichen Überreste Ludwig II. untersuchen zu dürfen. Er wolle den Leichnam nicht ans Tageslicht zerren, wie es die Guglmänner forderten, erklärt er.

Schweizer Wissenschaftler könnten mit einer neuartigen Scannertechnik, der sogenannten Virtopsie, den Sarkophag durchleuchten. Die Einschusslöcher seien auch nach 125 Jahren noch nachweisbar. Dann hätte Glowasz den ultimativen Beweis. Was die Nachfahren des Königs davon hielten? „Ham wa nüscht jehört, wissen wa nich‘.“ Der Mann kommt aus Berlin, das hört man gleich.

Sein großer Vorteil, glaubt Glowasz: Ihn als Preußen ließen sie graben in der Geschichte, eine Entfernung von 600 Kilometern zum Tatort hielte die Familie Wittelsbach wohl für ausreichend. Und Gefahr, dass er dauerhaft runterkäme nach Bayern, die bestünde nicht. „Ick find dit schön, mit den Bergen, aber Berlin ist meine Heimat“, sagt Glowasz.

Aber am 13. Juni wird Glowasz die Reise in den Süden wieder einmal auf sich nehmen. Zum 125. Todestag des Märchenkönigs will er einen Gedenk-Gottesdienst in der Michaelskirche in München besuchen.

VON AGLAJA ADAM

Nächste Folge

Kitsch anno dazumal – Ludwig II. auf alten Postkarten.

>> weiter zu Teil 7 der Serie

Die vorherige Folge

zeigt einzigartige Inneneinblicke in Schloss Neuschwanstein.

<< zurück zu Teil 5 der Serie

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unwetter über München bringt S-Bahn komplett aus der Spur
Am Freitagabend ist ein heftiges Unwetter über München hinweggezogen. Die S-Bahn musste wegen umgefallener Bäume den Verkehr einstellen. Gefährlich kann es in der Nacht …
Unwetter über München bringt S-Bahn komplett aus der Spur
See soll verkauft werden und Hans Söllner will etwas dagegen unternehmen
Derzeit stehen im oberbayerischen Bad Reichenhall der Thumsee und das zugehörige Gasthaus zum Verkauf. Liedermacher Hans Söllner fordert seine Fans zum Handeln auf.
See soll verkauft werden und Hans Söllner will etwas dagegen unternehmen
Gondel in Freizeit-Land Geiselwind sackt ab: Kinder leicht verletzt
Wegen eines Risses an einem Stahlseil sackte bei einen Freefall-Tower im Freizeit-Land Geiselwind das Fahrgeschäft ab. Dabei wurden 13 Kinder leicht verletzt.
Gondel in Freizeit-Land Geiselwind sackt ab: Kinder leicht verletzt
Auto prallt gegen Baum - Fahrer tot
Er kam mit dem Wagen von der Straße ab und prallte gegen einen Baum. Der 46-Jährige starb noch an der Unfallstelle. 
Auto prallt gegen Baum - Fahrer tot

Kommentare