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Die Erinnerung fährt mit

Zugunglück von Bad Aibling jährt sich: Zeugen erinnern sich

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Bad Aibling - Vor einem Jahr ereignete sich zwischen Kolbermoor und Bad Aibling die schlimme Zugkatastrophe mit zwölf Toten und über 80 Verletzten. Unser tz-Reporter Markus Christandl sprach mit Zeugen.  

Die Amseln singen ihre Melodie und werden begleitet vom Zwitschern der Blaumeisen, doch die Nacht hat Kolbermoor weiter im Griff. Frisch ist es, vor einer Viertelstunde erst war der Winterdienst noch unterwegs. Vor einem Jahr, damals der Faschingsdienstag, war es hier am Bahnhof ähnlich friedlich um 6.30 Uhr. Nur klarer, kein Nebel, keine Wolken. Doch eine Stunde später war überall das Flap-Flap-Flap der Rettungshubschrauber zu hören: Nach der Katastrophe, keine zwei Kilometer entfernt, begann die Rettung und Bergung der 160 verunglückten Passagiere.

„Die Strafe für diesen Typen - ein Witz“

Axel Grigull kann nicht verstehen, dass im Stellwerk gespielt wurde.

Jessica (31) steht heute früh am Bahnsteig und liest unter einer Laterne in ihrem Buch, sie denkt zurück: „So etwas darf nicht passieren, es kann aber auch nicht sein, dass der Fahrdienstleiter der alleinige Schuldige bleibt.“ Etwas weiter entfernt erinnert sich Axel Grigull (60) an jenen Tag, an dem er ausnahmsweise den früheren Meridian nahm. Das Unglück beschäftigt ihn. „So etwas darf bei einer Zugfahrt nie vorkommen, dass ein Fahrdienstleiter so versagt. Aber er hat das Handyspiel gespielt. Öfter. Ich weiß nicht, wie der so etwas in so einer verantwortungsvollen Position machen kann.“ 

Fahrdienstleiter Michael P. (40) wurde in Traunstein zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, dreieinhalb Jahre. „Ein mildes Urteil“, denken einige, die heute hier entlang der Mangfall unterwegs sind. „Viel zu wenig“, wird im Waggon ein Mann im Anzug sogar laut. Die Schaffnerin schaut. „Wie kann einer wie der, die Technik einfach außer Kraft setzen. Eine Tragödie, die Strafe für diesen Typen – ein Witz!“

Zwei Kreuze erinnern an alle Opfer

Inga Stelz fährt täglich mit dem Meridian, oft denkt sie an die Opfer.

Als um 6.44 Uhr der Meridian aus Bad Aibling ankommt, eine Minute später der andere in Gegenrichtung ausfährt, wirkt dies so eingespielt, selbstverständlich, so vertrauenswürdig. Routine, der eine kommt, der andere geht. Drei Minuten dauert die Fahrt zum Aiblinger Kurgarten, schnell beschleunigt der Meridian, in dem hinten auffällig mehr Plätze besetzt sind, als vorne beim Führerstand. Nach eineinhalb Minuten saust der Zug in die leichte Rechtskurve, in der sich damals die Lokführer plötzlich sahen – und beide noch eine Notbremsung versuchten, bevor sie starben. 

Zwei Kreuze stehen heute im Abstand an der Unglücksstelle für alle Opfer, eines nimmt man im Tageslicht beim Vorbeifahren verschwommen wahr. „Das sehe ich immer, wenn ich in die Arbeit fahre“, erzählt Inga Stelz. Die 17-Jährige macht eine Ausbildung, das Kreuz gehört zu ihrem Pendleralltag, oft wird ihr mulmig. „Mir zittern dann auch die Hände.“ 

„Es war eine schreckliche Geschichte“

Heinz Lipka lag mit einem Schwerverletzten im Krankenzimmer.

Heute Abend findet am Denkmal im Kurpark, das an die Kata­strophe erinnert, ein Gottesdienst statt. Mit dabei auch Feuerwehrleute, die von den schrecklichen Bildern ihr Leben lang begleitet werden. Exakt um 6.47 Uhr bekommen die Helfer eine SMS auf ihre Handys. Der damalige Aiblinger Kommandant Wolfram Höfler (63) nennt es „unseren Gedenkalarm“. 

Einer der vielen Verletzten, die die Retter aus den Wracks befreiten, lag später im selben Krankenhauszimmer wie Heinz Lipka (89). „Es ist eine schreckliche Geschichte. Seine Beine waren zerschmettert, er hat es sehr schwer gehabt.“ Ein Meridian in Richtung Holzkirchen fährt ein. Im Rücken von Lipka am Aiblinger Bahnhof geht eine Tür auf. Es ist die Tür zum Stellwerk, in dem der Fahrdienstleiter mit dem Handy spielte.

Wie kam es zu dem Zugunglück? 

Am 9. Februar 2016 starben zwölf Menschen bei dem Zusammenstoß zweiter Meridiane.


Am 9. Februar stoßen um 6.47 Uhr zwei Meridianzüge auf der eingleisigen Strecke zwischen Bad Aibling und Kolbermoor zusammen. Zwölf Menschen werden getötet, viele verletzt. Da Faschingsdienstag ist, sind die Züge glücklicherweise leerer als sonst. Schnell wird Fahrdienstleiter Michael P. (40) als Verursacher ausgemacht. Er hatte verbotenerweise ein Handyspiel gespielt. Davon abgelenkt setzte er Signale falsch und gab ein Sondersignal, das alle Sicherungen der Bahn bei unvorhergesehenen Ereignissen außer Kraft setzt. Das Landgericht Traunstein verurteilte ihn im Dezember zu dreieinhalb Jahren Haft. Heuer dürfte er Freigänger werden.

Markus Christandl

Rubriklistenbild: © dpa

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