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„Ein Luftreiniger für jedes Klassenzimmer“

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Von: Dirk Walter, Charlotte Borst

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Ein Mensch im Anzug.
Christian Kähler ist Prof. an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg. © privat

Sind Luftreiniger in Schulen sinnvoll oder nicht? Während viele Kommunen als Schulträger noch zweifeln, hat Prof. Christian Kähler dazu eine eindeutige Meinung. Er rät: Kaufen Sie, bevor es zu spät ist. Ein Gespräch mit dem Professor am Institut für Strömungsmechanik an der BundeswehrUniversität Neubiberg.

Kurz vor den Sommerferien wird in vielen Kommunen noch immer über die Luftreiniger diskutiert. Ist es nicht höchste Zeit, sie zu bestellen?

Wenn man will, dass die Schulen offen bleiben, muss man sich um technische Mittel kümmern. Leistungsstarke Luftreiniger sind mit Abstand die sicherste Methode, um Schüler und Lehrer vor Ansteckung in Innenräumen zu schützen. Allerdings schützen sie nur vor indirekter Infektion. Sie sorgen dafür, dass die Virenlast in der Raumluft niedrig bleibt.

Welches Risiko bleibt?

Wer sich länger mit seinem Nachbarn unterhält, kann sich direkt infizieren. Dagegen helfen transparente Schutzwände sehr zuverlässig. FFP2-Masken sind dann nur erforderlich, wenn man sich durch den Raum oder das Schulgebäude bewegt und sich im öffentlichen Nahverkehr aufhält. Die Kombination aus Raumluftfilter, Schutzwänden und Masken bringt umfassende Sicherheit.

Der Chef des Gemeindetags, Uwe Brandl, sagt, die Effektivität der Geräte sei nicht erwiesen und die Kommunen würden jetzt in die Beschaffung gedrängt. Hat er Recht?

Nein. Die erste Aussage ist falsch. Ein Luftreiniger, der pro Stunde mindestens das Sechsfache des Raumvolumens filtern kann, macht absolut Sinn. Es kann sich jeder ausrechnen, welches Gerät er da benötigt – Länge mal Breite mal Höhe des Raumes ergibt das Raumluftvolumen. Da brauche ich keinen Sachverständigen zu Rate zu ziehen. Das Gerät sollte einen H13- oder H14-Filter haben, der geprüft ist nach der europäischen Lüftungsnorm EN 1822-1. Damit lässt sich die Virenlast in Klassenräumen effektiv mindern.

Empfehlen Sie die kleinen mobilen Geräte oder eher die großen?

Die großen Geräte, die 1200 Kubikmeter Luft pro Stunde reinigen, sind leiser und besser für Klassenzimmer geeignet als die kleinen, die nur 330 Kubikmeter pro Stunde filtern. Ein gutes Gerät erhält man ab 2000 Euro. Man braucht vier kleine Geräte, um den gleichen Volumenstrom umzusetzen, was oft teurer, aber auf jeden Fall viel lauter ist.

Förderprogramme haben bürokratische Hürden

Woran liegt es, dass noch nicht alle Schulen ausgerüstet sind?

Die Einrichtungen und Firmen, die selber über Mittel verfügen, haben sofort reagiert. Die Polizei hat für ihre Polizeischulen rund 500 Geräte gekauft. Eine private kirchliche Schule hat gerade 600 Geräte angeschafft. Die Luftreiniger-Technologie wird uns in Zukunft begleiten und sich über Jahre bewähren. Sie wird auch in Restaurants, Kulturbetrieben, Bürgerhäusern eingesetzt werden. In Schulen, Pflegeheimen und Kindergärten geht es zu langsam voran. Die Förderprogramme, die es fast in allen Bundesländern für Schulen gibt, sind mit hohen bürokratischen Hürden verbunden. Das finde ich extrem bedenklich.

Was halten Sie von dem Argument, dass man die Klassenzimmer ja über die Fenster lüften kann?

Das ist totaler Unsinn. Freies Lüften bietet nur wenig Sicherheit. Es scheitert an den Menschen und an der Physik. Die Menschen machen es nicht konsequent, weil das Lüften den Unterricht unterbricht und es im Winter ungemütlich kalt wird und zieht. Ist nach ein paar Mal Lüften drinnen die gleiche Temperatur wie draußen, dann findet auch kein nennenswerter Luftaustausch mehr statt.

Umweltbundesamt wirft „Nebelkerzen“

Das Umweltbundesamt hält vom Lüften viel, von Luftreinigern wenig.

Das Konzept des Umweltbundesamts ist vollkommener Quatsch. Das ist eine Bundesbehörde, die ihre Macht missbraucht, die werfen Nebelkerzen. Mit seiner Position steht das UBA international betrachtet auch isoliert da. Die WHO zum Beispiel empfiehlt Luftreiniger.

Oft heißt es: Luftreiniger sind zu teuer.

Die Schulen mit Luftfiltern auszurüsten, würde bundesweit 1,5 Milliarden Euro kosten. Wenn man sich anschaut, was sonst an Staatshilfen in die Industrie geflossen ist, um Unternehmen zu stützen, kann man nicht verstehen, warum es nicht längst in jedem Klassenzimmer ein Gerät gibt. Dass der Freistaat nun alle Klassenräume in Bayern mit Luftreinigern ausstatten will, ist absolut zu begrüßen.

Es gibt noch weitere Einwände gegen Luftreiniger.

Welche?

Die Geräte seien zu laut und stören im Unterricht.

Entschuldigung, das ist Blödsinn, das muss ich so deutlich sagen. Es gibt zahlreiche Geräte, die bei 1200 Kubikmeter Austausch pro Stunde nicht lauter als 52 Dezibel sind – oft sogar deutlich leiser.

Die Geräte sind Stromfresser, heißt es. Sie überlasten das Stromnetz einer Schule.

Auch falsch. Die Geräte haben eine Leistung von 150 bis 350 Watt. Das ist weniger als die Beleuchtung in einem Klassenraum und weniger als ein Föhn. Mir kann niemand sagen, dass es da die Sicherung raushaut.

Behauptet wird: Die Filter muss man oft austauschen, das ist Sondermüll.

Wieder so ein Mythos. Der Filtertausch ist alle ein bis drei Jahre notwendig. Die Viren im Filter sind am nächsten Tag von ganz alleine deaktiviert. Niemand muss Angst haben, dass er sich ansteckt. Tragen Sie eine Maske, wenn Sie sich unsicher fühlen. Das reicht. Der Filter ist weniger gefährlich als ein Staubsaugerbeutel und auch kein Sondermüll.

Sollten die Kommunen einen Sachverständigen fragen, bevor sie Geräte kaufen?

Nein. Wenn sie den einschalten, wird es teuer und dauert länger – beides ist unnötig. Ich gebe jedem Bürgermeister den Rat: Zählen Sie die Zahl der Klassenzimmer in Ihrer Schule und kaufen Sie für jeden Raum ein Gerät, das die drei genannten Kriterien erfüllt. Ist ein Klassenzimmer wirklich lang und schmal, fast wie ein Flur, kaufen Sie zwei Geräte. Und noch was.

Ja?

Seien Sie schnell, bevor der große Run ausbricht: Es wird nicht den einen Hersteller geben, der mal eben 100 000 Geräte liefern kann.

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