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Heiß begehrt: Immer mehr Briten in Bayern beantragen seit dem Brexit-Entscheid die doppelte Staatsbürgerschaft.

Steigerung von 264 Prozent

Einbürgerungen nach Brexit-Entscheidung: Ansturm auf bayrische Ämter

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Die Anträge auf doppelte Staatsbürgerschaft sind in Bayern extrem gestiegen, seit die Entscheidung für den Brexit gefallen ist. Ob die bayerischen Briten auch nach dem Brexit zwei Pässe bekommen können, ist unklar.

München – Der Gedanke hat Robert Harrison schon eine ganze Weile begleitet. Der Patentanwalt aus Zorneding (Kreis Ebersberg) lebt seit 27 Jahren in Deutschland. Die Besuche in seiner britischen Heimat sind seltener geworden, seit seine Eltern nicht mehr leben. „Ich bin nun die Hälfte meines Lebens in Bayern“, sagt er. „Und ich werde hier alt werden.“ Da lag es auf der Hand, irgendwann die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Irgendwann. Doch dann ging alles schneller als geplant. Als die Mehrheit der Briten am 23. Juni vergangenen Jahres für den Austritt Großbritanniens aus der EU stimmten, stand für Harrison fest, dass der Moment nun gekommen ist.

1852 Türken wollten 2016 deutschen Pass

Und er war nicht der einzige bayerische Brite, der sich damals entschieden hat, den zweiten Pass zu beantragen. Die Einbürgerungen britischer Staatsbürger haben sich landesweit von 86 im Jahr 2015 auf 313 im Jahr 2016 erhöht – das ist ein Plus von knapp 264 Prozent. Die Ausländerbehörden in den Landratsämtern berichten von erhöhten Wartezeiten bei der Bearbeitung. Sie dauern nicht mehr ein bis drei Monate wie bisher, sondern nun meist über ein halbes Jahr. Und das, obwohl einige Behörden auch personell bereits auf den allgemeinen Anstieg der Anträge reagiert haben. So wurden in der Ausländerbehörde im Kreis München beispielsweise drei neue Mitarbeiter eingestellt, die die vier bisherigen künftig unterstützen sollen. „Sie sind momentan noch in der Einarbeitungszeit“, berichtet Sprecher Tobias Kleinert. „Wir gehen davon aus, dass sich die Bearbeitungszeiten im kommenden Jahr wieder normalisiert haben.“ Obwohl sich im Landkreis München bereits andeutet, dass die Antragswelle so schnell nicht abebben wird. Nach der Brexit-Entscheidung im Juni beantragten bis Ende des Jahres 51 Briten die deutsche Staatsbürgerschaft, im Jahr 2017 waren es bis Ende Juli 60 Anträge.

München und sein Umland sind keine Ausnahmen

Das Münchner Umland ist damit keine Ausnahme. Im Kreis Starnberg wollten im ersten Halbjahr 2016 vier Briten einen deutschen Pass, im selben Zeitraum dieses Jahres sind es 19. Auch insgesamt ist die Zahl der Anträge auf Einbürgerung dort deutlich gestiegen. Im Schnitt waren es 120 pro Jahr, im ersten Halbjahr 2017 sind es bereits 100. Etwa 120 weitere sind noch offen.

Denn es gibt noch eine zweite große Gruppe, die sich intensiv mit dem Thema Einbürgerung beschäftigt: in Deutschland lebende Türken. Laut Innenministerium haben 2016 1852 Türken die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt – das sind 12,9 Prozent aller Anträge. Allerdings gibt es einen großen Unterschied: Bürger aus einem Nicht-EU-Land können keine doppelte Staatsbürgerschaft beantragen. Für die deutschen Türken bedeutet das, dass sie im Falle einer Einbürgerung ihren türkischen Pass abgeben müssen. Ausnahmen aufgrund besonderer Umstände gab es vergangenes Jahr nur in 51 Fällen. „Das ist ein minimaler Anteil“, sagt ein Sprecher des Ministeriums.

Robert Harrison lebt seit 27 Jahren in Bayern

Solange Großbritannien noch zur Europäischen Union gehört, können im Ausland lebende Briten noch die doppelte Staatsbürgerschaft beantragen. Das erklärt die sprunghaft gestiegene Zahl der Anträge. Denn wie es nach dem Brexit mit offenen Anträgen weitergeht, ist bisher unklar. Die Landratsämter bekommen diese Frage seit Monaten ständig gestellt. Auch das Innenministerium kann keine verlässliche Auskunft liefern. „Das ist momentan alles völlig in der Schwebe und hängt vom Ausgang der Verhandlungen ab“, sagt Sprecher Martin Scholtysik. Robert Harrison geht davon aus, dass sein laufender Antrag noch vorher bearbeitet wird. Müsste er sich entscheiden, würde er einen deutschen Pass wollen, sagt er.

Brown hat beide Pässe – und darf sie behalten

Benjamin David Brown wollte sich diese Frage nicht stellen müssen. Sein Vater ist Brite, er selbst lebt seit seiner Geburt in Riemerling im Kreis München. „Mit dem Gedanken, den zweiten Pass zu beantragen, habe ich schon länger gespielt“, berichtet der 19-Jährige. Dann kam der Brexit. Nur zwei Wochen später stellte er den Antrag, reichte die nötigen Dokumente ein. „Ich wusste, dass es einige Zeit dauern wird“, sagt er rückblickend. Weil weder die Sprache noch die Landeskunde für ihn ein Problem waren, ging es schneller als bei anderen. Etwa ein halbes Jahr dauerte es, bis sein Antrag bearbeitet war. Damit hat Brown vielen anderen bayerischen Briten nun etwas voraus. Er muss sich keine Sorgen um seine beiden Pässe machen – egal, wie die Brexit-Verhandlungen ausgehen werden.

Lesen Sie auch: Nach dem Brexit: Lieber Bayerin als Britin zweiter Klasse

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