Prof. Franz Eberle.

Interview

Experte zu G9: „Eine bessere Förderung braucht Zeit“

Die Diskussion über die Zukunft des Gymnasiums in Bayern kommt langsam in die heiße Phase. Unsere Zeitung bat Prof. Franz Eberle, Lehrstuhlinhaber für Gymnasialpädagogik an der Universität Zürich, um eine Außenansicht zum Thema.

Und das ist die heiße Phase: Kommenden Donnerstag gibt es im Landtag eine Anhörung über die Frage, wie viel G9 am Gymnasium sinnvoll ist . Am 3. Juli beginnt das Volksbegehren der Freien Wähler, am 10. Juli veranstaltet der Philologenverband einen Gymnasialkongress. Im Interview schildert der Schweizer Professor seine Sicht der Dinge.

Herr Prof. Eberle, wie sehen Sie als Schweizer die deutsche G9-Diskussion?

In der Schweiz ist das ziemlich anders. Es gibt eine hohe Kantonsautonomie, aber gemeinsam ist doch, dass in den meisten Kantonen die gesamte Schulzeit nach zwölf Jahren endet. Wobei die Schulzeit im Schultyp Gymnasium teils nur vier Jahre, teils sechs Jahre dauert. Nur noch die Kantone Aargau, Genf, Tessin und Wallis haben 13 Schuljahre. In der Schweiz gibt es keine Bestrebungen zur Rückkehr zu 13 Jahren. Wobei man sagen muss, dass Ganztags-Gymnasien in der Schweiz üblich sind. Schulschluss um 17 Uhr ist ganz üblich.

Klingt anstrengend.

Der große Unterschied ist, dass in der Schweiz nur etwa 20 Prozent Matura, also Abitur, erhalten. Die Zahlen schwanken freilich von Kanton zu Kanton. Glarus zum Beispiel hatte 2012 nur eine Quote von 13,1 Prozent. Im Tessin hingegen waren es 28,5 Prozent.

In Bayern sind es rund 40 Prozent.

Das ist eine andere Größenordnung. Wir haben festgestellt: Wenn die Maturitäts-Quote angehoben wird, dann sinkt das durchschnittliche Leistungsniveau und es steigt umgekehrt die Studienabbrecherquote. Man kann sagen: Ein Kanton oder ein Land, das eine relativ geringe Matura-Quote akzeptiert, kann sich ein Abitur nach zwölf Jahren leisten. Wenn man eine hohe Quote anstrebt, sollte man ein Jahr mehr akzeptieren.

Würde ein Schuljahr mehr das Leistungsniveau generell anheben?

Im Mittel schon. Ein Schuljahr mehr kommt vor allem den eher leistungsschwächeren Schülern zugute. Zeit ist ein wichtiger Faktor, denn bessere Förderung braucht mehr Zeit. Unter diesem Gesichtspunkt bringt natürlich eine Verlängerung der Schulzeit einiges.

Wenn man das Ziel hat, sehr viele Kinder aufs Gymnasium zu führen, sollte man es länger machen?

Ja, wobei man gut beraten ist, ein flexibles System einzuführen, also auch ein G8 für leistungsstarke Schüler anzubieten. Das ist ja auch so angedacht, wenn ich die Diskussion in Bayern richtig verstehe.

Könnte der Gewinn an Lernzeit nicht auch durch G8-Ganztagsgymnasien erzielt werden?

Schwierig. Schüler brauchen auch Freizeit. Die Formel, man macht einfach mehr während des gesamten Schuljahres, hat gewisse Klippen.

Wenn die Schweiz nicht über G8 oder G9 diskutiert – über was dann?

Die Schweizer Maturanden haben prüfungs- und numerus-clausus-freien Zugang zu den Universitäten, Ausnahme ist das Medizinstudium. Das ist international einmalig, aber nicht unumstritten. Wenn wir dieses Privileg beibehalten wollen, müssen wir gewisse Mängel beheben. Zum Beispiel haben wir kürzlich in einer nationalen Untersuchung aufgedeckt, dass es in Mathematik und in der Erstsprache eine Gruppe von Maturanden gibt, die über große Wissenslücken verfügen. Das ist möglich, weil ungenügende Maturanoten durch gute Noten in anderen Fächern kompensiert werden können. So können sich Maturanden auch krasse Lücken in Mathematik leisten.

Mathematik, Englisch und Deutsch sind in Bayern Pflichtfächer beim Abitur – das sollte dann wohl besser so bleiben?

Unbedingt. Das sind Basiskompetenzen für sehr viele Studienfächer.

Welche Schwerpunkte sollte ein modernes Gymnasium setzen?

Ich möchte ein paar Stichpunkte nennen: Wir müssen erlerntes Wissen nachhaltiger verankern. Ebenso sollte die Fähigkeit zum selbstorganisierten Lernen verstärkt gefördert werden. Weiter haben wir festgestellt, dass sich Erstsemester mit Zeitmanagement sehr schwer tun, auch das sollte also bereits im Gymnasium vermittelt werden. Es ist ferner ganz wichtig, dass Kompetenzorientierung und Fachwissen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Beides ist wichtig. Der Erwerb der Fähigkeit zum selbstorganisierten Lernen darf nicht zu Lasten des Erwerbs von Fachwissen gehen. Auch das hat zur Folge, dass wir eher mehr Zeit für Unterricht brauchen als weniger. In der Schweiz ist das Ziel des Gymnasiums außerdem nicht nur die allgemeine Studierfähigkeit.

Sondern?

Sondern auch die Vorbereitung auf anspruchsvolle Aufgaben in der Gesellschaft. Dafür habe ich den Begriff der vertieften Gesellschaftsreife geprägt. Dieses Ziel ist ebenso wichtig wie die Studierfähigkeit. Ich will Bayern nichts vorschreiben, aber vielleicht wäre die vermehrte Orientierung an der vertieften Gesellschaftsreife auch bei Ihnen prüfenswert.

Das Interview führte Dirk Walter.

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