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Frühaufsteher, Demonstranten, Volksmusiker: Um 6 Uhr in der Früh startete am Montag der erste Protest-Tag vor dem BR-Funkhaus. Ziel: Die Radio-Sendung „Heimatspiegel“ soll wieder auf dem alten Programmplatz laufen.

Eine Demo für die Volksmusik: Hörerproteste vor dem BR

München - Der „Heimatspiegel", eine legendäre Radiosendung auf Bayern 2, beginnt seit Kurzem um 5 Uhr - anstatt, wie früher, um 6. Ein Skandal, finden Stammhörer und Musikanten. Am Montag war in München die erste Volksmusik-Demo - wo plötzlich ein lautstarker Hörfunkdirektor auftauchte.

6.15 Uhr in der Früh, München schlummert noch, aber der Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks probt den Aufstand. Johannes Grotzky fährt mit seinem silbernen Audi mitten auf den Rundfunkplatz, reißt alle Türen auf, stellt sein Autoradio auf Volldampf - und beschallt mal schnell den ganzen Platz mit Bayern 2.

Die Klangqualität des Radios ist fantastisch - aber man hört das gute Dutzend Volksmusikanten ein paar Schritte entfernt von ihm samt Trompeten und Gitarren kaum mehr. Die Musiker schauen ein bisserl doof aus der Wäsche. So war das nicht gedacht: Eigentlich wollten sie heute ein Protest-Konzert geben - und zwar gegen die Verschiebung der Bayern-2-Sendung „Heimatspiegel“ von 6 auf nunmehr 5 Uhr. Ein Skandal, finden sie, ein Verrat an Bayern und am jahrzehntelang einstudierten Tag-Nacht-Rhythmus. Nacht ist, wenn dunkel. Tag, wenn der „Heimatspiegel“ beginnt. So war’s ein Leben lang. Bisher zumindest.

In früheren Zeiten sind Revolutionen schon wegen Geringerem ausgebrochen, aber mit dem Direktor als Ein-Mann-Gegendemonstrant haben die Musiker heute nicht gerechnet. „Können Sie die Schachterl-Musi ausmachen, Herr Doktor Grotzky?“, ruft Ernst Schusser, Strohutträger, Ziach-Spieler und Chef des Oberbayerischen Volksmusikarchivs. Nö, Radio ausmachen, mag der Direktor jetzt erst mal nicht. Ist den Volksmusikanten wurscht: Sie spielen den Nabucco-Walzer - im Wettstreit mit dem Direktoren-Radio.

Ein grauhaariger „Heimatspiegel“-Stammhörer mit verlatschen Sandalen und einer Sauwut schnappt sich derweil den Direktor. „Wir wollen unsere Sendung wieder“, schimpft er. Und: „In der Früh wollen die Leute nichts Negatives aus der Politik hören.“ In der Früh, bittschön, keine Öl-Katastrophen, Politiker-Katastrophen, geschweige denn sonstige Katastrophen. Katastrophen im Radio, erst ab 7 Uhr. Davor: Was für’s Herz, Seelenfutter, Volksmusik!

Dass es im Digitalfunk zur gewohnten Zeit BR-Volksmusik gibt, beruhigt die Demonstranten nicht. Kaum jemand hat ein digitales Radio, sagen sie. Und deswegen demonstrieren sie, die „Heimatspiegel“-Freunde - drei Tage am Stück, immer vor dem Funkhaus, immer zwischen 6 bis 7 Uhr zur ursprünglichen „Heimatspiegel“-Sendezeit.

Zwei, die sich streiten: Hörfunkdirektor Johannes Grotzky (l.) und Ernst Schusser, Leiter des Volksmusikarchiv.

Der Hörfunkdirektor will das Flehen nicht so recht erhören: Er blättert lieber im Programmheft des BR, ein paar davon verteilt er, dann verweist er auf die Volksmusik-Liebe seines Hauses und auf die vielen Stunden Heimat im BR. „Wir wollen das Moderne mit dem Traditionellen verbinden“, sagt er. Dann erklärt er den Grund der Verlegung: Andere Hörer, sagt er, schalteten gar nicht ins Bayern 2-Programm rein - wegen der Volksmusik. „Was machen sie mit einem Auto, das nur noch ganz wenige Leute fahren?“ fragt er. Der Mann mit den Sandalen zuckt mit den Schultern. Die Volksmusikfans fühlen sich abgewrackt. „Was sie machen, ist Volksverdummung“, ruft Strohhutträger Schusser quer über den Platz. Dann singen sie ein für heute einstudiertes Lied - „Die traurige Moritat vom verlorenen Heimatspiegel“. Alle im Chor: „In da Fruah um sechse scho geht jetzt da Jammer los: Wo is da Heimatspiegel, na, na, wo is er bloß?“

Veronika Bichelmayer vom „Niederbayerischen Musikantenstammtisch“ singt in der ersten Reihe mit, sie hat den Protest organsiert. 25 Jahre ist sie alt, zudem Tenorhornspielerin. Die Verschiebung findet sie „eine Frechheit“. Sie protestiere hauptsächlich für ihre Eltern, sagt sie. Seit sie denken könne werde bei ihr zu Hause beim Frühstück der Heimatspiegel gehört. Hoffnung auf Rückkehr zur alten Sendezeit hat sie jedoch wenig. „Grotzky scheint uneinsichtig.“

Wenigstens hat er inzwischen sein Radio abgestellt.

Stefan Sessler

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