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„Wärste netter gewesen, wär’s billiger“: Nicht jeder Schlüsseldienst ist seriös. Im Internet wimmelt es von Horrorgeschichten über horrende Preise.

Abzocke?

376 Euro: Gericht gibt Schlüsseldienst Recht

Augsburg - 376 Euro für eine Minute Arbeit: So viel verlangte ein Schlüsseldienst fürs Türöffnen. Eine Abzocke der dreisten Art? Nein, sondern ein angemessener Preis, urteilte nun das Augsburger Amtsgericht.

Es war an einem Samstagvormittag im März 2010 gegen 10.30 Uhr, als sich eine mittlerweile 27-Jährige diese kleine Flüchtigkeit leistete, die sie 376,27 Euro und jede Menge Ärger kosten sollte: Sie ging einkaufen und vergaß ihren Wohnungsschlüssel. Weil die heutige Verwaltungsbeamtin aber um 11.30 Uhr arbeiten musste und zumindest ihr Handy eingesteckt hatte, ließ sie sich von der Auskunft einen fünf Kilometer entfernten Schlüsselnotdienst vermitteln, der kurz darauf anrückte.

„Das wird jetzt teuer, haben Sie das Geld?“, warnte der Monteur vor, aber die Beamtin hatte es eilig, sie ging darauf ein. Und dann ging alles ganz schnell: Innerhalb von einer Minute war die Tür wieder offen. „Das kann man ganz einfach mit einer Scheckkarte machen“, ließ der Experte seine Kundin nun wissen. Und der nachfolgende Satz ließ ihre Mundwinkel vermutlich endgültig in Richtung Türschloss sacken: „Wärste netter gewesen, wär’s billiger geworden.“

Die Beamtin bezahlte zwar, doch schließlich zeigte sie den Schlüsseldienst an – wegen Wuchers. Die Staatsanwaltschaft stellte einen Strafbefehl über eine Geldstrafe von 1200 Euro aus. Das wiederum wollte der Handwerker nicht auf sich sitzen lassen, legte Einspruch ein – und bekam Recht: Am Dienstag entschied das Amtsgericht Augsburg, dass der Mann sich nicht strafbar gemacht hat.

Das Gericht sei zu dem Schluss gekommen, dass der vom Schlüsseldienst geforderte Preis üblich sei, erklärte ein Sprecher. Einem Sachverständigen zufolge müsse man mit 36 Euro für die Anfahrt, 159 Euro für die erste Arbeitsstunde und einem hundertprozentigem Aufschlag am Wochenende rechnen.

Experten sind geteilter Meinung. Tatjana Halm von der Verbraucherzentrale Bayern (VZB) beurteilt die Rechnung über 376 Euro als „hohen Preis, das ist schon sportlich“. Allerdings, schränkt die Juristin ein, „gibt es auch noch höhere Preise“. Rudolf Baier von der Handwerkskammer für München und Oberbayern kann die Anzeige der Beamtin überhaupt nicht nachvollziehen: „Man sollte am Telefon nach den Kosten fragen und sich nicht erst hinterher beschweren.“

Der 27-Jährigen wird das aller Voraussicht nach nicht mehr helfen, sie wird wohl nie wieder ihren Schlüssel vergessen. Und sie ist nicht die Einzige mit schlechten Erfahrungen. Im Internet wimmelt es von Horrorgeschichten: 500 Euro für eine Stunde Arbeit, 1000 Euro für zwei Stunden Arbeit und ein aufgebohrtes Türschloss.

Die Ursache für die horrenden Preise: „Es gibt keine Tarife“, erklärt Juristin Halm, „man ist abhängig davon, welche und wie viele Dienste es vor Ort gibt. Daher gibt es keinen Betrag, ab dem man sagen kann: ‘Das ist Wucher!‘“ Halm empfiehlt, sich an Schlüsseldienste zu wenden, „die mit der Innung zu tun haben und am Telefon nach Pauschalpreisen zu fragen“. Wenn rumgedruckst wird: lieber den Nächsten anrufen. Wenn sich die Rechnung dennoch als böse Überraschung entpuppt, darf man auch einen Teil der Summe einbehalten und den Fall von der VZB prüfen lassen.

Es gibt eben einige schwarze Schafe in der Branche. Sogar solche, die drohen, die Tür wieder zu schließen, wenn man nicht sofort bezahlt. Halms Tipp für solche Fälle dürfte Wirkung zeigen: „Die Polizei rufen.“

In Berlin ist sogar der „Schlüsseldienstruf“ gegründet worden, der unfreiwillig Ausgesperrte nur an getestete und für seriös befundene Berliner Dienste vermittelt. Damit es dann doch nicht zu teuer wird, wenn einem einmal diese kleine Flüchtigkeit passiert.

Kai Göpfert

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