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Ein schnelles Foto vom Unfall. Der Voyeurismus der Menschen scheint zuzunehmen. Manchmal werden Schaulustige sogar zum Hindernis für die Retter – und zum Risiko für die Unfallopfer.

Sie filmen Opfer sogar mit dem Handy

Immer mehr Gaffer blockieren Rettungsarbeiten

München - Gaffer sind ein Ärgernis. Wenn sie Rettungsarbeiten blockieren, werden sie sogar zur Gefahr. Das kommt immer häufiger vor, berichten Einsatzkräfte. Die Handhabe der Polizei ist gering.

An diesem Montag im April bleibt Michael Huber die Spucke weg. Der Kommandant und seine Feuerwehr-Kameraden haben gerade eine 80-Jährige aus ihrer brennenden Wohnung in Taufkirchen (Kreis München) gerettet; aus dem Fenster im dritten Stock schlagen noch immer Flammen, unten versorgt ein Notarzt die schwer verletzte Rentnerin.

Passanten bleiben stehen, schauen, nur einem reicht das nicht. Er drängt sich durch die Rettungskräfte, bis er die Verletzte sieht, hält sein Handy hoch, knipst. Ein Opfer-Bild, ein Souvenir. Huber sagt: „Das war was Heftiges.“

Das alte Problem mit den Gaffern ist ein sehr aktuelles: Sie kriechen unter Absperrungen durch, blockieren Krankenwagen, bleiben bei Verkehrsunfällen auf der Gegenfahrbahn stehen, um Videos zu drehen. Das Taufkirchner Beispiel mag eines der besonders dreisten Art sein. Aber dass Schaulustige Rettungskräfte bei ihrer Arbeit behindern, ist keine Seltenheit.

Peter Hausl macht diese Erfahrung immer wieder. Er leitet den Rettungsdienst beim Bayerischen Roten Kreuz (BRK) und ist regelmäßig bei Einsätzen dabei. Kürzlich, bei einem schweren Unfall auf einer Bundesstraße, versperrten ihm Fotoknipser mal wieder den Weg. Er musste sich, die Trage unterm Arm, durchfragen.

„Es gibt Leute, denen ist jede Warnung egal“, sagt er – obwohl es bei solchen Einsätzen um Sekunden geht. Hausl ist lange dabei, kennt das Problem. Aber seit die Leute ihre Handykameras immer zur Hand haben, „hat’s eine neue Qualität bekommen“.

Gaffer filmen Opfer mit dem Handy und blockieren Rettung

Erst kürzlich erklärte der ADAC, es passiere „immer häufiger“, dass Menschen Opfer mit dem Handy filmen und so Rettungsmaßnahmen behindern. Rechtliche Konsequenzen hat das aber nur selten, Gaffen an sich ist nämlich nicht strafbar. Wer mit seinem Auto den Rettungsweg blockiert, muss dagegen laut ADAC mit 30 Euro Bußgeld rechnen – theoretisch. In der Praxis ist das wiederum schwierig, denn Polizei, Feuerwehr und Co. sind bei einem Einsatz beschäftigt genug.

Darum hält Bayerns Innenminiserium wenig davon, etwa das Blockieren von Rettungswegen auf der Autobahn schärfer zu sanktionieren. Außerdem seien Polizei und Feuerwehr schon jetzt dazu berechtigt, allzu aufdringlichen Schaulustigen einen Platzverweis zu erteilen, sagte ein Sprecher. „Die können solche Leute zur Not davontragen.“ So erging es auch dem Knipser von Taufkirchen. Platzverweis. Die Polizei kassierte außerdem für kurze Zeit sein Handy – die Bilder durfte sie nicht löschen.

Ein Versuch in Nordrhein-Westfalen weckt beim Innenministerium schon mehr Interesse. Um die Zahl der Schaulustigen zumindest auf Autobahnen einzudämmen, hat die Polizei in NRW mobile Sichtschutzwände angeschafft. Die 2,10 Meter hohen Wände sind mit dunkelgrüner Plane bespannt und haben Klappen, durch die der Wind rauschen kann, ohne sie umzureißen.

Ein Jahr lang testete die Polizei die Vorrichtungen. Tatsächlich lösten sich Staus schnell auf, sobald die Wände standen. NRW hat mittlerweile 1200 Meter Sichtschutz angeschafft. Im bayerischen Innenministerium ist man nicht abgeneigt. Allerdings müsse sich zeigen, „ob die Wände auf Dauer praktikabel sind“.

Die Einsatzkräfte im Freistaat behelfen sich unterdessen selbst. Das Münchner Unfallkommando nutzt Vorrichtungen aus Planen, um den Blick auf die Opfer zu verstellen, Feuerwehren verschleiern sie nicht selten mit Decken – auch wenn sich einige wenige selbst davon nicht abhalten lassen.

Klar ist auch: Das Gros der Schaulustigen hält sich an die Regeln. Aber die Ausnahmen nehmen zu.

Marcus Mäckler

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