Hans Zeh auf dem Campingplatz in Söchtenau. Hier kommt er zur Ruhe.
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Hans Zeh auf dem Campingplatz in Söchtenau. Hier kommt er zur Ruhe.

Auf der Flucht vor Strom und Handy

Letzte Rettung Campingplatz: Hans Zeh lebt in Isolation, weil ihn elektromagnetische Strahlung krank macht

Hans Zeh führt ein Leben in völliger Isolation, auf der Flucht vor Strom und Handy. Er wohnt auf einem Campingplatz, weil ihn elektromagnetische Strahlung krank macht.

  • Hans Zeh leidet an Elektrohypersensitivität, kurz EHS.
  • Übelkeit, Erschöpfung, chronische Schmerzen in Gelenken und Muskulatur, Energiemangel oder Angstzustände sind nur ein paar der typischen Symptome.
  • In Deutschland ist die Krankheit nicht anerkannt, deshalb übernimmt die Krankenkasse keine Behandlungskosten.

Söchtenau – Hans Zeh sitzt in seinem Wohnwagen und liest. Eine Gaslampe sorgt für Licht und auf dem Gasherd köchelt das Teewasser. Kontakt zur Außenwelt hat er kaum. Was so idyllisch scheint, ist für den 48-Jährigen trauriger Alltag. Fernseher, Internet, Handy und Strom sind für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit. Nicht aber für Hans Zeh. Seit gut fünf Jahren leidet er unter Elektrohypersensitivität, kurz EHS genannt. Deswegen darf er während der Corona-Pandemie* auf dem Campingplatz Söchtenau (Kreis Rosenheim) wohnen. Zu seinem Schutz.

EHS ist vielen unbekannt. Dabei gibt es schätzungsweise acht Millionen Menschen in Deutschland, die unter Elektrosensibilität leiden. Etwa 25.000 Menschen ergeht es wie dem Söchtenauer. Sie sind gezwungen, in völliger Isolation zu leben.

Elektrohypersensitivität ist meist mit Schmerzen verbunden

EHS macht sich durch körperliche Beschwerden bemerkbar. Sobald sich der Betroffene im Bereich von hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung, die von Sendemasten, WLAN-Routern, Mobiltelefonen und sonstigen elektrotechnischen Anlagen ausgeht, bewegt, leidet die Gesundheit. Das mag häufig ein subjektives Empfinden sein. Doch der Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. Horst Eger sagt: „Es gibt Patienten in Deutschland, bei denen es als Krankheitsbild für den Grad der Behinderung mit anerkannt wurde. In Einzelfällen ist es im Rentenbescheid belegt.“ Dr. Eger ist Mitglied im Ärztlichen Qualitätszirkel „Elektromagnetische Felder in der Medizin“. Er hält es für ein denkbares Konzept, dass man für die Betroffenen „weiße Zonen“ schafft – also Bereiche ohne elektromagnetische Wellen.

Übelkeit, Erschöpfung, chronische Schmerzen in Gelenken und Muskulatur, Energiemangel oder Angstzustände sind nur ein paar der typischen Symptome. „Mit der Zeit fielen mir die Zähne aus, was auch auf meine Erkrankung zurückzuführen ist“, sagt Hans Zeh. Begonnen hat Zehs Erkrankung vermutlich schon Anfang 2000. Der Krankheitsverlauf ist schleichend. Massiv brach EHS bei Zeh erst 2015 aus, als er in Grenznähe im Bereich einer starken Funkstrahlung wohnte. „Bis dahin war mein Leben ganz normal: Ich war ein gesunder Mann, hatte eine gemütliche Wohnung, war leidenschaftlicher Motorradfahrer, genoss ewig lange Spaziergänge in der Natur, liebte meine Arbeit, hatte eine nette Partnerin und tolle Freunde.“

Alles war bestens, doch dann kamen gesundheitliche Beschwerden, erzählt er. „Ich war ständig müde, erschöpft, meine Gelenke und Muskulatur bereiteten mir schlimme Schmerzen. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und hatte eine ständige innere Unruhe“. Die Ärzte konnten seine Symptome nicht zuordnen und diagnostizierten Burn-out und Muskelverspannungen. Zeh schloss psychische Belastungen komplett aus: Er war ein glücklicher Mensch. Als er dann noch innerhalb von drei Wochen 22 Kilo an Gewicht verlor, kündigte er seine Wohnung und zog zu einem Kumpel. Da kein Mediziner eine zufriedenstellende Diagnose stellen konnte, begab er sich selbst auf Spurensuche. „Ich hatte damals natürlich Internet und Handy. Übers Internet stieß ich auf Elektrohypersensitivität, was in Deutschland jedoch nicht als Krankheit anerkannt ist. Exakt diese Symptome hatte ich auch“, erzählt er.

Elektrohypersensitivität - Ein Leben in Isolation und Armut: Betroffene werden oft nicht ernst genommen

Es folgte ein Marathon von Arzt zu Arzt. „Nicht ernst genommen zu werden ist eine weitere enorme Belastung“, sagt Zeh. EHS-Betroffene werden oft als „Psychos“ abgestempelt. „Umso erleichterter war ich, als ich endlich einen Mediziner in Freiburg fand, der sich mit EHS befasst. Er glaubte mir.“ Für Zeh begann mit Ausbruch seiner Erkrankung buchstäblich ein Überlebenskampf. Er wurde arbeitsunfähig, verlor seine Lebenspartnerin, Freunde distanzierten sich von ihm. Lange Spaziergänge und alltägliche Erledigungen sind für ihn kaum zu bewältigen.

Im April 2018 zog er auf den Campingplatz. Sein neues Zuhause: ein Wohnwagen. Ein Leben in Isolation und Armut. EHS-Patienten befinden sich ständig in Gefahr, dass ihr Organismus die Dauerbelastung nicht mehr kompensieren kann. Seit Ausbruch seiner Erkrankung sucht Zeh verzweifelt Hilfe bei Medizinern. Dass er unter EHS leidet, hat er schriftlich. Auch dass er Schwermetalle und Pyrethroide in seinem Körper hat, wurde ihm bescheinigt. Das, in Verbindung mit elektromagnetischer Strahlung, entziehe ihm noch mehr Lebensenergie, sagt Zeh.

Elektrohypersensitivität: Behandlungskosten muss Hans Zeh selbst bezahlen

Zeh musste sämtliche Behandlungskosten aus eigener Tasche zahlen. Daran wird sich auch nichts ändern, da sich die Krankenkassen weigern, Kosten zu übernehmen. Da EHS in Deutschland nicht als Krankheit anerkannt ist, bleiben die Betroffenen sich selbst überlassen. Dabei wünschen sie sich nur eines: Dass man sie ernst nimmt.

Im Winter herrscht auf dem Campingplatz Stille. Sobald der Frühling kommt, tummeln sich dort wieder Menschen, die ständig via Handy erreichbar sein wollen. Für Hans Zeh beginnt dann wieder die Flucht. *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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Kirsten Meier

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