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Eltern auf der Schulbank: Bei alltäglichen Schulproblemen kann ein Elterntraining hilfreich sein.

Zum Brandbrief einer Mutter

"Eltern sind nicht die Hilfslehrer der Nation"

München - Der "Brandbrief einer Mutter" hat heftige Reaktionen ausgelöst. Der ehemalige Schulleiter Adolf Timm liefert zu den behandelten Problemen ein Resümee.

Hier sein Kommentar zu dem Brief:

„Denken sie an den nächsten Schultag, bekommen Eltern Migräne, Kinder Bauchschmerzen und Lehrer Panikattacken. Schulschelte, Lehrerschelte und Elternschelte sind in Deutschland wie in keinem Land sonst in Mode. Zu gern gehen alle aufeinander los, statt gemeinsam an einem Strang zu ziehen.

Lernen funktioniert nur ohne Stress

Statistisch hängen neun von zehn Auseinandersetzungen zwischen Eltern und Kindern direkt oder indirekt mit der Schule zusammen. Eltern wissen sehr gut, dass Bildung das einzige Gut ist, das ihren Kindern niemand nehmen kann. Das Abschlusszeugnis hat einen Tauschwert für das Leben. Wer also könnte es den Eltern verdenken, dass sie besorgt sind – und gelegentlich über das Ziel hinausschießen?

Stress zu Hause: Lernen können Kinder nur bei guter Laune. Stehen sie unter Stress, wird ihr Lernen nicht gefördert, sondern blockiert. Auch Eltern dürfen ihre Kinder nicht unter Druck setzen! Und die Schule muss dringend ihren Unterricht individualisieren.

Eltern als Hilfslehrer: Durch die Schule sollen Eltern ihre Kinder aufmerksam begleiten, aber nicht ihre Lehrer ersetzen. Für die Vermittlung des Schulstoffs sind sie ebenso wenig zuständig wie für die inhaltliche Erledigung der Hausaufgaben. Eltern sind nicht die Hilfslehrer der Nation, aber Lehrer sind auch nicht die Prügelknaben. Gleichwohl: Bildung beginnt in der Familie. Die Grundlagen für den Schulerfolg werden zu Hause gelegt. Entscheidend für den Schulerfolg sind der „Charakter“ eines Kindes und seine Lern-Eigenschaften. Wenn Kinder in die Schule kommen, steht bei den meisten schon fest, ob sie Erfolg haben werden oder nur mit Mühe das Schulziel erreichen. Amerikanische Studien erbringen den Nachweis, der auch hier in Deutschland von Wissenschaftlern nicht bestritten wird: bereits bei Vierjährigen kann man mit nahezu 80-prozentiger Gewissheit vorhersagen, ob sie die Schule abbrechen oder höchste Abschlüsse erreichen können.

In Bildung investiertes Geld kommt zurück

Unterrichtsausfall: Bei der Bahn gibt es Geld zurück, wenn ein Zug Verspätung hat. Was Eltern im Interesse ihrer Kinder verlangen müssen, ist ein planmäßiger, verlässlicher, effektiver und auch individualisierter Unterricht mit engagierten Lehrern. Vom Beginn des Schuljahres bis zum letzten Schultag! Jede ausgefallene Unterrichtsstunde schmälert die Lern- und Lebenschancen der Kinder und Jugendlichen. Eine Wissens- und Wohlstandsgesellschaft kann sich das nicht leisten. Jeder in Bildung investierte Euro kommt siebenfach zurück. Am besten ist der Unterricht, bei dem die Kinder und Jugendlichen den Eindruck haben, etwas zu verpassen, wenn sie nicht dabei waren oder er ausgefallen ist. Lehrerwandertage während der regulären Schulzeit wären doch wohl ein Stück aus dem pädagogischen Tollhaus!

Fördercamps an Schulen: Als Lehrer vor einer Klasse mit 30 Schülern zu stehen, von denen nicht wenige Verhaltensprobleme haben, ist an allen Schulen eine Herausforderung, die oft genug unterschätzt wird. Fördercamps in den Schulferien – eine Idee, über die man nachdenken sollte! Ich kenne Lehrer im Ruhestand, die das gern übernehmen wollten. Für Kinder, deren Eltern sich teure Nachhilfe nicht leisten können, wären sie ein Segen. Auch Kinder, deren Eltern berufstätig sind und die keine Großeltern auf dem Lande haben, die auf sie warten, würden sich freuen. Nachhilfeunterricht darf im Übrigen immer nur eine kurzfristige Übergangslösung sein.

Gemeinsamer Sport wirkt positiv auf schulischen Lernalltag

Sportunterricht: Mehr und besserer Sportunterricht in der Schule ist wünschenswert. Noch wichtiger ist ein Elternhaus, das seine Kinder mobil hält. Gemeinsame Bewegung in der Natur ermöglicht Eltern und ihren Kindern zudem Lernerlebnisse der besonderen Art, die sich positiv im schulischen Lernalltag auswirken.

Fremdsprachen im „Sprachfenster“: Da muss man widersprechen. Es gibt auch Kindergärten, die bieten Chinesisch an. Eine private Grundschule, die ihre Kinder auf Englisch begrüßt, muss es schon sehr nötig haben. Die Schüler könnten jedenfalls gut darauf verzichten. Arme Kinder, in die alles hineingepresst wird, nur weil sich angeblich ein „Zeitfenster“ schließen könnte! Kinder brauchen keine Schule, die Effekthascherei betreibt, sondern ihren Bedürfnissen gerecht wird. Für 7-Jährige gehört Englisch nicht dazu. Da können Eltern ganz beruhigt sein.

Musikunterricht: Singen (auch im Familienkreis) befreit, ein Instrument schult das Gehirn, tägliche Übung stärkt die Selbstdisziplin und macht den Meister. Leider kommt Musik in vielen Schulen viel zu kurz. Wie ein guter Kunstlehrer aus jedem Schüler einen Künstler macht, macht ein guter Musiklehrer aus jedem Schüler einen Musiker. Jede Schule sollte es ihren Schülern ermöglichen, im Rahmen des Musikunterrichts ein Instrument zu lernen. Das kann auch die Blockflöte sein, wie früher in der einklassigen Dorfschule. Ohne Übung bringt das allerdings nichts. Ohne Fleiß kein Preis. Entscheidend ist auch hier die Lernbegleitung durch das Elternhaus. Auch ein Elterntraining kann sehr hilfreich sein.“

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