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Voneinander profitieren: In Bayern gibt es immer mehr generationenübergreifende Wohngemeinschaften – weil sich Jung und Alt oft ideal ergänzen. Sozialministerin Emilia Müller verrät, wie sie sich die Zukunft vorstellt.

Aktionswoche "Zu Hause daheim"

Emilia Müller: "Seniorengenossenschaften sind die Zukunft"

München - Immer mehr Senioren wünschen sich, zu Hause alt werden zu können. Das Sozialministerium reagiert darauf mit einer bayernweiten Aktionswoche. Um zu informieren, zu beraten und zu vernetzen.

Bayerns Senioren haben sich verändert. Sie sind aktiv und selbstbewusst – und wollen so lange wie möglich daheim leben. Oder wie daheim. Sozialministerin Emilia Müller (CSU) ist überzeugt, dass die Politik bereits auf dem richtigen Weg ist, um diesen Wunsch vielen älteren Menschen zu ermöglichen. Bei der ersten bayernweiten Aktionswoche „Zu Hause daheim“ will sie über neue Wohnformen und Assistenzsysteme informieren. Und sich auch selbst Anregungen holen.

Frau Müller, haben Sie sich schon Gedanken gemacht, wie und wo Sie im Alter leben möchten? 

Selbstverständlich. Ich gehöre zu einer Generation, die auf dem Land große Häuser gebaut hat. Irgendwann ziehen die Kinder aus – und man sitzt zu zweit in einem riesigen Haus. Spätestens dann muss man sich doch die Frage stellen, ob das für das Alter noch das Richtige ist. Mein Mann und ich haben uns überlegt, welche Hilfestellungen es bei uns vor Ort gibt oder ob eine andere Wohnform eine Alternative wäre.  

Das bedeutet aber, sich das eigene Altern eingestehen zu müssen.

Das Bewusstsein darüber gehört zum Leben dazu. Jeder sollte sein Leben selbstbestimmt gestalten – deshalb ist es so wichtig, sich so früh wie möglich damit auseinanderzusetzen, wie man im Alter leben will. Um Vorsorge zu treffen. Um den eigenen Haushalt barrierefrei zu gestalten. 

Wieso brauchen wir dafür eine Aktionswoche?

Mit der Aktionswoche wollen wir gezielt informieren und Anregungen geben, welche Angebote und Konzepte es gibt. Sie soll einen Austausch ermöglichen. Bisher haben sich bereits rund 200 Organisationen und Initiativen für Aktionen angemeldet – allein das zeigt, wie sehr das Thema unsere Gesellschaft bewegt. 

Wie haben sich die Bedürfnisse von Senioren verändert?

Senioren leben heute viel aktiver, gesünder und selbstbestimmter. Sie wollen im Alter all das machen, wozu sie im Berufsleben keine Zeit hatten. Und sie haben ein großes Bedürfnis, bis an ihr Lebensende daheim zu wohnen. Oder wie daheim. In ihrer gewohnten Umgebung. Dort, wo sie ihre Freunde und Vereine haben.

Wie ist die Situation im Moment? Wie viele Senioren leben lieber daheim als in Heimen? 

95 Prozent der über 65-Jährigen leben zu Hause. Und 90 Prozent der über 80-Jährigen. Mehr als 100 000 Menschen in Bayern haben einen Platz in einem Pflegeheim – in Oberbayern sind es etwa 30 500. Wir alle wissen, dass unsere Gesellschaft älter wird. Bis 2030 wird die Zahl der Menschen über 65 Jahre deutschlandweit um fünf Millionen steigen – auf 22 Millionen. Darauf müssen wir uns vorbereiten. 

Was erwarten Senioren Ihrer Meinung nach von der Politik? 

Sie möchten, dass die Politik sich dafür einsetzt, dass sie im Alter gut leben werden. Dass ihre Altersversorgung ausreicht – die Mütterrente war hier ein wichtiger Ansatz. Und sie wünschen sich Unterstützungsangebote für das Leben daheim und Anregungen für neue Wohnformen. 

Zum Beispiel? 

Ich halte viel von Seniorenhausgemeinschaften. Jeder hat seinen eigenen Schlüssel, kann die Tür hinter sich zuziehen – aber niemand muss allein sein. Es gibt Gemeinschaftsräume, dort kann man zusammen kochen oder sich austauschen. In einer solchen Gemeinschaft ist es leicht, aktiv zu bleiben. Auch generationenübergreifende Wohngemeinschaften sind für viele Menschen attraktiv. Jung und Alt können sich ergänzen und voneinander profitieren. Viele ältere Menschen helfen beispielsweise gerne bei der Kinderbetreuung, sind aber dafür dankbar, wenn sie zum Arzt gefahren werden. Solche Initiativen würde ich mir verstärkt wünschen.

Welche Unterstützung bekommen die Kommunen für eine zukunftsfähige Seniorenpolitik? 

Wir unterstützen den Aufbau von Nachbarschaftshilfen – allein in Oberbayern gibt es rund 300. Und wir fördern Seniorengenossenschaften und alternative Wohnformen mit einer Anschubfinanzierung von jeweils bis zu 40 000 Euro. 95 Prozent unserer Landkreise und kreisfreien Städte haben schon ein seniorenpolitisches Gesamtkonzept. Ich würde mir aber wünschen, dass allen bewusst wird, dass wir eine alternde Gesellschaft sind. Wir sind auf dem richtigen Weg, müssen uns für die Zukunft aber noch besser aufstellen – wir müssen das Miteinander der Generationen pflegen. 

Der demografische Wandel bedeutet vor allem für die Pflegeberufe eine Herausforderung. Wie kann das funktionieren, wenn immer mehr Menschen immer länger zu Hause leben wollen? 

Wir brauchen die hauptamtlichen Profis, die die Pflege übernehmen. Aber wir brauchen bei der Betreuung auch die Hilfe Ehrenamtlicher. Inzwischen gibt es immer neue technische Assistenzsystem, die das Altern zu Hause leichter machen. Beispielsweise einen Herd, der eine SMS an die Kinder schickt, wenn er sehr lange Zeit angeschaltet ist. Oder Bodenbeläge, die den Angehörigen melden, wenn jemand stürzt. Ich bin überzeugt, dass es irgendwann auch Roboter geben wird, die kleine Hilfsdienste für Senioren übernehmen können, wie heute schon Staubsaugen oder Rasenmähen.

Wie muss sich die Gesellschaft verändern, damit im Jahr 2030 22 Millionen Senioren selbstbestimmt ihren Ruhestand verbringen können? 

Ich halte Seniorengenossenschaften für die Zukunft: Eine Form des Miteinanders, in der sich jeder so einbringt, wie er kann. Der eine geht vielleicht gerne einkaufen, der andere kann Auto fahren, nähen oder vorlesen. Wir brauchen aber auch eine neue Kultur des Miteinanders der Generationen. Mein Wunsch wäre es, dass in allen bayerischen Landkreisen und so vielen Gemeinden wie möglich generationenübergreifende Wohnprojekte entstehen. 

Interview: Katrin Woitsch

Die Aktionswoche

Das Sozialministerium hat für die bayernweite Aktionswoche bewusst den Titel „Zu Hause daheim“ gewählt. Mit Veranstaltungen, Vorträgen, Beratungen, Workshops und Podiumsdiskussionen sollen neue Wohnformen und innovative Assistenzsysteme vorgestellt werden, die das Wohnen zu Hause auch im Alter lange möglich machen. Die Aktionswoche findet vom 1. bis 10. Mai in allen bayerischen Landkreisen statt. Botschafter ist der Schauspieler Siegfried Rauch. Eine Übersicht über alle Veranstaltungen und Vorträge gibt es im Internet unter www.zu-hause-daheim.bayern.de sowie in einer Broschüre des Ministeriums.

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