+
Polizei steht am Montag in dem Ort, in dem der YouTuber Drachenlord wohnt.

Nach Krawallen in Emskirchen

Wer ist eigentlich der YouTuber „Drachenlord“ und warum wird er so gehasst?

Mehrere Hundert Menschen kommen wegen eines YouTubers in einen kleinen fränkischen Ort - obwohl das Landratsamt das verboten hat. Das Phänomen „Drachenlord“.

Emskirchen - Mehrere Hundert Menschen pilgern nach Aufrufen im Internet in den kleinen fränkischen Ort Emskirchen. Grund ist ein YouTuber, der sich „Drachenlord“ nennt und um den es seit Jahren immer wieder Streit gibt - im Netz und auch in der analogen Welt. Das zuständige Landratsamt befürchtet schwerere Straftaten und spricht ein Versammlungsverbot aus, die Polizei rückt am Montag mit mehreren Dutzend Beamten an und spricht am Ende rund 300 Platzverweise aus, bei merkur.de* können Sie die ganze Geschichte nachlesen.

Wir beantworten die wichtigsten Fragen rund um den Vorfall. 

Wer ist der „DrachenLord1510“?

Der YouTuber veröffentlicht auf seinem Kanal „DrachenLord1510“ seit mehreren Jahren Videos über sich und sein Leben. Er provoziert darin mit zum Teil extremen Ansichten. Einmal bezeichnet er etwa den Holocaust als „nice Sache“. Seine Kritiker beschimpfen ihn und machen sich in unzähligen Hass-Kommentaren, Videos, Liedern und sogar eigenen Video-Spielen unter anderem über sein Aussehen, sein Gewicht und seine Ansichten lustig. Polizeisprecher Rainer Seebauer sagt, nachdem die ersten ihn im Netz angegriffen hätten, habe der YouTuber darauf aggressiv reagiert. So habe er immer mehr Hass auf sich gezogen.

Blieb es bei den Kommentaren?

Nein, die Auseinandersetzung verlagert sich in die analoge Welt. Der Mann beschäftigt die Polizei seit Jahren. Immer wieder tauchen sogenannte Hater - vom englischen Wort „hate“ für „hassen“ - in dem Ort mit nicht einmal 50 Einwohnern auf, der knapp 35 Kilometer nordwestlich von Nürnberg liegt. Sie schmieren Sprüche an Hauswände, jemand wirft Steine durch Fenster am Haus des Mannes. Der YouTuber wird auch bedroht und sogar verletzt und beraubt. Im Jahr 2016 verurteilt das Landgericht Nürnberg einen damals 24-Jährigen zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Neben zahlreichen anderen Straftaten hatte er einen falschen Notruf abgesetzt und damit einen großen Polizei- und Feuerwehreinsatz bei dem YouTuber ausgelöst. Auch der „DrachenLord1510“ selbst wird nach einer Prügelei angezeigt.

Der Drachenlord aus Emskirchen: Polizei muss täglich anrücken

Was kann die Polizei tun?

Bei Ruhestörungen und Hausfriedensbruch können die Beamten tätig werden. „Oft haben wir aber keine Handhabe“, sagt Hauptkommissar Thomas Klein von der Polizei in Neustadt am Dienstag. Im Ort herumlaufen oder -fahren dürfe schließlich jeder. In den vergangenen acht bis zehn Wochen sei die Polizei „nahezu täglich“ in dem Ort gewesen - etwa, weil Anwohner sich beschwerten.

Woher wissen die Leute denn eigentlich, wo der Mann wohnt?

Der YouTuber hat seine Adresse in einem seiner Videos selbst verraten. Aus Wut auf seine Peiniger fordert er sie darin auf: „Traut euch, kommt zu mir. Ich prügel die Scheiße aus euch raus.“

Und was genau war am Montag los?

Demonstration gegen YouTuber Drachenlord

Nach anonymen Aufrufen in sozialen Medien kommen zwischen 600 und 800 Menschen in den Ort - viele sind jung, einige aber auch über 40 Jahre alt, wie Klein sagt. Rainer Kahler vom Landratsamt sagt, laut den Auto-Kennzeichen kamen einige Beteiligte sogar aus Wien, Hamburg und Sachsen. Laut der Polizei wird ein Beamter bespuckt und beleidigt. Einzelne Teilnehmer werfen Böller, so dass die Feuerwehr einen kleinen Wiesenbrand löschen muss. Zudem gibt es Schmierereien an einem Bushäuschen, größere Schäden bleiben aus. Nach Platzverweisen seien die oft Betrunkenen meist gegangen. Vernünftig unterhalten können habe man sich mit ihnen nicht, sagt Kahler. „Man wird schon grölend begrüßt.“ Gegen Mitternacht sei der Spuk dann vorbei gewesen.

Was haben die Behörden gemacht?

Das Landratsamt Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim hatte am Freitag ein Versammlungsverbot ausgesprochen, weil die Behörde Straftaten befürchtete. In den Aufrufen im Netz wurde unter anderem ein „Kampf epischen Ausmaßes“ angekündigt, ein Nutzer forderte andere sogar zum Mord am „Drachenlord“ auf. Diese Entscheidung habe man sich nicht leicht gemacht, sagt Kahler. „Wir sprechen hier schließlich vom Grundrecht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Da muss man als Behörde schon sehr genau hinschauen.“ Bei der Beurteilung der Lage habe die Polizei die Behörde unterstützt. „Es war wichtig und sinnvoll, hier tätig zu werden“, sagt Kahler.

„Wir haben das nicht nur für den YouTuber gemacht, sondern für die gesamten Einwohner.“ Irgendwo höre der Spaß schließlich auf. Ein Mann versuchte, mit Eilanträgen gegen das Verbot vorzugehen - vor dem Verwaltungsgericht in Ansbach und vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Beide Anträge wurden abgelehnt.

Drachenlord aus Emskirchen: Das kommt nun auf die Krawalltouristen zu

Was erwartet die Demonstranten, die gegen das Verbot verstoßen haben?

Einige werden angezeigt. Bei Ordnungswidrigkeiten droht ihnen ein Bußgeld - laut dem bayerischen Versammlungsgesetz können das leicht mehrere Hundert Euro werden. Ein Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht kostet laut Gerichtssprecher Alexander Heinold 106,50 Euro, die der Antragsteller nun zahlen muss.

Wer hat das Ganze eigentlich initiiert?

Das Landratsamt weiß das nicht. „Die vermeintlichen Anstifter zu erwischen, ist nicht einfach“, sagt Kahler. Die Polizei versucht nun, zu ermitteln, von wem der Aufruf ausging. „Es mit einem anonymen Umfeld zu tun zu haben, war neu für uns“, sagt der Sprecher des Landratsamtes. Der Rechtsstaat laufe der Entwicklung im Netz hier ein wenig hinterher.

Wie kommt es überhaupt zu solchen Hass-Phänomenen?

Die Kommunikationswissenschaftlerin Nayla Fawzi von der Universität München sagt, der Fall des „Drachenlords“ sei ungewöhnlich. „Normalerweise legt sich so etwas nach einiger Zeit wieder. Doch dadurch, dass der Mann immer wieder neue Videos postet, hält er es selbst am Leben.“ Einige seiner Gegner nähmen viel auf sich, reisten von weit her an. Die Forscherin erklärt es so: Der YouTuber provoziere mit extremen Ansichten und einige Gegner rechtfertigten sich damit, ihn „in die Schranken weisen“ zu wollen - was im Zweifel Selbstjustiz und somit verboten wäre.

Es gebe hier ein „gegenseitiges Hochschaukeln“ beider Seiten. Die „Hater“ befänden sich in einer Blase von Menschen, die ähnlich denken wie sie. „Alle anderen um sie herum „haten“ auch - somit fühlen sie sich darin bestätigt, dass es okay ist, sich so zu äußern.“ So entwickle sich eine eigene Dynamik und die Hemmschwelle sinke.

Und warum hört der „Drachenlord“ nicht mit seinen Videos auf?

Selbst äußert sich der Franke dazu nicht. Auf telefonische und schriftliche Anfragen reagiert er am Dienstag nicht. Ursprüngliches Ziel des YouTubers war es, mit seinen Videos Geld zu verdienen. Und solange er sich nicht strafbar macht, kann ihm die Videos auch niemand verbieten. „Er gibt nicht auf“, sagt Seebauer. So bringe er aber auch immer mehr Leute gegen sich auf.

Die Reaktionen der Emskirchner auf den Drachenlord reichen von genervt bis bestürzt

Und wie geht es den Nachbarn des Mannes mit der Situation?

Viele sind inzwischen völlig genervt. Der Bürgermeister von Emskirchen, Harald Kempe, will sich dazu gar nicht mehr äußern. Landrat Helmut Weiß zeigt sich „bestürzt und fassungslos“. Eine Bewohnerin sagt: „Es wird ein immer größerer Hype.“ Dabei sei die Situation für den kleinen Ort sehr schwierig. Sie fragt: „Wie kann man das nur stoppen?“

Und nun?

Das Ganze könnte zum Politikum werden. Der SPD-Landtagsabgeordnete Harry Scheuenstuhl aus dem örtlichen Stimmkreis schrieb am Dienstag einen Brief an Innenminister Joachim Herrmann (CSU): „Ein ganzer Ort, so ist dies den aktuellen Schilderungen der Anwohner zu entnehmen, wird zur Geisel einiger weniger.“ Die massive Belastung der Bürger wie auch der Einsatzkräfte müsse ein Ende haben. „Ich bitte Sie, Herr Minister Herrmann, hier unbedingt sofort tätig zu werden.“

Auch ein Dorf in Franken wird von einem Unbekannten terrorisiert. Sogar die ICE-Strecken München-Berlin musste wegen ihm gesperrt werden.

*merkur.de ist Teil des Ippen-Digital_Redaktionsnetzwerks.

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Streit eskaliert: Schlägerei vor Ankerzentrum, Steine fliegen - Haftbefehle erlassen
Vor dem Ankerzentrum in Deggendorf kam es am Dienstagabend zu einer Schlägerei. Die Polizei musste eingreifen - dabei wurde auch ein Polizeibeamter verletzt.
Streit eskaliert: Schlägerei vor Ankerzentrum, Steine fliegen - Haftbefehle erlassen
Jäger folgt einer Spur und macht grausame Entdeckung - 19-Jähriger tot
Bei Kolitzheim folgte ein Jäger am Donnerstag einer Spur und machte eine grausame Entdeckung. Für einen 19-Jährigen kam jede Hilfe zu spät.
Jäger folgt einer Spur und macht grausame Entdeckung - 19-Jähriger tot
Regensburger OB Joachim Wolbergs bleibt suspendiert: „Nicht nachzuvollziehen, dass...“
Der Regensburger Oberbürgermeister Joachim Wolbergs muss wieder vor Gericht. Aus dem Korruptionsprozess ist er straffrei raus gekommen. Suspendiert bleibt er trotzdem.
Regensburger OB Joachim Wolbergs bleibt suspendiert: „Nicht nachzuvollziehen, dass...“
Tragischer Unfall: Kutsche mit Familie prallt gegen Baum - Mutter schwer verletzt
Bei einem Unfall mit einer Kutsche wurde eine Frau in Eltmann im Landkreis Haßberge schwer verletzt. Die Kutsche prallte gegen einen Baum.
Tragischer Unfall: Kutsche mit Familie prallt gegen Baum - Mutter schwer verletzt

Kommentare