Endstation Bahnhof Rosenheim: Jeden Tag holt die Bundespolizei dort Flüchtlinge ohne Papiere aus den Zügen.

Endstation Bahnhof: "Is this Germany?"

Bundespolizei greift immer mehr Flüchtlinge in Rosenheim auf

Rosenheim - Der Weg zurück in die Legalität beginnt für viele Flüchtlinge in Bayern am Rosenheimer Bahnhof. Jeden Tag greift die Bundespolizei dort Menschen auf, die von Schlepperbanden per Zug über die Grenzen geschleust werden. Seit Monaten arbeiten die Beamten an der Belastungsgrenze. Doch die Aufgriffszahlen steigen dramatisch.

Es gibt eine Frage, die vermutlich nirgendwo auf der Welt so häufig gestellt wird, wie auf Bahnsteig 3 am Rosenheimer Bahnhof. Es sind drei Worte, die die Beamten der Bundespolizei dort jeden Tag hören. Immer dann, wenn ein Zug aus Italien einfährt. Wenn sie wieder dutzende Flüchtlinge ohne Papiere aufgegriffen haben. Die Menschen sehen müde aus, sind erschöpft, wenn sie aus dem Zug steigen. Alles was sie nach ihrer Flucht noch besitzen, passt in einen Rucksack. Und alles, was in diesem Moment zählt, lässt sich mit drei Worten fragen: Is this Germany? Sind wir in Deutschland?

Deutschland ist das Land, in dem die Träume vieler Flüchtender spielen. Sie wissen: Wer es schafft, hier registriert zu werden, hat die Chance auf ein faires Asylverfahren. Auf ein Leben in Sicherheit. „Deutschland und Skandinavien sind die begehrtesten Ziele“, sagt Rainer Scharf, Sprecher der Bundespolizei Rosenheim. „Weil es dort gute Sozialsysteme gibt.“

Die Rosenheimer Bundespolizei arbeitet schon seit Monaten am Limit. Das liegt an den beiden Hauptrouten der Schleuser: über den Balkan und den Brenner. Beide laufen sowohl auf Autobahn, als auch auf Schienen im Grenzgebiet zwischen Lindau und Freilassing zusammen. 645 Kilometer, für die die Bundespolizeiinspektion Rosenheim zuständig ist. Mehr als 11 000 illegal über die Grenze geschleuste Menschen haben die Beamten seit Anfang des Jahres in Rosenheim aufgegriffen. Das sind schon in sechs Monaten deutlich mehr als im gesamten Vorjahr. Und fast dreimal soviele wie im gesamten Jahr 2013. „Allein im Juni waren es 4770 Flüchtlinge“, sagt Rainer Scharf. Und er geht nicht davon aus, dass die Zahlen so bald wieder sinken werden.

Die Flüchtlinge dominieren den Alltag der Bundespolizei. Jeder einzelne muss registriert, medizinisch untersucht und vernommen werden. Es werden Fotos gemacht, Fingerabdrücke genommen – überprüft, ob die Menschen bereits in anderen EU-Ländern erfasst wurden. Denn dann müssen sie nach europäischem Recht dorthin zurückgeschickt werden. Manchmal dauert es Stunden, bis ein Dolmetscher für einen speziellen Dialekt gefunden ist. Die Beamten kommen mit der Bearbeitung der Fälle kaum noch hinterher. Und das seit Monaten. „Wir haben unsere Belastungsgrenze schon lange überschritten“, sagt Polizeisprecher Scharf.

Noch ist es in Rosenheim nicht so weit wie bei den Kollegen in Passau, die immer mehr Flüchtlinge ohne die vorgesehene Registrierung weiterschicken müssen an die Erstaufnahmeeinrichtungen – weil sie wegen der hohen Aufgriffszahlen nicht mehr hinterherkommen (wir haben berichtet). In Rosenheim wird jeder Flüchtling mit Fingerabdruck, Größe, Gewicht und Foto registriert. Auch wenn es oft Stunden dauert. „Aber die Vernehmungen kommen zu kurz“, sagt Rainer Scharf. Und die sind besonders wichtig, um an die Schleuser und deren Hintermänner zu kommen.

Seit Monaten läuft in Rosenheim jeder Tag nach dem gleichen Schema ab. Die Turnhalle, in der früher Schulen oder Vereine trainiert haben, hat sich in ein riesiges Bettenlager verwandelt. Zwischen den Feldbetten liegen Stofftiere, die Polizisten von zu Hause mitgebracht haben. Für die Kinder, die sich müde und verängstigt an ihre Eltern klammern, während sie warten. Es gibt drei sogenannte Bearbeitungsstraßen für die Vernehmung und Registrierung. An Tagen wie gestern reichen sie nicht ansatzweise. 500 Flüchtlinge sind am Wochenende in Rosenheim aufgegriffen worden, 170 von ihnen warteten gestern Morgen noch in der Turnhalle.

Bett an Bett: Die Turnhalle der Bundespolizei wird seit Monaten für die Flüchtlingsunterbringung genutzt.

An solchen Tagen – und die werden immer häufiger – muss die Polizei alle anderen Aufgaben vernachlässigen. „Die Autobahnen können wir inzwischen nur noch unregelmäßig kontrollieren“, sagt Scharf. „Wir brauchen alle Beamten hier in der Inspektion.“ Oder am Bahnhof. Denn wenn die Streife, die in Kufstein mehrmals täglich in die Fernzüge aus Italien steigt, um stichprobenartig Ausweise zu kontrollieren, per Funk die Anzahl illegaler Einreisender meldet, rückt die Polizei inzwischen immer mit Reisebus aus. Manchmal, wenn die Turnhalle fast noch voll belegt ist, können sie nur eine Gruppe Flüchtlinge mitnehmen in die Inspektionen. Dann müssen sie die Kollegen in München bitten, am Hauptbahnhof die restlichen Flüchtlinge zu übernehmen.

Schon bei 20 Flüchtlingen dauert es fast zwei Stunden, bis der Polizeibus auf dem Weg in die Dienststelle ist. Alle müssen durchsucht werden. „Wir würden gerne noch gründlicher kontrollieren“, sagt Scharf. Zum Beispiel abgleichen, ob viele der Asylbewerber dieselben Telefonnummern in den Taschen haben – das wäre ein entscheidender Hinweis auf Schleuser. Aber für so etwas bleibt kaum noch Zeit. Nicht bei diesen Zahlen. Nicht bei dem Wissen, dass in wenigen Stunden schon der nächste Zug aus Italien an Bahnsteig 3 halten wird.

Trotzdem greift die Rosenheimer Bundespolizei jeden Monat im Schnitt 60 Schleuser auf. Die meisten auf der Autobahn. Wie ein Erfolg fühlt es sich oft nicht an. Die Menschen, die die Flüchtlinge über die Grenze fahren, seien meistens nur die Handlanger der Banden, sagt Rainer Scharf. Oft müssen sie auf diesem Weg Schulden abarbeiten. Die Polizei will an die Banden kommen, die hinter ihnen stehen. „Das“, sagt Scharf, „sind die wirklichen Verbrecher.“ Es sind skrupellose Menschen, die mit der Not der Verzweifelten ein Geschäft machen.

Von Katrin Woitsch

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