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Mysteriöse Geheimgänge: In Aying ist vor wenigen Tagen ein sogenannter Erdstall entdeckt worden. Dieter Ahlborn ist gemeinsam mit Andreas Mittermüller in das unterirdische enge Labyrinth geklettert, um eine Skizze anzufertigen.

Erdställe im Freistaat

So geheimnisvoll sind Bayerns Untergrundwelten

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Aying/München – An vielen Orten in Bayern schlängeln sich Erdställe durch den Untergrund. Eine Frage bleibt auch den Experten ein ewiges Rätsel: Was trieb die Menschen vor hunderten von Jahren wohl dazu, diese Irrwelten zu bauen?

Andreas Mittermüller hat viele Stunden seiner Freizeit damit verbracht, durch winzige Gänge unterhalb der Erdoberfläche zu robben. Tiefer und immer tiefer in die bayerische Unterwelt vorzudringen. Wer sich stundenlang durchs modrige Dunkel kämpft, der entwickelt seine eigenen Theorien. Darüber, was das wohl alles sollte. Warum sich die Menschen vor vielen hundert Jahren die Mühe gemacht haben, ein Wirrwarr aus Gängen durch die Erde zu graben. „Eines steht fest“, sagt Mittermüller. „Der Grund muss wichtig gewesen sein – bei dem Aufwand.“

Der 42-Jährige ist von Beruf Restaurator. Die Faszination für Geheimgänge hat er sich seit Kindestagen an bewahrt. Heute ist Mitglied der Interessengemeinschaft Erdstallforschung (IGEF) - eine Gruppe Ehrenamtlicher, die eigentlich immer vor Ort ist, wenn irgendwo in Bayern ein neues unterirdisches Labyrinth auftaucht. Und das passiert regelmäßig, immer wieder. Erst vergangenen Donnerstag ist es bei Bauarbeiten in Aying im Landkreis München passiert. In Aying lebt einer, mit dem Mittermüller schon oft durch die Unterwelt gerobbt ist. Dieter Ahlborn, ebenfalls Experte für Erdställe. Er wurde informiert, als der geheimnisvolle Gang entdeckt wurde. Dann dauerte es nicht lange, bis Andreas Mittermüllers Telefon klingelte. Den Sonntag haben die beiden Männer mit Stirnlampen und großteils auf Knien verbracht. Sie haben die Ayinger Erdställe vermessen. Mühsame Arbeit, die bis zur ersten Skizze des Gang-Geflechts viele Stunden dauert. Trotzdem war die erste Skizze schon Sonntagabend fertig.

Nicht immer haben Mittermüller und die anderen Erdstall-Forscher so viel Glück wie in Aying. „Erdställe gelten zwar als Bodendenkmäler“, sagt er. „Aber sie werden nicht sehr hochwertig eingeschätzt.“ Nicht immer wird gemeldet, wenn der Eingang zu einem Gang entdeckt wird. Viele Bauherren fürchten Kosten durch archäologische Grabungen. Oder, dass sie wertvolle Zeit verlieren. „Deshalb kommt es sicher oft vor, dass Eingänge einfach zugeschüttet werden.“ Nichtsdestotrotz: Rund 700 Erdställe sind bayernweit bereits entdeckt. Und Mittermüller ist sicher: „Die Dunkelziffer ist wesentlich höher.“

Ein paar Kilometer entfernt, in einem Büro der LMU, sitzt ein Mann, der aus der Ferne genau mitverfolgt, was in Aying gerade passiert. Bernd Päffgen, Professor für Vor- und Frühgeschichte, ebenfalls leidenschaftlich an Erdställen interessiert. Er hat in den vergangenen 20 Jahren einige begutachtet, ist sogar selbst durch ein paar Gänge gerobbt. „Die Vorstellung, einige Meter nicht vermauertes Erdreich über sich zu haben, lässt einen schon erzittern“, gesteht er.

Päffgen forscht deshalb lieber an der Oberfläche, vom Schreibtisch aus. Und er sagt: „Erdställe sind facharchäologisch noch viel zu wenig untersucht.“ Gerade was das Alter der Gänge angeht, könnten Archäologen noch intensiver forschen als Laien. Bekannt ist immerhin, dass die Anlagen vor allem in der Zeit des frühen Mittelalters bis ins 17. Jahrhundert hinein entstanden sind. Und zwar eher auf dem Land, wo die Menschen keine schützende Stadtmauer hatten. Für Päffgen steht deshalb fest: Die Gänge sollten in Krisenzeiten Schutz bieten oder als Versteck für wertvolle Dinge dienen. Lebensmittel, Eigentum. Er weiß, dass Hobbyforscher von anderen Theorien überzeugt sind.

Andreas Mittermüller zum Beispiel ist sich sicher, dass es den Menschen um das bloße Vorhandensein der Gänge ging. Aberglaube also. Etwa, um dort gute Seelen oder Geister zu beherbergen, die für eine gute Ernte, Gesundheit oder ein erfülltes Leben sorgten. Andere Theorien gehen von Leergräbern aus – für die Toten, die erste Siedler nach der Völkerwanderung nicht mitnehmen konnten, die sie aber mit leeren Gräbern weiterverehren wollten. Und dann gibt es noch die etwas aberwitzige Theorie von den Schrazln, die einst in den Gängen hausten. Die Zwerge sollen gute Freunde unter den Menschen gehabt haben – gesehen hat sie jedoch nie einer.

Mittermüller sucht in den Gängen weiter nach der Wahrheit. Päffgen glaubt an seine Theorie von den Verstecken für Krisenzeiten. Für wissenschaftliche Gewissheit sind wohl noch deutlich mehr Funde nötig. Aber auch da ist Uni-Professor Päffgen zuversichtlich. Er sagt: „Nichts ist so beständig wie ein Loch in der Erde.“

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