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Gerangel unter Schülern: Oft haben Lehrer wenig Zeit, solche Streitigkeiten in Ruhe zu klären. Hier sollen Senioren helfen.

Bedarf gibt es überall

Seniorpartner im Einsatz: Erfahrene Streitschlichter für Schulen

Konflikte unter Schülern sind alltäglich – und nicht selten arten sie aus. In immer mehr bayerischen Schulen engagieren sich so genannte Seniorpartner, um Kindern und Jugendlichen bei Lösungen zu helfen.

Freising/München – Das Mädchen ist sauer. „Der nimmt mir immer meine Mütze vom Kopf“, beschwert sie sich über einen Mitschüler, „das ärgert mich.“ In einer anderen Ecke spielen drei Schüler miteinander und lassen einen vierten nicht mitspielen. Dann klingelt es, die Pause ist vorbei – aber die Probleme sind keineswegs zu Ende. Es kriselt, oft über lange Zeit. Freundschaften drohen zu zerbrechen.

Matthias Kraemer sieht sich als Schlichter.

Yvonne Hänsgen, pädagogischer Vorstand bei Montessori Freising, sieht die Dinge realistisch: „Wer behauptet, dass es keine Konflikte gibt, lebt in einer anderen Kategorie.“ Deshalb war sie sofort angetan von einem Modell, das sie bei einem Schulleitertreffen kennengelernt hat: „Seniorpartner in School“. Bei dieser bundesweiten Initiative engagieren sich bisher schon rund 1300 Angehörige der Generation 55+ nach ihrer beruflichen Tätigkeit ehrenamtlich an 325 Schulen – mit Mediationsgesprächen, in denen sie jungen Menschen Wege zu gewaltfreien Lösungen ihrer Konflikte anbieten. Yvonne Hänsgen will dieses Angebot so bald wie möglich in der Freisinger Montessori-Grundschule nutzen, wahrscheinlich auch in der Mittelschule. Dafür werden dringend ältere Menschen gesucht – in diesem Fall im Raum Freising, aber auch sonst vielerorts in Bayern. Denn die Seniorpartner wollen ihre Tätigkeit ausweiten. Zurzeit sind sie in Bayern mit rund 70 Mediatoren an 31 Schulen aktiv, davon an 24 Grundschulen in München. Bedarf sehen sie aber überall. Am Dienstag, findet in München ein Informationsabend über das Projekt statt. Am Anfang steht eine grundlegende, kostenfreie Ausbildung.

Schiedsrichter zeigt rote Karte und bezieht Prügel

Einer der Seniorpartner ist Matthias Kraemer. Der 67-jährige gebürtige Braunschweiger, der die „Fliegenden Bauten“ zu einer bundesweit bekannten Theatergruppe gemacht hat, lebt in Bernried (Kreis Weilheim-Schongau). Als Seniorpartner besucht er regelmäßig eine Grundschule in München an der Zielstattstraße. Als er am Donnerstag vergangener Woche wieder dort war, bekam er es gleich mit einer Auseinandersetzung von Jugendlichen zu tun. Sie hatten auf dem Pausenhof Fußball gespielt und einen von ihnen zum Schiedsrichter ernannt. Der hatte einem Spieler die rote Karte gezeigt und dafür von diesem prompt Prügel bezogen.

Rektorin Engelmayer setzt Senioren ein.1

Rektorin Monika Engelmayer kennt so etwas nur zu gut: „Gerade in der Pause entstehen sehr leicht Streitigkeiten, die die Kinder oft auch im Unterricht noch belasten.“ Vier der Schüler, unter ihnen der Schiedsrichter, setzten sich noch am selben Tag mit Kraemer zusammen. Der fragte sie: „Habt Ihr schon mal im Fernsehen gesehen, dass Spieler den Schiedsrichter verhauen?“ Gemurmel, Kopfschütteln. Es entwickelte sich ein Gespräch über die Anerkennung von Autorität – und auch über Gerechtigkeit. Denn es stellte sich heraus, dass es auch bei den Mannschaftsaufstellungen meist ungleich zugeht: Die besseren Fußballer spielen zusammen gegen die Schlechteren, und die haben keine Chancen. Künftig sollen die Teams mehr gemischt werden. Auch die Autorität von Schiedsrichtern wollen die Spieler akzeptieren.

Kraemer legt Wert darauf, dass die Jugendlichen diese Lösungsansätze selbst entwickelt haben. Denn Vorschriften und Zwänge lehnen die Seniorpartner ab. Als ihre Hauptaufgabe sehen sie fragen und zuhören. Dafür haben sie klare Abläufe festgelegt. Die Fragen lauten meist so: Was ist passiert? Wie hast du dich dabei gefühlt? Was brauchst du? Wie könnte eine Lösung aussehen? „Es tut den Kindern gut“, sagt Kraemer, „dass sie als eigenständige Subjekte wahrgenommen werden.“

LORENZ GOSLICH

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