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Der Eingang zur KZ-Gedenkstätte Stutthof, genannt Todestor. 

Neue Rechtsprechung

Beihilfe zum Mord? Ermittlungen gegen Telefonistin im KZ

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Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen eine 92-jährige Frau. Sie soll in der NS-Zeit Telefonistin in einem KZ gewesen sein. Nach neuer Rechtsprechung könnte das als Beihilfe zum Mord gewertet werden.

München– Christel R. (92) aus einer Gemeinde östlich des Chiemsees meldet sich mit rüstiger Stimme. Ja, sagt sie ohne Umschweife am Telefon, gegen sie werde ermittelt. Eine Staatsanwältin sei da gewesen und habe sie befragt. Eine uralte Geschichte. Als Nachrichtenhelferin sei sie ins KZ Stutthof abkommandiert worden. „Das war nicht freiwillig“, betont sie. In dem KZ bei Danzig wurden zwischen 1939 und 1945 etwa 110.000 Häftlinge gequält, etwa 65.000 von ihnen ermordet. Doch davon will Christel R. nichts mitbekommen haben. Die Arbeit als Telefonistin, sagt die gebürtige Danzigerin, fand in einem Verwaltungsgebäude abseits der Häftlingsbaracken statt, außerdem sei sie „nicht sehr lange“ da gewesen.

Neuer Ansatz bei Anklage und Verurteilung

Auf die Spur von Christel R. kam die Staatsanwaltschaft München I über einen Hinweis der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Dort überprüfen die Staatsanwälte seit 2016 die Personaldaten von mehreren Vernichtungs- und Konzentrationslagern. Ausgelöst wurde dies durch die neue Rechtsprechung, die erstmals im Demjanjuk-Verfahren sichtbar wurde. 2011 verfolgte das Landgericht München auf Betreiben des damaligen Staatsanwalts Thomas Walther erstmals einen neuen Ansatz bei der Anklage und Verurteilung des einstigen Wachmanns („Trawniki“) im Vernichtungslager Sobibor, John Demjanjuk. Nicht nur eigenhändig verübte Morde waren demnach strafbar, sondern als Beihilfe zum Mord auch die bloße Anwesenheit in einem Mord-Lager. Bei der Überprüfung des KZ-Personals von Stutthof konnten Vorermittlungen gegen neun Personen an die örtlich zuständigen Staatsanwaltschaften abgegeben werden, sagt der Ludwigsburger Behördenleiter Jens Rommel.

Christel R. ist ein Grenzfall

Das Verfahren gegen Christel R. hat die Staatsanwaltschaft München I übernommen, die unter dem Aktenzeichen 114 Js 189613/16 nun entscheiden muss, ob sie Christel R. anklagt. Ob die Tätigkeit als Telefonistin in einem KZ wirklich strafbar war, hält auch Jens Rommel für nicht sicher. Ein Grenzfall. „Wir haben das trotzdem abgegeben, weil wir der Meinung sind, dass das die Staatsanwaltschaften und Gerichte vor Ort entscheiden sollen“, sagt er unserer Zeitung.

Zumindest einen Parallelfall gibt es: 2016 trieb die Staatsanwaltschaft Schleswig das Verfahren gegen die damals 92 Jahre alte Helma Maaß voran, die Funkerin in den Konzentrationslagern Auschwitz und Natzweiler im Elsaß gewesen war. Sie wurde wegen Beihilfe zum Mord an 266.390 Menschen angeklagt – so viele Juden waren während der Diensttätigkeit von Maaß zwischen April und Juli 1944 in den Gaskammern von Auschwitz ermordet worden. Die Nachrichtenstelle der SS-Kommandantur habe „eine zentrale Funktion (...) insbesondere bei der Organisation der Massentötungen“ gehabt, hieß es in der Anklageschrift. Doch zum Prozess kam es nicht – die 92 Jahre alte Frau war krank und somit verhandlungsunfähig. Auch in Baden-Württemberg ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen eine ehemalige Telefonistin des KZ Stutthof – die Frau aus dem Kreis Lörrach ist 90 Jahre alt.

Als sie bei der Polizei arbeitete, störte sich niemand

„95 Prozent“ des einstigen KZ-Personals sei tot, sagt Behördenleiter Rommel. Doch es könnten weitere Verfahren gegen hochbetagte Senioren folgen: Auch unter dem Personal von Bergen-Belsen, Neuengamme, Dachau und weiteren KZ werde aufgrund der neuen Rechtsprechung nun nach noch lebenden Personen gefahndet. Die Ermittlungen zu Dachau seien freilich ganz am Anfang.

Christel R. glaubt, dass bei den Ermittlungen am Ende nichts weiter rauskommt. Einen Anwalt hat sie sich nicht genommen. Sie ist nach dem Krieg geflüchtet, erst nach Berlin, seit 30 Jahren lebt sie nun am Chiemsee. 35 Jahre sei sie bei der Polizei gewesen, ebenfalls in der Telefonzentrale. An der Sache mit Stutthof, sagt sie, „hat sich damals niemand dran gestört“.

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