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Kein Spielplatz ist die Gebirgsjägerkaserne in Bad Reichenhall. 2011 hatte sie Schlagzeilen wegen Kriegsspielen mit Minderjährigen bei einem Besuchstag gemacht (siehe Bild). Nun stehen wieder Belästigungsvorwürfe im Raum.

Gebirgsjäger

Ermittlungen in Kaserne Bad Reichenhall: Truppe unter Beschuss

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Bad Reichenhall - Sexuelle Belästigung, Volksverhetzung und Tierquälerei: In der Bad Reichenhaller Gebirgsjägerkaserne ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Bad Reichenhall– In der Gebirgsjägerkaserne Bad Reichenhall muss es drunter und drüber gegangen sein – falls sich die Vorwürfe eines ehemals dort stationierten Obergefreiten bestätigen: Die Staatsanwaltschaft Traunstein ermittelt gegen vier Soldaten. Die Vorwürfe gegen einen lauten auf sexuelle Belästigung. Drei weiteren wird Volksverhetzung und – so absurd es klingt – Verstoß gegen das Tierschutzgesetz vorgeworfen.

Der betroffene Obergefreite hatte sich im Oktober 2016 mit einem Hilferuf an den Wehrbeauftragten des Bundestags, Hans-Peter Bartels (SPD), gewandt. Nach einem Truppenpraktikum in einer niedersächsischen Kaserne hatte er Angst vor einer Rückkehr nach Bad Reichenhall: Dort sei er zwischen November 2015 und September 2016 von anderen Soldaten und sogar von Ausbildern diskriminiert und mehrfach tätlich sexuell belästigt und genötigt worden. Diese Vorwürfe dokumentiert ein Bericht des Verteidigungsministeriums an den Verteidigungsausschuss des Bundestags, der unserer Redaktion vorliegt.

Auf eigenen Wunsch wurde der betroffene Soldat inzwischen dauerhaft nach Niedersachsen versetzt, heißt es darin weiter: „Er fühlt sich dort wohl und ist gut integriert.“ Dafür ist es bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall mit dem Wohlfühlklima spätestens jetzt endgültig vorbei: 14 Beschuldigte hat der Bericht vom Montag ausgemacht, darunter zwei Feldwebel und zwei Unteroffiziere. Der direkte Vorgesetzte des Obergefreiten wurde von seinen Aufgaben zunächst entbunden.

Bei den Ermittlern der Bundeswehr hält man sich bedeckt, was es mit den Vorwürfen auf sich hat. Auch die Traunsteiner Staatsanwaltschaft wollte auf Anfrage unserer Zeitung keine konkreteren Angaben zu den Vorwürfen machen. Von einem „systemischen Problem bei der Bundeswehr“ spricht die Bundestagsfraktion der Linkspartei – auch wegen der Vorwürfe gegen das Ausbildungszentrum im baden-württembergischen Pfullendorf zu demütigenden Aufnahmerituale, die Anfang des Jahres laut geworden waren. Die Zahl der dem Wehrbeauftragten gemeldeten sexuellen Belästigungen sei zwischen 2015 und 2016 um 50 Prozent gestiegen.

Der sicherheitspolitische Sprecher der CSU-Fraktion im Bundestag, Florian Hahn aus München, geht hingegen ebenso wie der Bericht des Verteidigungsministeriums von einem Einzelfall aus. „Das Vertrauen in die Organisation Bundeswehr ist weiterhin da“, sagt er mit Blick auf den betroffenen Soldaten, der sich nach dem Kasernenwechsel wieder wohlfühle. Trotzdem: „Es muss reagiert werden“, sagt Hahn und spricht von „einem ernsten Verstoß im Bereich der Inneren Führung“ in diesem Fall. Sorgen macht dem Verteidigungsexperten, dass sich der Soldat erst beschwerte, als er weit weg von seinen mutmaßlichen Peinigern war: „Es kann nicht sein, dass ein Opfer aus Angst meint, stillhalten zu müssen.“

Kaserne Bad Reichenhall: Spezialtruppe mit Skandalvergangenheit

Truppenbild mit Dame – Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen war vor einem Jahr zu Gast in der Kaserne.

Die Gebirgsjägerbrigade 23 namens „Bayern“ mit rund 5300 Soldaten im südbayerischen Raum ist nach Auskunft der Bundeswehr eine Infanterietruppe, die auf den Kampf im schwierigen bis extremen Gelände spezialisiert ist. Sie gehört zur 10. Panzerdivision der Bundeswehr. Sechs Kompanien, das Bataillon 231, sind in der Hochstaufenkaserne in Bad Reichenhall (Landkreis Berchtesgadener Land) stationiert. Dort befindet sich auch ein Einsatz- und Ausbildungszentrum für Tragtierwesen. Bereits im Jahr 2010 hatte eine Kaserne der Gebirgsjäger für einen Skandal gesorgt: In Mittenwald (Kreis Garmisch-Partenkirchen) wurden entwürdigende Aufnahmerituale bekannt: Neulinge in der Edelweiß-Kaserne mussten rohe Schweineleber essen und Alkohol bis zum Erbrechen trinken. Soldaten aus weiteren Kasernen berichteten dem Wehrbeauftragten des Bundestags nach den Aussagen aus Mittenwald von ähnlichen Praktiken. Der Kommandeur der Gebirgsjäger in Bad Reichenhall musste sich zudem im Jahr 2011 öffentlich entschuldigen, nachdem dort bei einem Tag der offenen Tür Kinder Sturmgewehre und Pistolen in die Hand bekamen und an schweren Geschützen spielen durften – in einem Übungsgelände, das „Klein-Mitrovica“ benannt war, nach einem Kriegsschauplatz im Kosovo.

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