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Ein Anblick, der immer seltener wird: Die Zahl der Deutschen, die täglich kocht, liegt nur noch bei 39 Prozent.

Es wird immer weniger selbst gekocht

Ernährungsreport 2017: So isst und trinkt Deutschland

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Berlin/München – Die Deutschen stehen auf Fleisch und Pasta, sie wollen gut essen und gesund. Sie kochen gern selbst – aber sie kommen einfach nicht mehr dazu. Ihnen fehlt die Zeit. Stattdessen gibt’s oft Tiefkühlpizza. Eine neue Studie zeigt: Bei der Ernährung verheddern sich offenbar immer mehr Menschen.

Fangen wir mit einer beruhigenden Ernährungsnachricht an: Die Deutschen lieben Gemütlichkeit und Rituale – das gilt vor allem, wenn es um Heißgetränke geht: den Earl Grey in der Früh, den Cappuccino nach dem Mittagessen und den Fencheltee am Abend. Deutschland ist und bleibt ein Land der Tee- und Kaffeetrinker, das ist das Ergebnis des „Ernährungsreport 2017“, den Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) gestern in Berlin vorstellte. Je älter die Deutschen sind, desto häufiger trinken sie Tee oder Kaffee. Fast alle über 60-Jährigen, nämlich 97 Prozent, machen das sogar jeden Tag. Unser täglich Tee gib’ uns heute. Eine romantische Vorstellung.

Immer weniger Deutsche kochen selbst

Aber viel romantischer wird es nicht, wenn man sich die neue Ernährungsstudie anschaut, für die das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft rund 1000 Bürger ab 14 Jahren zu ihren Ess- und Einkaufsgewohnheiten befragen ließ. Los geht’s mit den eher schlechten Nachrichten: Die Deutschen kaufen zwar bergeweise Kochbücher, und die Stars unserer Zeit heißen Mälzer, Lafer und Schuhbeck, aber selber kochen, also leibhaftig an den Herd stellen, das tun immer weniger. Um die richtige Ernährung wird ein riesiges Bohei gemacht – aber das Lieblingsgericht vieler ist halt doch: Tiefkühlpizza Funghi. Nach der Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Forsa gaben 41 Prozent der Befragten des „Ernährungsreport 2017“ an, gerne mal eine Tiefkühlpizza oder ein Fertiggericht zu essen. 2015 waren es noch 32 Prozent. Bei den unter 30-Jährigen greift sogar deutlich mehr als die Hälfte gerne zur Tiefkühlpizza.

Auch nicht so schön: Elf Prozent der Befragten kochen überhaupt nicht. Also rein gar nicht, für sie ist der Herd in der Wohnung ein Deko-Artikel wie eine Palme oder eine Lavalampe. Nur noch 39 Prozent der Verbraucher stellen sich laut der Studie täglich an den Herd. Zwei- bis dreimal pro Woche kocht nur jeder Dritte selbst – vor einem Jahr taten dies statt 33 noch 37 Prozent. Die Kochlust sinkt und sinkt anscheinend.

Die Erwartungen an die Lebensmittelqualität steigt

Der Ernährungsreport: Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) und Forsa-Chef Manfred Güllner (l.) stellten ihn gestern in Berlin vor.

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite steigen die Erwartungen der Verbraucher an die Lebensmittelproduzenten, sie informieren sich auf allen Kanälen und achten immer mehr auf die Kennzeichnung durch Qualitäts- und Gesundheitssiegel. Auch wenn wir seltener kochen, wollen wir umso besser und umso gesünder kochen, das ist offensichtlich das Motto der Deutschen. Gleichzeitig wird den Bürgern angeblich das Tierwohl immer wichtiger. 47 Prozent der Befragten achten demnach auf Tierwohlsiegel als Kennzeichen einer tiergerechten Haltung, 2015 waren es noch 36 Prozent. „Das ist eine bemerkenswerte Steigerung“, sagte Landwirtschaftsminister Schmidt, um dann einen herrlichen Satz folgen zu lassen, wie ihn wahrscheinlich nur Politiker und Statistik-Professoren sagen können: „Insgesamt hat sich der Trend zu mehr Tierwohl weiter verfestigt.“ Will heißen: Der moderne Mensch will, dass es dem Rind, bevor es daheim in den Schmortopf kommt, zukünftig noch besser gehen soll.

 87 Prozent halten eine Überprüfung und Verbesserung der Standards für erforderlich. 88 Prozent wären sogar bereit, mehr für Lebensmittel zu zahlen, wenn die Tiere dafür besser gehalten werden. 13,60 Euro würden die Deutschen laut Studie für ein Kilo Fleisch aus tiergerechter Haltung durchschnittlich zahlen, 14- bis 18-Jährige sogar 14,70 Euro und über 60-Jährige 12,20 Euro. An den Supermarktkassen dieses Landes sieht man zwar oft was anderes im Einkaufskorb, nämlich das Hackfleisch-Sonderangebot für 3,49 Euro abwärts, aber Studie ist Studie.

CSU-Landwirtschaftsminister Schmidt sagte, er wolle die Ergebnisse des Reports in seine Entscheidungen einfließen lassen. Er forderte außerdem verbindliche Qualitätsstandards für Essen in Schulen und Kitas, wie sie sich neun von zehn Deutschen wünschen und wie sie bereits im Saarland und in Berlin vorgeschrieben sind. Eltern würden nicht einsehen, sagte er, warum jedes Spielgerät auf dem Schulhof überprüft werde, aber nicht das tägliche Schulessen. „14 Länder haben diesen Weg noch vor sich, wir unterstützen dabei gerne.“

Der CSU-Politiker sorgte in den vergangenen Tagen eher mit Reizthemen rund ums Essen für Schlagzeilen. So will Schmidt Fleischbezeichnungen für vegetarische und vegane Lebensmittel verbieten. Begriffe wie „vegetarisches Schnitzel“ oder „vegane Currywurst“ seien „komplett irreführend und verunsichern die Verbraucher“, sagte er kürzlich. Der Vegetarierbund ist empört, die Organisation Slow Food warf Schmidt „wurstige Interessenpolitik“ vor.

Am liebsten essen die Deutschen Roulade

Bei der Vorstellung des Reports war das kein Thema. Aber was genau isst Deutschland also? Immer noch am liebsten Fleisch. 53 Prozent haben am liebsten ein Fleischgericht auf dem Teller: Rouladen (8 Prozent) sind den Deutschen am liebsten, noch vor Schnitzel oder Schweinsbraten (je 7 Prozent). Auch Pizza (13 Prozent) und Pastagerichte (38 Prozent) gehören auf die Hitliste der Gerichte.

Und noch was hat der Ernährungsreport enthüllt: Die Deutschen haben keine Angst vor womöglich abgelaufenen Lebensmitteln. Auf die Frage „Was tun Sie, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist?“ antworteten 76 Prozent, dass sie die Genießbarkeit prüfen. Nur fünf Prozent gaben an, dass sie das Produkt sofort wegwerfen würden. Eine weitere beruhigende Nachricht verkündete der Minister gestern dann auch noch: Beim Kauf von Lebensmitteln zählt vor allem der Geschmack – dem stimmten 97 Prozent der Menschen zu. Die anderen drei Prozent würde man allerdings trotzdem gerne mal kennenlernen.

Umfrage: Was ist Ihr Lieblingsessen?

Angelika Herterich

Angelika Herterich, 39, Sachbearbeiterin aus München: „Mein Lieblingsgericht ist ganz klar Thaicurry mit Ente. Das schmeckt einfach nach Urlaub und ist saugut. Ich war schon viermal in Thailand und das Gericht erinnert mich daran. Das Thaicurry mit Ente mache ich aber nicht selbst, sondern gehe lieber ins Restaurant – die können das besser als ich. Ich habe mich bisher nur an Thaicurry mit Hühnchen herangetraut.“

Michael Langhans

Michael Langhans, 36, Angestellter aus München: „Aktuell esse ich Pizza ganz gerne, aber mein Lieblingsgericht ändert sich immer wieder. Pizza gibt es bei uns mindestens einmal im Monat. Außerdem habe ich sie gerne ein bisschen schärfer, zum Beispiel mit Peperoni. Manchmal mache ich die Pizza auch selbst: Dann kaufe ich einen Fertigteig und belege ihn mit Zutaten, die ich gerade noch zu Hause habe.“

Melanie Kerschbaum

Melanie Kerschbaum, 45, Sachbearbeiterin aus Schwabhausen: „Ich esse am liebsten Italienisch und bin nicht auf ein Gericht festgelegt: Mir schmecken beim Italiener sowohl Nudeln, Pizza als auch Fisch. Am liebsten ist mir aber Lasagne. Das italienische Essen ist für mich einfach eine schöne Erinnerung an den Urlaub. Auch zuhause koche ich italienisch. Da muss es aber oft schnell gehen: Meistens gibt es Nudeln mit Tomaten- oder Hackfleischsoße.“

Bernhard Sedlmaier

Bernhard Sedlmaier, 58, Mechaniker aus Landshut: „Ich esse am liebsten Reiberdatschi mit Sauerkraut und Wammerl. Die hat meine Mutter früher schon immer gemacht. Jetzt mache ich sie mir ab und zu selbst – aber nur mit handgeriebenen Kartoffeln. Das ist mir ganz wichtig. Reiberdatschi mit Apfelmus habe ich auch schon einmal ausprobiert. Aber die meisten meiner Gäste wollten lieber die herzhaften Reiberdatschi mit Wammerl.“

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