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Faulhaber (2.v.l.) im Schützengraben, Ypern April 1915

Serie: Erster Weltkrieg

Wer war Feldpropst Faulhaber wirklich?

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München - Kardinal Michael von Faulhaber hatte als Feldpropst für die bayerischen Truppen einen intimen Einblick in den Frontalltag. Anhand neu aufgetauchter Tagebücher stellt sich erneut die Frage: War er Friedensfürst – oder Kriegstreiber?

Es ist der 1. August 1914. Kriegsbeginn. Um 17.15 Uhr hat Kaiser Wilhelm II. die Mobilmachung der „gesamten deutschen Streitkräfte“ angeordnet. Abends um zehn Uhr beobachtet der Bischof von Speyer in der Pfalz, damals ein Teil von Bayern, den Jubel auf den Straßen. Die Pionierkapelle ziehe „mit klingendem Spiel durch die Straßen“, notiert Michael von Faulhaber, damals 45, in sein Tagebuch. „Alles lebt hoch. ,Deutschland, Deutschland über alles’ und ,Die Wacht am Rhein’“ Allerorten Begeisterung also, und in der Früh „wankt einer durch den Domgarten: ,O Heimat, o Heimat’.“

Das sind Faulhabers erste Eindrücke vom beginnenden Weltenbrand. Pure Begeisterung spricht nicht aus diesen dürren Zeilen, eher Aufregung, vielleicht sogar Skepsis. Er habe „keine Viertelstunde geschlafen“, bekennt Faulhaber in seinem Tagebuch. Da hat er gerade eine prekäre telegraphische Anfrage des Münchner Kardinals Franziskus von Bettinger (dem er 1917 in München nachfolgt) erhalten. Faulhaber solle als Feldpropst die Seelsorge in der bayerischen Armee organisieren. Schweren Herzens sagt er zu – „in Gottes Namen“. Also muss auch er in den Krieg, nicht als Soldat, aber als geistlicher Beistand der kämpfenden Truppe. Fast meint man ihn seufzen zu hören.

Michael von Faulhaber – er ist eine der umstrittensten Gestalten der Kirchengeschichte. Ein Monarchist reinsten Wassers, ein scharfer Republikgegner. Die Revolution von 1918 sah er durch „Meineid und Hochverrat“ belastet; über Hitler notierte er 1936 nach einer Unterredung: „lebt ohne Zweifel im Glauben an Gott“. Aber er war auch ein Freund der Juden und ein Gegner des innerkirchlichen Antisemitismus. Auch einer seiner schärfsten Kritiker, der vor einigen Jahren verstorbene Münchner Rechtsanwalt und Publizist Otto Gritschneder, konzedierte freilich, dass Faulhaber den „Mut aufbrachte, nach und nach seine Ansichten und Einsichten zu ergänzen, gelegentlich sogar zu korrigieren.“

Die Frage ist: Gilt das auch für die Jahre 1914 bis 1918? War Faulhaber mehr Zweifler? Etwa wenn er gleich in den ersten Kriegstagen über Spekulation und Preistreiberei bei den Lebensmitteln berichtet. Oder warf er sich – zumal in seinen Predigten – mit Verve in die Schlacht? Oder gab es gar zwei Faulhabers? Neues Licht auf ihn wird eine Online-Edition seiner bisher nicht veröffentlichten Tagebücher werfen. Für unsere Zeitung haben die Historiker vorab Beispielseiten aus dem Jahr 1914 zur Verfügung gestellt. „Bisher schaut man immer nur auf die öffentliche Äußerung Faulhabers, in der er 1914 von einem ,gerechten Krieg’ spricht“, sagt Prof. Hubert Wolf, der Münsteraner Projektleiter. „Die Tagebücher ermöglichen einen Blick auf die innere Entwicklung des Kardinals.“

Auszug aus dem Kriegstagebuch August 1914 mit einer Transskription der ersten drei Absätze. Faulhaber schrieb, wie man sieht, wild durcheinander Sütterlin und Gabelsberger Kurzschrift. Manchmal erfolgte der Wechsel abrupt mitten in einem Satz.

Die Tagebücher,32 Bände im Notizbuchformat, gelangten erst nach dem Tod von Faulhabers Sekretär in das Archiv des Münchner Erzbistums. Faulhaber schrieb – damals normal – meist in Gabelsberger Kurzschrift. Das Projekt, vom Institut für Zeitgeschichte München und dem Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Uni Münster angestoßen, ist auf zwölf Jahre angesetzt. So lange wird es dauern, die 30 000 Textseiten zu transkribieren. Im März nächsten Jahres sollen die ersten Bände auf einer eigenen Homepage erscheinen – zu den Jahren 1914 bis 1919 sowie, besonders heikel, zum Jahr 1933.

Faulhaber, das ist bekannt, besuchte mindestens sechs Mal jeweils mehrere Wochen verschiedene Front-Abschnitte. In Metz, in Flandern, aber auch in Galizien und Rumänien. Wie muss man sich das vorstellen? Die meiste Zeit entfiel auf normale seelsorgliche Tätigkeit. Faulhaber hielt Gottesdienste ab, er beschenkte die Soldaten und besuchte Lazarette. Er traf Kommandeure wie Kronprinz Rupprecht, Prinz Heinrich, auch Wilhelm II., der ihm für sein Kriegsgebet „Herr der Heerscharen“ dankte und zur Mittagstafel bat. Faulhaber attestierte dem Kaiser „charakteristische geistige Frische“, die ihm „unauslöschlich in Erinnerung“ geblieben sei.

Auf seiner zweiten Reise im April 1915 verteilte er Rosenkränze, Medaillen und Zigaretten an die Soldaten und geriet bei Wytschaete unter britisches Gewehrfeuer. Im Feld, davon muss man ausgehen, waren zumindest die katholischen Soldaten (70 Prozent der bayerischen Armee waren katholischen Glaubens) von den Besuchen sehr angetan. „Hochwürdigster Herr Erzbischof“, schrieb ein Armee-Oberpfarrer im Dezember 1917 vom Balkan, „auch hier in Mazedonien und Serbien stehen bayr(ische) Formationen.“ Faulhaber solle doch zum Besuch vorbeikommen, schlug der Pfarrer vor, und gab auch gleich einen Reiseplan an die Hand: Abfahrt in München Dienstag, 15. Januar, abends 10.50 Uhr „mit dem Balkanzug“, Ankunft in Nisch Freitag morgens um 5.05 Uhr. Tatsächlich nahm Faulhaber die strapaziöse Zweieinhalb- Tage-Reise auf sich. Er blieb drei Wochen und scheute sich auch nicht, eine Baracke mit Flecktyphuskranken zu besuchen. Es ist eine von vielen spannenden Fragen des Online-Projekts, ob Faulhaber im Angesicht des Elends in seinem Glauben an einen siegreichen Kriegsausgang und die Zukunft der Monarchie nicht doch irre wurde. Kirchenhistoriker Wolf geht von einem Wandlungsprozess aus. „Es zeigt sich, dass der Erzbischof lernt.“ 1933 sei er sogar gegen die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht gewesen. „Faulhaber wird vom Feldpropst zum Pazifisten.“

Soweit war er 1918 noch nicht. Kaum zurück von einer Reise in Rumänien, segnete Faulhaber in München das Königspaar zur Goldenen Hochzeit. An die damals schon erkrankte Königin Marie Therese schrieb er, das bayerische Volk lasse sich „in seiner Treue zum gottgesetzten Königshaus“ nicht erschüttern.

Doch da irrte Faulhaber. Vier Monate später kam die Revolution.

Unter der Rubrik „Bayern“ finden Sie bereits erschienene Serienteile.

Dirk Walter

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