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„Weihnachten“ – so überschrieb ein unbekannter Soldat diese Zeichnung, die in russischer Gefangenschaft entstand und uns von unserem Leser Thomas Paulus zugesandt wurde.

Erster Weltkrieg

Kriegsgefangenschaft: "Modernes Sklaventum"

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Kriegsgefangenschaft – das war auch für deutsche Soldaten eine massenhaft gemachte Erfahrung. Fast eine Million Armeeangehörige geriet, häufig verwundet, in Gefangenschaft. Weitaus die meisten überlebten – trotz zahlreicher Strapazen.

„Modernes Sklaventum“, so überschrieb der junge Soldat Theo Peter aus Garmisch seine „in fünf Aufsätzen gesammelten Eindrücke und Erlebnisse während einer zweieinhalbjährigen französischen Kriegsgefangenschaft“. Theo Peter, schon am 14. August 1914 in einem Dorf in den Vogesen überrumpelt und gefangen genommen, schuftete als Erntearbeiter und in verschiedenen Arbeitskommandos auf dem Land. Er kam nach Korsika und ein Jahr sogar Afrika – Tunis und Algier. Er überlebte die Strapazen. So sicher war das nicht, obwohl Zustände in den Gefangenenlagern aller Staaten deutlich besser waren als im Zweiten Weltkrieg, was auch an den Bemühungen des International Roten Kreuzes lag.

Die französische Kriegsgefangenschaft war unter den deutschen Soldaten berüchtigt, ja gefürchtet, weil sie durch zahlreiche Schikanen und Drangsalierungen gekennzeichnet war. Rund 424 000 deutsche Soldaten gerieten im Verlauf des Krieges in französische Gefangenschaft und kehrten in aller Regel erst nach Kriegsende zurück. 328 000 Gefangene kamen nach Großbritannien, 168 000 nach Russland.

Ein weiteres Beispiel schildert Eugen Höbel aus München, dessen Vater Jakob Höbel (1895-1957) schon früh – im Oktober 1914 – gefangen genommen wurde. Essenspäckchen aus der Heimat wurden geöffnet und „gemischt“ und damit ungenießbar gemacht. Gefangene wurden mit Peitschen geschlagen. Als die Bewacher spitz bekamen, dass Jakob Höbel seine Flucht vorbereitete, wurde er in eine Art Sonderhaft genommen: ein „unbeleuchtetes Loch“, so beschrieb er das später. Davon blieb ein Nieren- und Blasenschaden.

Das Positive: Jakob Höbel überlebte den Krieg, er kam 1920 wieder zurück in seine Heimat im Allgäu. Und er lernte Französisch, machte Urlaub in Frankreich. Sein Sohn Eugen Höbel sagt, er sei später regelrecht „frankophil“ gewesen.

Der junge Garmischer Theo Peter wurde in eine fremde Welt katapultierte, die er regelrecht aufsaugte. Das Kapitel „Auf Korsika“ hat auch einen Abschnitt über „Sitten und Gebräuche“, in Tunis wiederum malte er die Einheimischen – es war für ihn vermutlich das erste Mal, dass er Schwarze und Araber sah. Die Bilder und das Tagebuch verwahrt sein Nachfahre Kurt Großmann aus Starnberg.

Theo Peter war nicht der einzige, der seine Erlebnisse gewissermaßen künstlerisch verarbeitete. Unser Leser Thomas Paulus hat Bilder in einem Nachlass gefunden, die wohl von einem Soldaten namens Fogy in russischer Kriegsgefangenschaft gezeichnet wurden.

Es sind düstere Motive – die russische Kriegsgefangenschaft war insgesamt die härteste. Nach einem zeitgenössischen Sanitätsbericht, den der Historiker Benjamin Ziemann („Front und Heimat. Ländliche Kriegserfahrungen im südlichen Bayern“) zitiert, starben von den 168 104 registrierten deutschen Kriegsgefangenen in Russland von allen Ländern die meisten – knapp 40 Prozent. Weit höher war die Zahl gefangener Soldaten aus Österreich-Ungarn in Russland: 2,1 Millionen. Geschätzt 25 Prozent überlebte das nicht.

Während Peter und Höbel schon 1914 und sicher nicht freiwillig in Gefangenschaft gerieten, liegen für spätere Jahre auch andere Berichte vor. Seit 1916 gab es „Anzeichen sinkender Moral und Disziplin“ in der deutschen Armee, schreibt der Historiker David Stevenson. Große Teile der Armee kämpften nicht mehr „bis zum Letzten“, ab Juli 1918 „ging die Zahl sich ergebender deutscher Soldaten sprunghaft in die Höhe“. Ihnen schien es einleuchtender, den Krieg in Gefangenschaft zu überstehen, als noch in den letzten Tagen zu sterben.

Von Dirk Walter

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