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Abgeheftete Erinnerungen: Erwin Prechtl hat einen dicken Ordner mit Fotos von dem Zugunglück. Auch das Einsatzprotokoll hat er aufgehoben.

Es passierte am 8. Juni 1975

Das Zugunglück von Warngau 1975: Ein BRK-Mitarbeiter erinnert sich

Warngau - Heute vor 40 Jahren sind bei Warngau zwei Züge frontal zusammengestoßen. 41 Menschen starben, 126 wurden verletzt. Es ist bis heute das schwerste Zugunglück, das je in Bayern passiert ist. Erwin Prechtl hat an diesem Tag in der BRK-Einsatzzentrale gearbeitet – mit nur einem Kollegen. Eine Nacht, die er niemals vergessen wird.

Update vom 9. Februar 2016: Am Dienstagmorgen ist es zu einem schweren Zugunglück bei Bad Aibling (Kreis Rosenheim) gekommen. Mehrere Menschen starben, viele hunderte wurden verletzt, als zwei Züge des Meridian frontal aufeinander geprallt sind.

Die Katastrophe beginnt mit einem Missverständnis. Die Bahnstrecke zwischen Holzkirchen und Lenggries ist 1975 eingleisig, der Sommerfahrplan ist erst vor wenigen Tagen in Kraft getreten. Er legt nicht genau fest, in welchem Bahnhof sich die Züge begegnen. Die Strecke verfügt über keinen Streckenblock, der verhindert hätte, dass zwei Fahrdienstleiter das Signal auf Fahrt stellen können. Die beiden Fahrdienstleiter reden bei der Absprache aneinander vorbei – beide wollen ihren Zug anbieten, beide gehen davon aus, der andere habe den Zug angenommen. Als sie den Irrtum bemerken, können sie die Katastrophe nicht mehr aufhalten. 1975 gab es noch keinen Funkkontakt zu den Lokführern. Um 18.31 Uhr prallen die beiden Eilzüge 3594 und 3591 bei Warngau (Kreis Miesbach) frontal zusammen.

Ein riesiges Trümmerfeld: Die beiden Eilzüge wurden durch den Zusammenprall ineinander geschoben. Die Rettungskräften brauchten Stunden, um die Toten und Schwerverletzten zu bergen.

Vier Minuten später erfährt Erwin Prechtl davon. Er arbeitet an diesem Sonntag mit seinem Kollegen Günther Höcherl in der BRK-Einsatzzentrale in München. Wochentags sind sie zu siebt, sonntags eigentlich zu dritt. Ein Kollege ist krank geworden. Als die beiden ausgebildeten Rettungssanitäter über den Polizeifunk hören, dass sich bei Warngau ein schweres Zugunglück ereignet hat und der Rettungshubschrauber angefordert wird, wechseln die beiden Männer einen Blick. Sie wissen, was auf sie zukommt. Dass sie von München aus die Koordination übernehmen müssen.

Stift und Papier statt Computer: In den 70er Jahren musste Erwin Prechtl noch alles per Hand protokollieren

1975 war mit dem Bayerischen Rettungsdienstgesetz bereits beschlossen, dass in Bayern 26 Rettungsleitstellen aufgebaut werden sollen, aber es gab erst eine einzige in Aschaffenburg. München ist damals die größte Einsatzzentrale, für eine Katastrophe wie diese aber an diesem Sonntag hoffnungslos unterbesetzt. Es gibt in ganz Bayern nur einen einzigen Rettungshubschrauber, keine Computer, keine Handys. Alles was Erwin Prechtl und sein Kollege aufnehmen, müssen sie per Hand ins Einsatztagebuch eintragen. Sie müssen zu zweit den Funk und alle Telefonleitungen bedienen. Es dauert nicht lange, bis alle Telefone gleichzeitig rot blinken. Bis klar ist, dass Erwin Prechtl und Günther Höcherl eine Entscheidung treffen müssen, um diesen Einsatz koordinieren zu können. „Wir haben auf den Funkkanal 412 umgestellt“, erzählt Prechtl. Um oberbayernweit alle Einsatzkräfte gleichzeitig zu erreichen. Höcherl setzt sich an den Funktisch, er schickt Rettungsteams aus ganz Oberbayern an die Unglücksstelle nach Warngau. Prechtl bedient alle Telefone. Er hat Angehörige in der Leitung, die hoffen von ihm Informationen zu bekommen. Er notiert die Aufnahmekapazitäten der Krankenhäuser, koordiniert die Krankenwagen mit den Verletzten. Und er schickt sechs weitere Rettunghubschrauber los – von Polizei, Bundeswehr und Bundesgrenzschutz. An Bord sind sechs Notärzte aus München. Als die Rettungshubschrauber mit den Verletzten auf der Theresienwiese landen, um sie von dort in die Münchner Krankenhäuser zu transportieren, versammeln sich immer mehr Schaulustige. Erwin Prechtl muss eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei zur Absicherung anfordern.

„Wir haben damals beide einfach funktioniert“, erzählt Prechtl. Er ist inzwischen 71 Jahre alt, sein Kollege Günther Höcherl ist vergangenes Jahr gestorben. Nicht nur am 8. Juni, dem Jahrestag des Unglücks, haben die beiden an diesen einen Einsatz zurückgedacht. Als sie an jenem 8. Juni 1975 spätnachts heim nach Freising fahren, wissen die beiden noch nicht, dass es bei dem Unglück 41 Tote und 126 Schwerverletzte gab. Die Bilder von den ineinandergeschobenen Waggons sehen sie erst am nächsten Tag in der Zeitung.

Sein Kollege Günther Höcherl starb im Juli 2014.

Nachdem die Spätschicht sie abgelöst hat, fahren Erwin Prechtl und Günther Höcherl alles andere als erleichtert nach Hause. Sie fürchten, dass ihre Entscheidung, eigenmächtig auf den oberbayernweiten Funkkanal umzustellen, Konsequenzen für sie haben könnte. „Für heute haben wir’s erstmal geschafft“, sagt Prechtl, als er sich verabschiedet. Mit einem Handschlag, einem erschöpften Blick. Nach diesem Einsatz sind er und Günther Höcherl als enge Freunde durchs Leben gegangen.

Die Wracks werden am Montag von den Gleisen geräumt, am 10. Juni 1975 verkehren die Züge wieder auf der Strecke. Die Schuldfrage wird vor Gericht geklärt. Die beiden damals 27 und 39 Jahre alten Fahrdienstleiter und der Fahrplansachbearbeiter bekommen Freiheitsstrafen auf Bewährung. Luftkreuzungen im Fahrplan gibt es seit damals nicht mehr. Erwin Prechtl und Günther Höcherl haben für ihren Dienst an diesem Tag unzählige Dankesbriefe bekommen. Ihre Entscheidung hatte keine Konsequenzen – sie hätten an diesem 8. Juni 1975 nicht besser handeln können.

Katrin Woitsch

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