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Siegfried Kneißl leitet die Hauptabteilung Beratung im Erzbischöflichen Ordinariat.

Neue Außenstelle in Mühldorf

Erzbistum baut Seelsorge aus: Wegweiser am Telefon

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München - Ängste, Einsamkeit, Suizidgedanken: Die Telefonseelsorge wird mehr denn je gebraucht. Am Donnerstag eröffnet die Erzdiözese München und Freising eine Dienststelle in Mühldorf. 

Sieglinde Eibner verbrachte in den vergangenen Monaten viel Zeit im Zug. Die 66-jährige Rentnerin pendelte regelmäßig von Mettenheim (Kreis Mühldorf am Inn) nach München, wo sie zur ehrenamtlichen Telefonseelsorgerin ausgebildet wurde. Zunächst in Seminaren, dann praktisch am Telefon. Auf der Heimfahrt blieb Eibner immer genug Zeit, über die Anrufe nachzudenken. Denn was sie dort zu hören bekam, hatte wenig zu tun mit der „schönen, lebendigen Stadt München“, in der Eibner lange gelebt hat und heute noch häufig unterwegs ist.

„Ich war erschüttert“, sagt Eibner. Die Anrufer offenbarten ihr eine Seite der Landeshauptstadt, die sie so nicht kannte. Es meldeten sich Menschen, die in Armut leben und in Wohnungen hausen, die diesen Namen nicht einmal wert sind. Verzweifelte Menschen am Rande der Existenz, die nicht mehr weiterwissen.

Bis zu 100 Anrufe täglich, Tendenz: steigend

Telefonseelsorger wie Sieglinde Eibner werden stündlich mit Schicksalen wie diesen konfrontiert. Sie kümmern sich um die Menschen, die sonst niemanden haben, an den sie sich wenden können. Bis zu 100 Anrufe gehen pro Tag allein beim Seelsorge-Service der Erzdiözese München und Freising ein. Tendenz: seit Jahren steigend.

Die Erzdiözese reagiert nun auf den wachsenden Bedarf und eröffnet am Donnerstag in Mühldorf offiziell eine weitere Dienststelle. Die dritte nach München und Bad Reichenhall. Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, haben dort Telefonseelsorger ein offenes Ohr für die Anrufer. Mit neun hauptamtlichen Seelsorgern allein wäre das nicht machbar. „Wir funktionieren nur dank der Ehrenamtlichen“, sagt Siegfried Kneißl, Leiter der Hauptabteilung Beratung im Erzbischöflichen Ordinariat. Insgesamt 95 Ehrenamtliche sind es derzeit, auf drei Standorte verteilt. Kneißl sagt: „Sie sind unser größtes Kapital.“

Sieglinde Eibner ist neu dabei. Im April hat sie ihre Ausbildung begonnen. Seit im Oktober der inoffizielle Start in Mühldorf war, beantwortet die Rentnerin vier Stunden pro Woche Anrufe. Sie entschied sich bewusst für die Telefonseelsorge, weil sie etwas zurückgeben will. Eibner ist schwerbehindert. Auch sie durchlebte schwere Zeiten, in denen andere Menschen für sie da waren, ihr Halt gaben, ohne es zu wissen. Eibner will nun bewusst helfen. „Ich kann mich körperlich vielleicht nicht einbringen“, sagt sie, „aber ich habe einen Kopf, Sprache und Einfühlungsvermögen – das ist doch schon einiges.“

Gerade vor Weihnachten häufen sich die Anrufe

Die Menschen, die Eibner am Hörer hat, rufen aus den unterschiedlichsten Gründen an. Viele sind einsam, suchen jemanden zum Reden. „Solche Leute muss man dann auch einfach reden lassen“, sagt sie. Gerade in der Vorweihnachtszeit häufen sich diese Anrufe. Andere melden sich, weil sie schwere Ängste umtreiben, weil sie Sorgen haben, sich in schwierigen Lebenssituationen überfordert fühlen oder gar an Suizid denken.

In jedem Fall ist höchste Konzentration gefragt, oder, wie Eibner es ausdrückt: „Wir müssen abheben und voll da sein.“ Ihre Aufgaben: aufmerksam zuhören, einfühlsam sein und gleichzeitig das Gespräch lenken. Dabei geht es nicht darum, den Anrufern Lösungen für ihre Probleme zu präsentieren. „Das wäre grundfalsch. Wir sind Wegweiser, keine Problemlöser“, sagt sie. Wegweiser, die den Anrufer unterstützen, sich auf seine Ressourcen zu besinnen, ihn darin bestärken und so stabilisieren.

„Wir arbeiten für das Leben“, umschreibt Christian Braun diesen Grundsatz der Telefonseelsorge. Er ist der Ausbildungsleiter der Erzdiözese und bereitet die neuen Ehrenamtler auf die Gespräche vor. Besonders wichtig ist dabei der Aspekt: Wie meistere ich die Gratwanderung zwischen Mitfühlen und professioneller Distanz? Mit nach Hause nehmen soll niemand das Gehörte. In regelmäßigen Gesprächen mit Psychologen können sich die Ehrenamtler den Ballast von der Seele reden. Zudem hilft es, erklärt Braun, wenn sich Sieglinde Eibner und ihre Seelsorge-Kollegen eines immer wieder ins Gedächtnis rufen: „Das ist nicht mein Schmerz.“

Bei der Telefonseelsorge geht die Erzdiözese mit der Zeit, bietet seit drei Jahren ihre Dienste auch im Internet an. Per Chat oder E-Mail sind die Seelsorger erreichbar. Über ein Portal kann man Chat-Termine vereinbaren. In Anspruch nehmen das vor allem jüngere Leute, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden, sich selbst etwas antun wollen. Und obwohl die Erzdiözese ihr Seelsorge-Angebot ausweitet, hat Christian Braun eine ganz andere Hoffnung: „Das große Ziel ist, dass die Leute die Telefonseelsorge irgendwann nicht mehr brauchen.“

Seelsorger gesucht

Die Erzdiözese München und Freising ist auf der Suche nach ehrenamtlichen Telefonseelsorgern. Wer sich für ein solches Ehrenamt interessiert, findet alle Informationen im Internet unter www.telefonseelsorge-muenchen-kath.de.

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