Nicht „Kindergärtnerin“, sondern „Erzieherin“: Alexandra Kettenbach hat ihre Ausbildung mit OptiPrax in drei statt fünf Jahren absolviert.
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Nicht „Kindergärtnerin“, sondern „Erzieherin“: Alexandra Kettenbach hat ihre Ausbildung mit OptiPrax in drei statt fünf Jahren absolviert.

Modellversuch startet durch

In drei Jahren zur Erzieherin: Kürzere Ausbildungszeit soll Mangel an Pädagogen beseitigen

  • vonCornelia Schramm
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Kaffeetrinken. Auf dem Spielplatz toben. Erzieher sein bedeutet laut Alexandra Kettenbach viel mehr. Mit OptiPrax hat sie die Ausbildung komprimiert absolviert. Löst das Modell das Image-Problem der Erzieher? 

Unterschleißheim – „Erzieher trinken nicht nur Kaffee und stehen auf dem Spielplatz rum“, sagt Alexandra Kettenbach. Seit vorigem Jahr arbeitet sie als staatlich anerkannte Erzieherin im „Münchner Waisenhaus“ in Unterschleißheim (Landkreis München). Dort werden Säuglinge und Kleinkinder bis vier Jahre rund um die Uhr betreut. Drei Erzieherinnen kümmern sich hier immer um acht Kinder, die aus prekären Familienverhältnissen kommen.

Als Abiturientin hat sich Alexandra Kettenbach für einen ungewöhnlichen Weg entschieden – denn die meisten Erzieher kommen noch immer von der Mittel- oder Realschule. Jetzt ist die 26-Jährige unter den ersten Absolventen eines neuartigen Ausbildungsmodells. Kürzer und attraktiver sollte die „Erzieherausbildung mit der optimierten Praxisphase“ sein – und so Abiturienten und kenntnisreiche Quereinsteiger anlocken. 2016 vom Freistaat als Testmodell eingeführt, verzahnt OptiPrax erstmals Theorie und Praxis. Die Ausbildung kann so verkürzt in drei statt fünf Jahren gemacht werden. Zudem bekommen die Azubis erstmals bis zu 1200 Euro monatlich.

Heute sitzt Alexandra Kettenbach in ihrem ehemaligen Lehrsaal an der „Caritas Don Bosco Fachakademie für Sozialpädagogik“ und plädiert entschieden für das Modell: „OptiPrax war perfekt, weil ich Theorie und Praxis immer sofort verknüpfen konnte. Drei Jahre Erfahrungen sammeln – da startet man ganz anders ins Berufsleben als nach zwei Jahren Theorie pur.“ Auch das stete Einkommen ist ihr zufolge für viele ihrer Mitschüler wichtig gewesen, um während der Vollzeit-Ausbildung nicht noch nebenbei jobben zu müssen.

OptiPrax: Attraktives Ausbildungsmodell für Abiturienten und Quereinsteiger?

Die Erzieherausbildung dauerte bisher fünf Jahre: Auf die zweijährige Kinderpfleger-Ausbildung folgten zwei Theoriejahre und ein Praxisjahr. In der Theoriephase bekamen Azubis kein Geld. Das schreckte ab, musste man die Zeit doch mit BAföG und Krediten überbrücken. Und das, obwohl man ohnehin in eine schwierige Branche startet.

„Egal wo, es gibt zu wenig Personal“, sagt die 26-Jährige. Zudem erlebe man Geschichten, die man mit nach Hause nehme. Viele Erzieher geben den Beruf wegen der psychischen Belastung wieder auf oder erleiden Burnouts.

Und die Erzieherin weiß, wovon sie spricht. Im „Münchner Waisenhaus“ hat sie es mit diversen Problemen zu tun: Die Kinder müssen nicht nur traumatische Erfahrungen verarbeiten, sie brauchen auch Hilfe von Logopäden oder Ergotherapeuten. Bis ein Gericht ihre Zukunft geklärt hat, werden sie in der Schutzstelle betreut. Dürfen die überforderten Eltern zu Besuch kommen, sind die Erzieher mit dabei.

„Hauptaufgabe ist es, ihnen nicht nur einen normalen Tagesablauf zu bieten, sondern ihnen auch das Gefühl von Zuhause und Geborgenheit zu vermitteln“, sagt Alexandra Kettenbach. Sie spielt mit den Kindern, nimmt sie aber auch mit zum Einkaufen oder Kochen. Sie wäscht sie. Sie bringt sie ins Bett. „Wie in einer normalen Familie eben.“

Mit Verhaltensauffälligkeiten wie frühkindlichen Traumata oder Sprach- und Kommunikationsdefiziten sehen sich auch die Erzieher in „normalen“ Kitas und Krippen zunehmend konfrontiert. Dazu kommen interkulturelle Probleme, weiß Ralph Bethke. Der 59-Jährige ist Kettenbachs ehemaliger Dozent.

Schon längst sind Erzieher nicht mehr nur für das Beaufsichtigen von Kindern da. Sie sind Pädagogen, die der Freistaat dringend braucht.

Der Erzieherberuf kämpft mit Image-Problemen - OptiPrax soll sie lösen

Der Beruf hat „ein Imageproblem“, findet Bethke, denn die Lerninhalte der Azubis wachsen stetig, um diesen modernen Problemen gerecht zu werden. Deshalb wünscht er sich in der Gesellschaft auch mehr Anerkennung für Erzieher. „Kindergärtner sagt man heute nicht mehr, nachdem wir jahrelang studiert haben“, fügt Alexandra Kettenbach hinzu.

Sie sieht OptiPrax als gehobene Ausbildung „mit dem Zeug dazu, den Beruf aufzuwerten“. „Der Doppelbelastung muss man allerdings standhalten können“, gibt sie zu. Außerhalb der Schul- und Arbeitszeiten zu lernen und eine Facharbeit zu schreiben, sei „knackig“. Es lehre einem aber auch Zeit- und Stressmanagement. Gerade deshalb spricht Bethke bei OptiPrax auch ungern von „Verkürzung“. Das Wort „Komprimierung“ ist ihm viel lieber.

In Fachkreisen sei man erst skeptisch gewesen, jetzt lerne man von OptiPrax aber das Siegen, so Bethke. „Der beste Beweis ist, dass man es einfach weiterlaufen lässt.“ Und in der Tat: Inzwischen hat die Caritas mehr Bewerber für das Programm, als es Plätze gibt. Für das Schuljahr 2021/2022 läuft schon das Auswahlverfahren.

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