+
Überführt! Wenn Guido Limmer einen Haken hinter einen Fall machen kann, ist die Erleichterung groß. Im neuen Buch (Riva Verlag München, 236 Seiten, 19,99 Euro) verrät er, wie die bayerische Polizei den Verbrechern auf die Spur kommt. Das Bild zeigt den 52-Jährigen am Stachus in München.

Der Ex-Chef der Spurensicherung in Bayern im Interview

„Der perfekte Mord entsteht nur durch Zufall“

  • schließen

Die Experten der Spurensicherung sind oft die Helden in einem Kriminalfall. Auch beim Doppelmord von Höfen fanden die Ermittler die DNA-Spur eines Mannes am Tatort – nach ihm wird jetzt gefahndet. Guido Limmer war jahrelang Chef der Spurensicherung in Bayern. Er erzählt, wie die Ermittler arbeiten. 

Guido Limmer, der 52-jährige Münchner Jurist, leitete von 2009 bis 2016 das Kriminaltechnische Institut im Landeskriminalamt. Dort suchen über 200 Mitarbeiter aus zig Disziplinen die entscheidenden Spuren, um Verbrecher zu überführen. Die Chemiker, Physiker, Mathematiker und Ingenieure haben schon spektakuläre Fälle gelöst. In einem neuen Buch präsentiert Limmer, seit Kurzem Vizepräsident im Polizeipräsidium in Kempten, eine Auswahl – mit ungewöhnlich detaillierten Einblicken.

-Welcher Fall beschäftigt Sie im Moment?

Ein Mordfall in Neu-Ulm, da wurde ein Kickbox-Weltmeister auf der Straße erschossen, vor den Augen seiner Frau und seinem Kind. Vom Täter fehlt noch jede Spur.

-Das klingt wie im Krimi. Gibt es in der Realität den perfekten Mord?

Ich glaube, den perfekten Mord gibt es nicht geplant, der entsteht durch Zufall – wenn es keine Beziehung zwischen Täter und Opfer gibt und kein Motiv. Die meisten Mörder übertreiben es mit der Planung, sie legen zu viele falsche Spuren. Das fällt den Ermittlern auf.

-Manche Mörder sind ganz schön dumm, oder? In Ihrem Buch geht es zum Beispiel um den Fall einer Studentin in Passau, die von zwei Männern in ihrer Wohnung ermordet wird. Der eine lässt den Geldbeutel liegen, der andere den Abholzettel einer Reinigung...

Manche Täter machen es einem leicht. Deshalb werden viele Mordfälle auch innerhalb von drei Tagen geklärt, weil es einfach viele Hinweise gibt. Gerade bei Beziehungstaten. Aber es gibt genügend Fälle, wo wir uns auf die Suche nach der einen klitzekleinen Spur machen müssen.

-Die Ermittlungstechnik wird stetig besser. Alte DNA-Spuren werden plötzlich sichtbar. Einem Täter haben Sie einen Mord nachgewiesen, weil er ein Lied zu einer bestimmten Uhrzeit auf seinem Handy abgespielt hatte. Haben es Täter immer schwerer?

Wenn man sich Handys und Computer anschaut, hinterlassen die Menschen heutzutage viele, viele Spuren. Aber manchmal ist die Datenmenge zu riesig, um sie auszuwerten. Und oft kommen wir nur schwer an die Daten ran. Viele Dateien oder Chats sind verschlüsselt. Da hat man erst mal einen riesigen Datensalat, den müssen unsere Mathematiker entschlüsseln. Aber gerade darin sind wir in Bayern sehr gut.

-Geht Ihnen ein eiskalt geplanter Mord oder ein Mord aus Affekt näher?

Mir gehen vor allem Fälle nah, in denen Kinder Opfer von sexuellem Missbrauch oder von Mord sind.

-Welcher Fall hat Sie besonders geprägt?

Der Fall hat 2004 gespielt, ein junger Mann hat zehn Briefbomben an Lokalpolitiker, Abgeordnete und auch den polnischen Generalkonsul verschickt. Der Druck von Vorgesetzten und Politikern, den Fall schnell zu lösen, war riesig. Aber wir hatten einfach keine Spuren, keinen Tatort, aus dem man etwas über den Täter ablesen konnte.

-Sie waren Chef der Sonderkommission. Schläft man da noch ruhig?

Irgendwann muss man schlafen. Aber ich bin oft aufgewacht, lange bevor der Wecker geklingelt hat und habe gegrübelt: Was könnten wir noch probieren? Wir haben gehofft, dass die nächste Bombe nicht jemanden verletzt – und dass wir irgendwann eine Spur finden. Und tatsächlich: Im vierten Brief war eine Hautschuppe!

-Waren Sie erleichtert, als Sie wussten, wer der Täter war?

Schon, weil der Druck weg war. Aber wir hätten ihn gerne noch gefragt, warum er das gemacht hat. Das ging leider nicht mehr, er hatte sich in die Luft gesprengt. Freilich stellt man sich da die Frage: Hat ihn der Ermittlungsdruck in den Tod getrieben? Aber wir mussten einfach Schlimmeres verhindern.

-Warum haben Sie das Buch geschrieben?

Es kam in meiner Zeit beim Kriminaltechnischen Institut schon mal vor, dass ein Ermittler anrief und eine bestimmte Untersuchung von uns wollte. Auf meinen Hinweis, dass es diese Untersuchung nicht gibt, meinte der: „Aber das habe ich doch im Fernsehen gesehen!“ Ich will im Buch zeigen, was realistisch ist und was nicht. Und ich wollte zeigen, wie Wissenschaftler und Ermittler zusammenarbeiten.

-Welche Disziplin beeindruckt Sie besonders?

Da will ich keine hervorheben. Aber es gibt schon Fälle, die merkt man sich. Zum Beispiel den: In einer kleinen Firma wurde der Chef anonym beschuldigt, Mitarbeiterinnen sexuell missbraucht zu haben. Ein Ermittler hat sich in den Fall reingebissen und ließ die Heftklammern an den anonymen Schreiben untersuchen. Jeder Tacker hinterlässt eigene Spuren. Und so konnte der Chef entlastet – und ein Mitarbeiter überführt werden. Wegen einer Heftklammer!

-Im Fernsehen gibt es oft Streit zwischen Spurensicherung, Gerichtsmediziner, Ermittlern...

Das ist ein überspitztes Gegeneinander. In der Realität sieht so ein Konflikt eher so aus: Ein Soko-Leiter steht unter Druck, will den Fall schnell klären und stellt im Landeskriminalamt zig Anträge auf Untersuchungen. Mit dem Ermittler muss man sich dann zusammensetzen und erfragen, was er wirklich braucht, und ihn beraten, welche Untersuchung am schnellsten zum Ziel führt und was nur Zeitverschwendung wäre.

-Nerven Sie TV-Krimis?

Manchmal schon. Das Einzelkämpfertum zum Beispiel. Ich mag es lieber, wenn ein Tatort wie der aus Münster richtig schön übertrieben ist.

-Da scheint Polizeiarbeit oft ganz einfach... Was glauben Sie: Wie ermittelt die Polizei in der Zukunft?

Wir arbeiten immer mehr mit 3D-Techniken. Wir vermessen den Ereignisort mit allen Details: Wo steht das rote Auto? Wo steht der Zeuge? So kann man später, wenn sich neue Spuren ergeben, die Szene noch einmal durchspielen. Das hilft auch, wenn der Tatort schon weg ist, zum Beispiel, weil sich die Tat auf dem Oktoberfest ereignet hat und die Wiesn schon vorbei ist. Ich träume davon, dass Ermittler durch so einen virtuellen Tatort laufen können.

-Wenn die Technik immer besser wird: Belastet es umso mehr, wenn ein Fall unlösbar scheint?

Klar. Manche Fälle beschäftigen die ganze Polizeifamilie, etwa der des ermordeten Italieners an der Isar. Da wissen wir einfach nicht, wen wir suchen. Meine Hoffnung ist, dass wir irgendwann DNA-Spuren anders auswerten dürfen. DNA verrät ziemlich genau, wie das Gesicht einer Person aussieht. Bislang verbietet der Gesetzgeber aber, die äußere Erscheinung aus der DNA herauszulesen: Haarfarbe, Abstammung, Augen. Das wird eine spannende gesellschaftliche Diskussion.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

ICE steht „brennend“ auf Brücke - aus einem guten Grund
Ein ICE steht auf der Froschgrundsee-Talbrücke bei Weißenbrunn, Rauch steigt aus den Waggons auf, ein spektakulärer Notfall - allerdings nur zu Übungszwecken. 
ICE steht „brennend“ auf Brücke - aus einem guten Grund
Verhängnisvolle Verwechslung: Autofahrer rast in Garten
In Bad Kissingen hat sich ein spektakulärer Unfall ereignet. Ein Autofahrer ist in einen Garten gerast. 
Verhängnisvolle Verwechslung: Autofahrer rast in Garten
Großfahndung nach dieser Mutter: Wohin verschwand die 35-jährige Ahlam?
Vor zwei Monaten ist die 35-jährige Ahlam in Memmingen vermisst, einfach verschwunden. Der Fall ist voller Rätsel. Die Kripo schließt Verbrechen nicht aus. 
Großfahndung nach dieser Mutter: Wohin verschwand die 35-jährige Ahlam?
Zu wenig Geld? Ein Fünftel aller Polizisten in München hat einen Nebenjob
Bekommen Polizisten in Bayern zu wenig Geld? Zahlen des Innenministeriums lassen das vermuten: Fast jeder Siebte von ihnen hat einen Nebenjob.
Zu wenig Geld? Ein Fünftel aller Polizisten in München hat einen Nebenjob

Kommentare