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Verurteilt: Rudolf M. soll nun gefeuert werden. Misshandelt: Hans K. nach der Attacke (kleines Bild).

Ex-Chef droht Rauswurf

Polizeigewalt: Zwei Taten erschüttern Rosenheim

München - Ein Bub mit zertrümmerten Zähnen, vier weitere Verletzte. Zwei Fälle von Polizeigewalt schreckten 2010 und 2011 Rosenheim auf. Einem Beamten droht der Rauswurf. Geglückte Aufarbeitung?

Das Bild hat sich eingebrannt: Hans K., damals 15,hält seinen blutenden, geschwollenen Mund in die Kamera. Schuld ist Rudolf M., Inspektionsleiter der Polizei Rosenheim. Er hatte den Kopf des Buben auf der Wiesenwache des Rosenheimer Herbstfestes so fest gegen die Wand gedroschen, dass ein Zahn eingeschlagen war. Drei weitere wackelten.

Der Fall machte im September 2011 bayernweit Furore. Rudolf M. wurde wegen Körperverletzung zu elf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, seine Bezüge gekürzt. Nun soll er seinen Job verlieren. Die Personalchefin der bayerischen Polizei, Claudia Roth, bekräftigte am Mittwoch in einem Bericht vor dem Innenausschuss des Landtags, dass das Präsidium München eine Disziplinarklage erheben will – „mit dem Ziel der Entfernung aus dem Dienst“.

Ein kleiner Befreiungsschlag für das Innenministerium, das durch den Fall in die Kritik geraten war. Selbst der SPD-Abgeordnete Herbert Schneider lobte die Arbeit des Ministeriums: „Das ist der klare Beweis, dass es funktioniert in unserem Rechtsstaat, dass nichts unter den Teppich gekehrt wird.“

So klar dann auch wieder nicht. Zumindest nicht für die Geschädigten des zweiten Falls von Polizeigewalt im Kreis Rosenheim, der Thema im Ausschuss war.

Es handelt sich um jene Familie aus Schechen, die nach einem Polizeieinsatz im November 2010 Anzeige gegen fünf Polizeibeamte erstattete. Zu dem, was wirklich passierte, gibt es nach wie vor zwei Versionen. Klar ist nur: Zwei Zivilbeamte waren auf der Suche nach einem Mann, der im selben Gebäude wohnte wie Aloisia E. und ihr Mann Josef. Sie klingelten zufällig bei dem Ehepaar – dann gehen die Geschichten deutlich auseinander.

Die Familie sagt, die Polizisten seien aggressiv aufgetreten, hätten Tochter Sandra B. (37) bedrängt, den Schwiegersohn Anton (38) geboxt, dann auch sie attackiert. Prellungen, Traumata, Schürfwunden sind verbürgt. Die beiden Zivilbeamten und drei uniformierte Kollegen geben an, die Aggression sei von der Familie ausgegangen.

Zur Ausschusssitzung in Saal 1 des Landtags sind auch Sandra und Anton B. erschienen. Das, was sie von dem Ministerialbeamten Ingbert Hofmann hören, haben sie erwartet. Anton B. sagt später: „Da wird man als Opfer nochmal kriminalisiert. Das war der letzte Schlag.“

In seinem Bericht hält sich das Ministerium an die Version der Polizisten. Immerhin sei das Verfahren gegen sie „wegen mangelnder Schuld“ eingestellt worden. Einzig Christine Kamm (Grüne) betonte, die Familie habe der Einstellung nur zugestimmt, weil sie „mental überfordert“ gewesen sei. Anton B. spricht von finanziellen und gesundheitlichen Gründen. „Wenn ich Millionär wäre, hätte ich den Prozess durchgefochten.“

Noch heute, sagt Aloisia E., sehe sie auf dem rechten Auge nichts. Einen Arm könne sie kaum heben, das Bein mache auch Probleme. „Mir geht’s schlecht“, sagt die 63-Jährige am Telefon. „Aber was ganz schlimm ist: Dass diese Polizisten noch immer Dienst machen.“ Sie vermutet gezielte Vertuschung. Ihr Verdacht führt auf Rudolf M. zurück. „Bei dem Jungen hat er sicher gleich gesagt: Nennen wir’s Widerstand gegen Beamte. So war’s bei uns auch.“

Für Ministerium und Innenausschuss ist die Sache klar. Die Schuldlosigkeit der Beamten sei eine „eindeutige Sache“, sagte Bernhard Pohl (FW). Florian Herrmann (CSU) hält Bayerns Polizei für ein Vorbild in Europa. Tatsächlich hat sich im Umgang mit Dienstvergehen bei der Polizei etwas getan. Ein Dezernat im LKA kümmert sich seit Anfang 2013 zentral darum. Bisher waren es benachbarte Dienststellen. Eine unabhängige Ermittlungsbehörde braucht es laut Joachim Hanisch (FW) nicht.

Für Anton B. ist das zu wenig. „Ich war immer eingefleischter Bayer“, sagt er. „Aber ich lebe nicht mehr unbelastet in der Heimat.“

Von Marcus Mäckler

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