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Wer sind die Corona-Spaziergänger in Bayern? Experte für Verschwörungstheorien klärt im Interview auf

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Von: Veronika Mahnkopf

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650 „Spaziergänger“ zählte die Polizei am Montag in Wolfratshausen.
650 „Spaziergänger“ zählte die Polizei am Montag in Wolfratshausen. © sh

Was für Menschen gehen zu den Corona-Demonstrationen und Spaziergängen? Was sind ihre Beweggründe und warum muss die Politik jetzt handeln? Experte für Verschwörungstheorien Bernd Harder im Interview.

Bernd Harder, Politikwissenschaftler und Experte für Verschwörungstheorien, sieht mit Sorge auf die Corona-Demonstrationen. Im Interview erklärt, wie rechtsradikale Gruppen die Querdenker-Bewegung unterwandern und was die Politik und Gesellschaft jetzt machen müssen. Aus Zeitgründen haben wir das Interview schriftlich per Mail geführt.

Herr Harder, deutschlandweit versammeln sich Gegner der Corona-Maßnahmen, um ihren Protest gemeinsam auf die Straße zu tragen. Was sind das für Menschen, die an diesen Corona-Demonstrationen teilnehmen?  Einzelne Bürger, aus Sorge vor einer Impfpflicht? Gruppierungen mit rechtsextremen Hintergedanken?

Nach allem, was wir wissen, beides. Nach außen wirkt es überwiegend wie eine bunte Mischung von „besorgten Bürgern“. Die mögen da auch dabei sein, aber im Kern handelt es sich um strukturell rechtsextreme Mobilisierungen. Das heißt, nicht jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin hat ein rechtsextremes Weltbild, diese Menschen müssen auch nicht aktiv ins verschwörungsideologische Milieu eingebunden sein - aber es geht um gemeinsame Feindbilder, die aus dem Bereich Rechtsextremismus, Antisemitismus, Verschwörungsdenken stammen. Es sind ja praktisch keine politischen Willensbekundungen mehr zu beobachten, sondern nur noch ein Dagegen. Es geht anscheinend nur darum, Widerstand zu zeigen. Widerstand gegen einen ominösen Feind, gegen „das Böse“, dem das aufrechte Volk gegenübertritt. Die einigende, offenbar von den meisten geteilte Vorstellung ist die, dass man sich irgendwelchen „dunklen Mächten“ ausgeliefert sieht, welche die Pandemie benutzen, um eine bestimmte Agenda durchzusetzen. Deshalb das Geschwätz von der „Gesundheitsdiktatur“, von den „Eliten“, den „Marionetten“, Gates, Soros und welche Begriffe da auch immer wieder fallen.

Egal wie wichtig man das eigene Anliegen hält - mit Neurechten, Neonazis und Verschwörungsideologen geht man nicht gemeinsam auf die Straße.

Bernd Harder

Bernd Harder

Bernd Harder ist ein deutscher Journalist, Autor und Politikwissenschaftler. Er befasst sich mit paranormalen Phänomenen, Verschwörungstheorien, Esoterik und Okkultismus. 

Bernd Harder klärt über Corona-Spaziergänger auf.
Bernd Harder klärt über Corona-Spaziergänger auf. © Privat

Stören sich besorgte Bürger nicht an der Einstellung der Rechten oder nehmen sie diese billigend in Kauf?

Das ist genau die Kritik, die sich die Teilnehmer gefallen lassen müssen. Um es ganz klar zu sagen: Egal für wie wichtig man das eigene Anliegen hält - mit Neurechten, Neonazis und Verschwörungsideologen geht man nicht gemeinsam auf die Straße. Damit delegitimiert man jedes seriöse Anliegen und hat keinen Anspruch mehr darauf, ernst genommen zu werden. Man läuft nicht bei Demos mit, wo Leute sich „Judensterne“ anheften und sich als die „neuen Juden“ bezeichnen, wo verschwörungsideologischer Wahn geteilt wird und Rechtsextreme ihre Parolen schreien. Und wenn (wie ich öfter erlebt habe) die Teilnehmer sagen, davon wüssten sie nichts und hätten sie nie etwas mitgekriegt - also bitte, dann sollen sie mal die Augen und Ohren aufmachen und schauen, neben wem sie da herlaufen.

Rechte unterwandern Corona-Demos: Gemeinsam gegen „das Böse“

An der Deklarierung „Spaziergang“ ist ein Umgehen der Anmeldepflicht für solche Veranstaltungen seitens der Organisatoren zu erkennen. Wie ist das einzuordnen?

So wie Sie es sagen. Nachdem die Mobilisierungskraft zum Beispiel der „Querdenken“-Bewegung für große Demos wie 2020 in Berlin oder Stuttgart nicht mehr ausreicht, weicht man jetzt in die kleineren Städte aus. Dort kriegt man noch ein paar Hundert Teilnehmer zusammen, und damit das als „Demo“ nicht lächerlich wirkt, nennt man es eben verniedlichend „Spaziergänge“.

Wie genau nutzen radikale Gruppen die Ängste mancher für ihre Zwecke?

Wie gesagt, es geht darum, Feindbilder zu konstruieren, um das „System“ als solches zu stürzen. Nehmen Sie als Beispiel die geplante Impfpflicht. In allen diesen Gruppen und deren Kanälen wird behauptet, das sei wieder einmal eine „Verschwörungstheorie“, die wahr geworden sei, und nur die „Querdenker“ hätten darauf schon vor einem Jahr hingewiesen. So wird Wissenschaft und Politik systematisch diskreditiert und zum „Volksfeind“ stilisiert, während ein vernünftig denkender Mensch sich fragt, was daran eine „Verschwörungstheorie“ gewesen sein soll? Natürlich war es ein Fehler, dass die Politik viel zu schnell eine Impfpflicht kategorisch ausgeschlossen hat, natürlich ist das jetzt ein gebrochenes Versprechen. Aber es ist weder eine Lüge noch eine „wahre Verschwörungstheorie“. Wissenschaftliche Erkenntnisse ändern sich eben, und die Politik muss darauf situativ und aktuell reagieren. Das mag man verwirrend und anstrengend finden, ist aber im Grunde etwas völlig Normales und nichts, was von bösen Hintergrundmächten geplant, gesteuert und herbeigeführt wird. An solchen seriösen Erklärungen sind diese Spaziergänger aber nicht interessiert. Da wird jede wissenschaftlich gut begründete Änderung des Impfschemas als lange geplanter Schachzug der „Pharmalobby“ gedeutet.

Welche Dynamik entsteht da gerade und was ist angesichts einer kommenden Impfpflicht noch zu erwarten?

Die Massenbewegung sind die Geimpften, nicht die Impfgegner. Die Medien sollten aufhören, diesen paar Leuten dermaßen viel Aufmerksamkeit zu geben. Vermutlich wird die Lage mit der Durchsetzung der Impfpflicht nicht ruhiger werden. Aber der kleine harte Kern der Querdenker und Verschwörungsideologen befindet sich seit langem in der zunehmenden Radikalisierung, dem muss entschlossen von allen Seiten entgegengetreten werden. Man kann ja persönlich von einer Impfpflicht halten, was man will, man kann sie auch begründet für falsch halten - aber auf keinen Fall darf sich die Politik ihre Maßnahmen von einer kleinen aggressiven Gruppe diktieren lassen. Sonst, und das ist ja auch jeden Tag immer mehr zu beobachten, verliert die Politik nämlich den viel größeren Teil der Gutwilligen und Vernünftigen, die es satthaben, dass sich das Ganze immer länger hinzieht, weil die Politik Rücksicht auf ein paar wenige Starrköpfe nimmt.

Corona in Bayern: „Politik darf sich Maßnahmen nicht von aggressiver Gruppe diktieren lassen“

Wie kann die Gesellschaft damit umgehen? Dialog? Ablehnen? Dazu schweigen?

Schweigen auf keinen Fall. Natürlich kann man mit dem harten Kern der Ideologen bei diesen Aufmärschen nicht mehr reden - aber möglicherweise noch mit den Unentschlossenen, Verunsicherten, die wirklich nicht genau wissen, was sie da eigentlich tun. Darüber hinaus haben Politik, Gesellschaft und Sicherheitsbehörden viel zu lange geschwiegen und schlicht gar nichts getan. Wenn die neue Innenministerin ernsthaft in einem Interviews sagt, dass „Rechtsextremisten und Reichsbürger versuchen, die Bewegung zu durchsetzen, um ihre eigenen Ziele zu verfolgen“, dann ist das unfassbar und lächerlich. Das tun Rechtsextremisten und Reichsbürger seit fast zwei Jahren, was wir aktuell sehen, ist, dass sie damit schon längst Erfolg haben. Wir brauchen also mehrere Stufen: Die Politik muss endlich anerkennen, dass das mehrheitlich keine „besorgten Bürger“ sind, die von echten und ernstzunehmenden Ängsten umgetrieben werden, und entsprechend handeln. Die Sicherheitsbehörden müssen ihren Kuschelkurs mit diesen Demonstranten hinterfragen. Und die Gesellschaft muss offen und öffentlich zeigen, dass radikale Impfverweigerer eine kleine, laute Minderheit sind und die eigentliche Massenbewegung aus Impfwilligen besteht, die es statt hat, dass diese plärrende Minderheit die Pandemie am Laufen hält. Ich glaube, derzeit werden täglich 900.000 Menschen in Deutschland geimpft, während ein paar Tausend „Spaziergänger“ auf die Straße gehen. Also im Moment wäre es wichtig, einen Umgang mit diesen Aufmärschen zu finden und vor allem handfest bedrohte Personengruppen wie Politiker und Wissenschaftler ganz konsequent zu schützen.

In Erding ist es bereits zum dritten Mal zu einem sogenannten Spaziergang der Corona-Gegner gekommen. Der Protestzug war nicht angemeldet. In Nürnberg ermittelt die Polizei nach Demonstrationszügen gegen die Corona-Maßnahmen wegen Volksverhetzung.

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