Experte: So überlebt man in einer Lawine

Oberstdorf - Die Meldungen über Lawinenunglücke nehmen kein Ende. Ein Experte erklärt, wie man sich richtig verhält, wenn man selbst in eine Lawine gerät.

Auf der Suche nach dem Kick vergessen manche Skifahrer und Tourengeher derzeit alle Warnungen. Doch was passiert, wenn man von einer Lawine mitgerissen wird? Kann man überhaupt noch bewusst reagieren?

„Bei den meisten Lawinen kann man nicht mehr viel tun“, sagt Luggi Lacher von der Bergwacht Oberstdorf. Auch die gängigen Tipps – von rudernden Armbewegungen bis hin zum Schaffen einer Atemhöhle vor dem Mund – seien in der Praxis so gut wie nicht umsetzbar. „Alle, die wir retten konnten, haben einstimmig davon berichtet, dass keine bewussten Maßnahmen möglich waren“, erinnert sich Lacher.

Einen Versuch wert, sei allerdings die Schussfahrt seitlich aus dem Lawinengebiet raus. Erstmal von der Lawine verschluckt, ist es für die Selbsthilfe meist zu spät.

Die Opfer fühlen sich wie in Beton gegossen

Etwa 50 Prozent der Lawinentoten erliegen mechanischen Verletzungen, beispielsweise durch Felsen oder Bäume, erklärt Lacher. Überlebt man die Lawine an sich, hängt es von mehreren Faktoren ab wie lange man überleben kann. Fest steht: Nach 30 Minuten halbiert sich die Chance, ein Lawinenopfer lebend zu bergen. „Manche waren schon nach 20 Minuten tot, andere haben fast zwei Tage überlebt“, sagt Luggi Lacher. Das hängt von möglichst warmer Kleidung, aber auch vom Schnee selbst ab. Denn dieser ist nicht immer gleich kalt.

Wer es beim ersten Versuch nicht schafft, sich selbst auszugraben, sollte sich die Kraft sparen. Auch Rufen ist meist erfolglos, weiß der Bergretter: „Die meisten Opfer fühlen sich wie in Beton gegossen und werden ohnehin sehr schnell bewusstlos.“ Und gegen Schlaf sollte man nicht ankämpfen, denn wer schläft verbraucht weniger Sauerstoff, weiß Bergführer Franz Perchtold aus Lenggries.

Kameraden entscheiden über Leben und Tod

Eigentlich entscheidend über Leben und Tod sind die Kameraden, die nicht von der Lawine erfasst wurden. Allerdings nur, wenn sie über eine Notausrüstung verfügen: Das Lawinenverschütteten-Such-Gerät (LVS), eine Sonde und eine Schaufel. Da es nach dem Absetzen eines Notrufs – der sofort erfolgen sollte – durchaus 45 Minuten bis zum Eintreffen des organisierten Rettungsdienstes dauern kann, kommt der Kameradenrettung besondere Bedeutung zu. „Aber ohne Sonde haben die Kameraden keine Chance das Opfer zu finden, außer es schaut irgendwo ein Ski aus dem Schnee“, betont Luggi Lacher.

Er empfiehlt, auch während der Lawine nach Anzeichen des Opfers Ausschau zu halten, um es später schneller finden zu können. Zumeist befinden sich die Opfer im unteren Drittel der Lawine, dem sogenannten primären Suchbereich. Lacher beruhigt auch mögliche Ersthelfer: „In den ersten ein bis zwei Stunden nach einer Lawine kommt meist nichts mehr nach.“

Den richtigen Umgang mit dem LVS kann man in einem Rettungskurs – beispielsweise in Brauneck – lernen. Geleitet werden die Kurse an der Tölzer Hütte von staatlich geprüften Bergführern wie Franz Perchtold. Dort kann man die Geräte aller fünf LVS-Hersteller testen.

lit

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