Experten-Lächeln über den „Jahrmillionenwinter“

Eigentlich ist er auf eine Redezeit von 2 Min 19 abonniert, denn so lange dauert die Wettervorhersage in der ARD. Unserer Mitarbeiterin Andrea Hammerl stand Meteorologe Sven Plöger (43), Moderator und Buchautor, ausführlich Rede und Antwort.

-Das Wetter erhält schnell hohes Medienecho - jede Schneeflocke löst „Wetterchaos“ aus. Wie beobachten Sie das?

Das ist der Klassiker. Heute reicht kein Jahrzehnt- oder Jahrhundertwinter, es muss gleich ein Jahrtausendwinter für die Schlagzeilen sein. Hintergrund ist wohl, dass sich das Medium dann besser verkauft. Das mag so lange gehen, bis so übertrieben wird, dass man sich damit lächerlich macht, der Jahrmillionenwinter oder so…

-Also nicht die Meteorologen, sondern die Medienleute machen das Wetterchaos?

Natürlich sind auch nicht alle Meteorologen seriös, aber wir, die seriös arbeiten, halten uns mit solchen Superlativen im Zaum. Abgewatscht werden wir dann trotzdem. Erinnern Sie sich an Daisy? Im Januar 2010 wurde ein Sturmtief mit Schnee vorhergesagt, es gab dazu eine ARD-Sondersendung mit Unwetterwarnung. Ich hatte dort fünf bis fünfzehn Zentimeter Neuschnee und Windgeschwindigkeiten bis zu 70 Stundenkilometer vorhergesagt. Irgendwie wurden daraus später 1,5 Meter Neuschnee. Wahrscheinlich hat jemand kombiniert, Schnee plus Wind macht Schneeverwehungen, der nächste rechnete weiter hoch…. Ich wiederholte meine Aussage noch mehrmals, wurde aber nicht mehr gehört.

-Also kein Jahrtausendwinter heuer?

Das weiß keiner. Wir können nur für sieben Tage vorhersagen und einen groben Trend bis zu 15 Tagen machen, alles andere ist unseriös. Vorletzte Woche war es kalt, dann wurde es wärmer, jetzt ist es wieder kälter. In Liechtenstein wurden vergangene Woche bis zu 20 Grad Celsius gemessen, bei uns auf 1150 Meter Höhe 11 Grad. Da kann man wirklich nicht vom Jahrtausendwinter sprechen. Wir haben ganz normales Winterwetter, nichts Ungewöhnliches, die Menschen müssen sich halt entsprechend verhalten.

-Und auf Unwetterwarnungen hören…

Sinnvoll sind auf jeden Fall kurzfristige, regionale Warnungen der Unwetterzentrale. Mitte der vergangenen Woche hatten wir starke Schneefälle in Mitteldeutschland und Eisregen in Brandenburg. In solchen Fällen sollte sich jeder überlegen, möglichst zu Hause zu bleiben und sich keinen unnötigen Gefahren auszusetzen.

-Kurzfristige Prognosen sind also zuverlässig, wie steht es mit den alten Bauernregeln - gibt es welche, die zutreffen?

Ja, aber nur wenige. Die Siebenschläferregel beispielsweise hat in Süddeutschland eine Trefferquote von etwa 70 Prozent, also eine erhöhte Wahrscheinlichkeit. Die statistische Grenze ziehen wir bei 67 Prozent, und die meisten Bauernregeln liegen darunter. Übrigens auch die Siebenschläferregel bezogen auf Norddeutschland, denn dort erreicht sie nur 60 Prozent, und das nennen wir Zufall.

-Also keine Bauernregeln…

Interessant finde ich die Bauernregeln unter dem historischen Aspekt. Es ist doch eine spannende Sache, Rückschau zu halten, wie die Menschen früher versuchten, aus ihren Beobachtungen Vorhersagen zu erstellen. Es zeigt, wie existenziell das Wetter in einer Agrargesellschaft ist. Für Vorhersagen aber haben wir heute unsere Technik, da wäre es unvernünftig, Bauernregeln anzuwenden.

-Trotz aller Technik liegen Wetterfrösche manchmal ganz schön daneben, wie kommt’s?

Erstens gibt es Momente, wo wir uns einfach vertun. Aber mit einer Trefferquote von 90 bis 93 Prozent sind wir eigentlich schon zufrieden. Die Atmosphäre ist so komplex, dass sie sich nicht zu 100 Prozent von uns in die Karten schauen lässt, und das finde ich auch gut so. Aber es hat sich wirklich viel getan. Heute ist die Dreitage-Vorhersage so sicher wie im Jahr 1985 die Vorhersage für den kommenden Tag war. Und es wird weiterverbessert...

-Und zweitens?

Zweitens ist da noch die subjektive Wahrnehmung der Menschen. 93 Prozent korrekte Vorhersagen werden als selbstverständlich genommen, die sieben Prozent Fehlprognose merkt sich jeder, weil man natürlich nicht zufrieden ist, wenn man zum Beispiel plötzlich nass wird, obwohl es trocken bleiben sollte.

-Es scheint, als mache sich Frau Holle über uns lustig. Erst schneit es und sobald wir uns daran gewöhnt haben, setzt Tauwetter. Bilden wir uns das nur ein?

Nein, das stimmt so. Wir leben in Mitteleuropa, hier wechseln sich subtropische mit arktischen Luftmassen ab, daher haben wir keine stabilen Wetterlagen wie die Tropen oder die Arktis. Die Atmosphäre transportiert Energie und ist stetig damit beschäftigt, Unterschiede auszugleichen. Das funktioniert über Tiefdruckgebiete, die warme und kalte Luftmassen ansaugen, und Wärme nach Norden abgeben, Kälte nach Süden.

-Was uns trotz allem interessiert: Bekommen wir in München Weiße Weihnachten?

Für eine Vorhersage ist es noch etwas zu früh. Nach dem aktuellen Stand gehe ich davon aus, dass wir in der Woche davor vielleicht noch etwas Schnee bekommen, an Heiligabend aber müssen wir mit etwa drei bis vier Grad Celsius rechnen, also wahrscheinlich keine Weiße Weihnacht. Ich sage mal, allenfalls 30 - 40 Prozent Wahrscheinlichkeit für Schnee.

Das Interview führte: Andrea Hammerl

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