So war es anno dazumal: Eine Knabenschule um 1950 in Lohr am Main. Foto: städtisches Schulmuseum Lohr

Experten wundern sich: Freistaat gründet Schule nur für Knaben

München - Der Neubau einer staatlichen Realschule nur für Buben in Murnau stößt bei Schulpolitikern auf Irritationen. Man sei „sehr verwundert und nicht erfreut" über die Geschlechtertrennung, heißt es bei der FDP. „Inakzeptabel", kommentiert die SPD.

Ende der 60er Jahre war die Zeit der großen Schulreformen auch in Bayern. Plötzlich gab es gemischt-konfessionelle Schulen im Freistaat, und auch zwischen Männlein und Weiblein wurde nicht mehr feinsäuberlich unterschieden. Seitdem ist in Bayern die sogenannte Koedukation die Regel, getrennt-geschlechtlicher Unterricht die Ausnahme.

Bayernweit gibt es nur eine Handvoll staatliche Schulen. Das hat zumeist historische Gründe. Dort, wo die katholische Kirche Mädchen-Realschulen gründete, hielt der Staat mit Knaben-Realschulen dagegen - so etwa in Neuburg, Osterhofen (Kreis Deggendorf), Schrobenhausen und auch in Garmisch-Partenkirchen.

Im nahegelegenen Murnau wird nun an diese Tradition angeknüpft: Zum Schuljahr 2011/12 wird eine neue Realschule mit zwei fünften Klassen ihren Betrieb aufnehmen und in den kommenden Jahren fortlaufend erweitert. Die Schule ist zweizügig geplant und soll mit der benachbarten Hauptschule kooperieren. Aufgenommen werden nur Buben. Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen gibt es damit wie gehabt nur getrennt-geschlechtliche Realschulen. „Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass eine Neugründung keine andere Schule gefährden darf“, sagt der Ministerialbeauftragte für die Realschulen in Oberbayern-West, Herbert Burghardt. Dies jedoch wäre bei einer „normalen“ Realschulgründung der Fall, da nur etwa ein Dutzend Kilometer von Murnau entfernt die kleine kirchliche Mädchenrealschule St. Immaculata in Schlehdorf (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) besteht. Die Schule, die bei Fachleuten einen sehr guten Ruf genießt, hat derzeit nur 390 Schülerinnen.

Landrat Harald Kühn (CSU) freut sich, dass die Schule bereits im kommenden Schuljahr starten kann - schon im März wird es eine Infoveranstaltung dafür geben. Kühn ist froh, überhaupt eine Schule zu bekommen. Doch stößt die verordnete Geschlechtertrennung bei Bildungsexperten zum Teil auf Ablehnung.

Die FDP-Bildungsexpertin im Landtag, Renate Will, ärgert sich. Bei Veranstaltungen vor Ort sei immer von einer „normalen“ Realschule die Rede gewesen. „So war das nicht geplant.“ Die Bildungspolitikerin der Freien Wähler, Eva Gottstein, wundert sich. Die Lehrerin und frühere Realschulleiterin war einst an einer reinen Knaben-Realschule in Ingolstadt, die dann „langsam geöffnet“ wurde und heute eine normale gemischt-geschlechtliche Schule ist. „Ich gehe davon aus, dass sich auch die Murnauer Schule öffnen wird.“ Der SPD-Schulexperte Hans-Ulrich Pfaffmann schlägt noch kritischere Töne an. „Das halte ich für inakzeptabel.“ Wenn der Bedarf an einer neuen Schule festgestellt werde, dann müsse diese auch allen Kindern offen stehen. Geschlechtertrennung sei „nicht mehr zeitgemäß“.

Unter der Hand bestätigen auch Realschulexperten, dass die Handhabe reiner Buben-Schulen mitunter schwierig ist. Es könne „verstärkt disziplinäre Probleme“ geben. Dies bestätigt auch der Vorsitzende des Verbands bayerischer Realschulen, Anton Huber. Allerdings sei das „zu bewältigen“. Die Schulgründung sei deshalb nicht zu kritisieren.

In Murnau indes gibt es kritische Einwände. Der SPD-Gemeinderat Michael Manlik rät Eltern von Mädchen, die Kinder auf jeden Fall anzumelden - und dann zu sehen, was passiert. Der BLLV vermutet, die Ablehnung von Mädchen könne vor Gericht gekippt werden.

Und der Sprecher des Kultusministeriums, Ludwig Unger, geht davon aus, dass es Ausnahmen von der Regel geben könne - wer seine Tochter etwa aus religiösen Gründen nicht auf eine katholische Schule schicken wolle, der könne wohl in Murnau aufgenommen werden.

Dirk Walter

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