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Expertenstreit über rechenschwache Kinder

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Gibt es einen Notennachlass für Kinder mit diagnostizierter Rechenstörung? Über diese Frage streiten die Experten seit Jahren, die Debattenlage ist verhärtet. Der Landtag ist etwas ratlos.

München – Wenn ein Kind 63 für kleiner als 49 hält, weil zwar 6 größer als 4 sei, aber 9 doch so viel mehr als 3 – dann liegt möglicherweise eine Rechenstörung vor. Dyskalkulie nennen das die Fachleute, die sich über das Thema seit Jahren befehden. Die einen halten eine Rechenstörung mit viel Nachhilfe für korrigierbar, die anderen sprechen von einem genetischen Defekt und plädieren für einen Notennachlass, den es in Bayern bisher nicht gibt.

Ende März trafen sich die Kontrahenten bei einer Anhörung des interfraktionellen Landtags-Arbeitskreises „Inklusion“. Auf der einen Seite: Gerd Schulte-Körne, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik München: Ein Nachteilsausgleich für die Kinder sei dringend notwendig, sagt er, und zwar zusammen mit einer speziellen Förderung der Kinder durch Lerntherapeuten. Auf der anderen Seite: Volker Ulm, Lehrstuhl-Inhaber für Mathematik und ihre Didaktik an der Uni Bayreuth: Dyskalkulie „kann man in mindestens 95 Prozent der Fälle durch gezielte individuelle Hilfe beheben“. Vom Nachteilsausgleich hält er: nichts.

Bereits vor drei Jahren, ebenfalls bei einer Anhörung im Landtag, waren die beiden Experten aufeinander getroffen – mit fast identischen Positionen. „Es ist ein nicht gelöstes Thema“, sagt der SPD-Bildungspolitiker Martin Güll, der beide Anhörungen erlebt hat. Im Landtag gebe es jedes Jahr eine Petition von betroffenen Schülern und Eltern, die fast flehentlich um einen Nachteilsausgleich bitten. Er selbst ist der Meinung, dass dies kommen muss. „Es kann nicht sein, dass Kinder von der ersten Minute der Grundschule an scheitern.“ Die CSU hingegen hält sich eher an den Ratschlag des Mathematikers Ulm. Auf die Mathenote zu verzichten, womöglich bis zum Abitur, sei der falsche Weg, meint er. „Welchen Wert hätte dann noch die allgemeine Hochschulreife?“ Zahlen und das Abschätzen von Größen sei in vielen akademischen Berufen – bei Richtern ebenso wie bei Apothekern, Ärzten oder Lehrern – unverzichtbar. Kinder mit Dyskalkulie müssten eben auf andere Bildungswege ausweichen. „Es gibt ja auch das Fachabitur.“ Am 16. Mai werde die interfraktionelle Arbeitsgruppe das weitere Vorgehen beraten, erklärt der CSU-Bildungspolitiker Norbert Dünkel. Es gebe bereits Handlungsempfehlungen – so werde Dyskalkulie in der Lehrerbildung verankert, und zwar mit verpflichtender Prüfungsabfrage.

Schulte-Körne hält es eher mit der aktuellen Forschung. An seinem Institut läuft gerade ein Symposium der Koordinierungsstelle „Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“. Eine israelische Forscherin referierte gestern über neue Erkenntnisse. Womöglich gebe es eine spezifische Angst-Blockade, die verhindere, dass das Kind mathematische Kenntnisse erlange. „Das scheint ein wichtiger Aspekte zu sein“, sagt Schulte-Körne. Für immer korrigierbar sei eine Rechenstörung nicht. „Wir sind froh, wenn wir 30 bis 40 Prozent der Kinder aus dem ganz schwachen Bereich rausbringen.“

Im Kultusministerium sieht man angesichts dieser Debattenlage keinen akuten Handlungsbedarf. Andere Bundesländer gewährten zwar einen Notennachlass, sagt der im Ministerium federführende Schulpsychologe Roland Zerpies. Doch „das ist sehr weit gefasst“ – die einen gönnten den Kindern einen Zeitbonus bei Proben, die anderen zusätzliche Hilfsmittel. In Bayern sei ja auch das zeitweise Aussetzen von Mathenoten erlaubt – aber nur an Grund- und Mittelschulen. „Man wird weiter im Gespräch bleiben, das ist der aktuelle Stand.“

Rubriklistenbild: © dpa

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