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Hilfe, die Städter kommen! Sonderzüge bringen in den 1920er-Jahren die Skifahrer nach Frasdorf.

Erste Skihütte im Alpenraum

Die fabelhafte Geschichte der Hochrieshütte

Samerberg - Es ist ein magischer Ort. Von der Hochrieshütte im Rosenheimer Land hat man einen der schönsten Ausblicke im ganzen Land.

Sie war, heißt es, die erste Skihütte im Alpenraum. Gerade feiert sie ihren 100. Geburtstag – genau der richtige Moment, um die schönsten Geschichten aus einem Jahrhundert zu erzählen.

Schön ist das Leben auf der Hochries. Aber auch beschwerlich. Zwei Männer bringen Holz.

Die Einheimischen sind schon bald genervt. Auf der Hochries, ihrem Hausberg am Nordrand der Chiemgauer Alpen, ist der Teufel los. Und das an jedem einzelnen Winterwochenende. Schier nie enden wollende Scharen an Skifahrern aus München erobern ihren Hausberg. Die Deutsche Reichsbahn muss in den 1920er-Jahren Sonderzüge einsetzen, um die skinarrischen Städter zu dem 1569 Meter hohen Sehnsuchtsberg zu bringen. „Über Absperrungen und Gleise hinweg“, klagt ein Leserbriefschreiber damals, „stürmt die wilde Horde, bewaffnet mit ihren langen Skilatten und -Stöcken, zum Zug nach Frasdorf, Bahnpersonal und friedliche Reisende rücksichtslos zur Seite drängend.“ Die Bergwacht organisiert extra einen wenig zimperlichen Ordnungsdienst, „der nötigenfalls mit zupackender Faust für diszipliniertes Verhalten des Schivölkchens“ sorgt.

Die allererste Skihütte im Alpenraum. Sagt man. Das ist die Hochrieshütte in den Chiemgauer Alpen. Im Oktober 1913 war Hebauffeier, am 4. Januar 1914 Eröffnung.

Hoppala, das waren Zeiten. Das Hochriesgebiet – Oberbayerns Skiparadies Nummer eins. Noch länger steht auf der Hochries eine Hütte. Es soll, so sagt man, die erste im Alpenraum gewesen sein. Gerade feiert sie ihren 100. Geburtstag. Auch da geht in den Anfangsjahren die Luzi ab. Es ist von „chaotischen Zuständen“ die Rede, der Andrang ist gigantisch. An manchen Tagen wird die Hütten-Verweildauer auf eine Stunde begrenzt, geschlafen wird im Schichtbetrieb. Um 2 Uhr nachts wirft die Hüttenwache die ersten Skifahrer aus ihren Betten, damit die zweite Schicht auch ein Auge zumachen kann. Vogelwild – aber damals Hüttenrealität.

Holz, wir brauchen Holz. Zum Glück gibt’s die (schwarz gebaute) Materialseilbahn.

Dieter Vögele von der Sektion Rosenheim des Alpenvereins sitzt in der Hochrieshütte. Er hat ein bibeldickes Buch vor sich liegen. Es ist sein Herzensprojekt. In einer sagenhaften Fleißarbeit hat er die wundervolle, abenteuerliche Geschichte der Hütte zusammengetragen. Pünktlich zum Jubiläum ist alles fertig geworden. Er hat Tage in Zeitungsarchiven verbracht und hunderte Bilder, Leserbriefe und Berg-Erinnerungen gesichtet. Das Buch – es ist eine Liebeserklärung an die Hochrieshütte. Und es ist eine Schatzkammer. „Legendär war der Seebacher“, sagt Vögele. „Er war Hüttenwirt ab dem Jahr 1934. 33 Jahre hat er hier oben ausgehalten.“ In den Anfangsjahren hat er im Winter die Lebensmittel mit der Kraxe vom Tal hochgetragen. Oft hat er auch Wanderer dazu gebracht, einen Rucksack voll Lebensmittel oder Bier für ihn zur Hütte zu bringen.

Seebacher, der ewige Hüttenwirt: Seine Harfe hat er nur in besonderen Momenten hervorgeholt.

Nach Kriegsende findet der Seebacher am Bahnhof in Frasdorf Drahtseile. „Die hat er sich unter den Nagel gerissen“, erzählt Vögele. Daraus baut er sich eine Materialseilbahn. Ein Schwarzbau, klar. Die Behörden bekommen schon bald Wind von Seebachers Bauprojekt. Sie spreche allen technischen Vorschriften Hohn, sagen die Beamten, auch sei sie weder genehmigt noch abgenommen und stünde überdies auf fremden Grund. Ein schwärzerer Schwarzbau ist kaum denkbar, aber der Seebacher, der alte Sturkopf, lässt noch 15 Jahre lang sein Bier, sein Brot und seine Würstl hochschweben – und ignoriert sämtliche Abrissbefehle.

Brrrrrh, eiskalt! So sieht die Hütte im tiefen Schnee aus. Sie hat auch in der Wintersaison geöffnet.

Irgendwann in den 1960er-Jahren ebbt der Skiboom ab. Andere Skigebiete und vor allem die österreichische Konkurrenz stechen den Rosenheimer Hausberg aus. Der Grund ist einfach: Auf dem Berg steht kein einziger Lift. Damals gibt’s nicht einmal eine Seilbahn, die Skifahrer auf den Berg bringt. Heute schon. Skifahren war damals eine Knochenarbeit. Man musste sich die Pistengaudi mit Schweiß und Muskelkraft erst verdienen. Vom Bahnhof in Frasdorf hat es gut und gerne drei Stunden gedauert, bis man mal oben war.

Ihre Faszination hat die Hochries dennoch nie verloren. Warum auch. Viel schöner kann die Heimat fast nicht sein. Das Panorama hoch droben ist gigantisch. Man hat einen Blick vom Watzmann bis zur Zugspitze. Man sieht den Simssee, den Chiemsee, den Olympiaturm in München, das Kernkraftwerk bei Landshut und sogar bis zum Bayerischen Wald. „Das ist der schönste Platz von ganz Amerika“, sagt Dieter Vögele und lacht. Für manche sogar von der ganzen Welt.

Gipfelglück auf 1569 Metern: Dieter Vögele (l.) und Franz Knarr mit der Hüttenchronik.

„Das Haus über den Wolken“, so wird die Hochrieshütte auch genannt. Manchmal hat man von oben einen magisch-verwunschenen Blick auf das schöne Bayernland, nämlich dann, wenn der Berg von einem Meer von Wolken umgeben ist. Die Gipfelhütte ist ein Schmuckstück der Alpenvereinssektion Rosenheim. Es ist längst kein zugiges Hüttchen ohne jeglichen Luxus mehr wie vor 100 Jahren, inzwischen steht an gleicher Stelle ein schmuckes Haus mit Panoramaglasfront. Die Hütte ist ganzjährig geöffnet; sie hat 43 Schlafplätze und 30 000 Besucher im Jahr. Am Berg, da hat sich vieles geändert. Da braucht man kein ganzes Jahrhundert Revue passieren lassen. Das merkt man sofort. Neben Dieter Vögele sitzt Franz Knarr senior, der Vorsitzende der Sektion Rosenheim. Er kennt die Hochries in- und auswendig. Er sagt: „Es hat sich alles sehr sportlich entwickelt. Alles ist von der Leistung geprägt.“ Wenn die Leute, die Tourengeher oder die Wanderer an der Hochrieshütte ankommen, dann schauen sie als Erstes auf die Uhr. Das ist neuerdings seine Erfahrung. Wie lange habe ich gebraucht? War ich schneller als letztes Mal? Die Fragen stellen sich die Leute. Die Hektik des Tales schleicht sich auf den Berg. Aber man muss nicht meinen, dass früher alles beschaulich und gediegen zugegangen ist. Auch vor einem halben Jahrhundert war Remmidemmi auf der Hochries, manchmal zumindest. „Vom Fasching auf dem Berg – davon reden die Leute heute noch“, sagt Franz Knarr senior. Da haben sich die Skifahrer als Irokesen, Cowboys oder als Geister verkleidet – und sind gen Gipfel aufgebrochen. Einer ist sogar mal als Klohäuschen gegangen. Es waren magische Zeiten. In den lustigsten Zuständen sind sie nach ein paar Schnäpsen wieder runtergekurvt. Saugefährlich, aber grad schön.

Ein Schöpfer Brühe – natürlich selbstgemacht. Hüttenwirt Florian Robl in der Küche.

Nur der Seebacher, der alte, auf dem Berg weiß gewordene Wirt, hat irgendwann genug von der Hochries. Bei seinem Abschied sagt er: „Woaßt, sterbn herobn mecht i aa ned. I hob mi jetzt g’ärgert gnua und jetzt muaß amoi a Ruah sei.“ Dann ist er zurück ins Tal. Gleich hinter der Kirche in Oberaudorf hat er eine kleine Wohnung genommen, zusammen mit seiner Ehefrau Ursula hat er dort seinen Lebensabend verbracht. Alle anderen zieht es in die andere Richtung, hoch zur Hochries. Wer einmal oben war, kommt immer wieder. Das gilt heute genau so wie vor 100 Jahren.

Stefan Sessler

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