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Im Schalllabor der FH Kempten läuten manche Glocken zu Forschungszwecken knapp 3000 Stunden.

Kemptens Forscher retten Kirchenglocken

Kempten - Die Erforschung von Kirchturmglocken als Wissenschaft? Die Fachhochschule in Kempten ist Bestandteil des Europäischen Kompetzenzzentrums für Glocken und kümmert sich europaweit um teilweise unbezahlbare Kulturgüter.

Kirchturmglocken prägen den Alltag in vielen Dörfern und Städten mit. Ihr gleichmäßiges Schlagen wird meist als beruhigend und angenehm empfunden. Für stundenlanges nervtötendes Dauergeläut hätte dagegen wohl kaum jemand Verständnis. An der Fachhochschule in Kempten ist solch ein dauerhaftes Getöse keine Seltenheit. “Bei unseren Versuchen läuten manche Glocken bis zu 3000 Stunden durchgehend. Zum Teil lassen wir fünf Glocken gleichzeitig Tag und Nacht läuten“, sagt Michael Plitzner. Der Wissenschaftler gibt jedoch Entwarnung für die Anwohner: Aus dem mit Schaumstoff isolierten Schalllabor dringt kein Glockenschlag nach draußen.

Das Labor auf dem Gelände der Fachhochschule ist Bestandteil des Europäischen Kompetenzzentrums für Glocken. Nach einem mit EU-Mitteln geförderten Forschungsprojekt wurde es vor zwei Jahren gegründet, um die wertvollen Kulturgüter weiter zu erforschen. Nach Angaben der Fachhochschule ist diese Einrichtung weltweit einmalig.

“Unser Ziel ist zu untersuchen, was beim Glockenanschlag passiert, was Glocken kaputt macht und wie Schäden vermieden werden können, damit eine Glocke so lange wie möglich läuten kann“, erklärt Geschäftsführer Plitzner. Ausschlaggebend dafür sei das Zusammenwirken des vorwiegend aus Bronze gefertigten Klangkörpers und des freischwingenden Klöppels aus Stahl. “Wir berechnen die optimierte Form und Beschaffenheit des Klöppels. Er sollte so hart oder weich sein, dass er sich der Glocke anpasst.“

Die bis zu einer Tonne schweren Glocken, die im Schalllabor durch einen Motor angetrieben und tagelang ohne Unterbrechung beansprucht werden, sind laut Plitzner eigens zu Forschungszwecken gegossen worden. Durch die Dauergeläut-Versuche stellen die Wissenschaftler das normale Leben einer Kirchturmglocke im Zeitraffer nach. “Wenn eine Glocke 3000 Stunden geläutet wird, entspricht das einer Lebenszeit von etwa 100 Jahren.“ Auf diese Weise werde gezielt untersucht, wann und wie die Glocken kaputt gehen. “Zwei Glocken haben wir so lange geläutet, bis Risse entstanden sind.“

Die großen Bronzekörper werden mit Messsensoren ausgestattet. Anhand der elektrischen Signale können die Experten unter anderem die Vibrationen erfassen, den Grad der Verformung ausmessen und prüfen, an welcher Stelle die Beanspruchung am größten ist. “Auch der Klöppel hat einen Beschleunigungssensor. Damit können wir feststellen, mit welcher Wucht er auf die Wand schlägt.“ Zusätzlich werden Mikrofone angebracht, die regelmäßig den Klang und seine Veränderung aufzeichnen. “So können wir das Sterben der Glocke Schritt für Schritt aufzeichnen. Schon der kleinste Riss ist hörbar.“

Durch die gewonnenen Erkenntnisse können die Wissenschaftler Schädigungen einer Glocke erkennen, wenn sie noch gering sind. Neben den Untersuchungen im Labor gehört daher auch die Erforschung historischer Glocken zu ihrer Arbeit. Da diese zum Teil mehrere hundert Jahre alten Kulturgüter nicht vorübergehend abgehängt werden können, finden die Untersuchungen meist vor Ort im Kirchturm statt, erklärt Plitzner. Für den 35 Jahre alten Ingenieur, der sowohl Maschinenbau als auch Theologie studiert hat, ist dieser Teil der Forschungsarbeit besonders spannend. “Jede Glocke hat ihre eigene Geschichte. Es ist faszinierend zu wissen, dass manche historischen Glocken schon von Millionen Menschen gehört wurden und viele Kriege, zigtausende Hochzeiten und Taufen erlebt haben.“

Auch für Professor Andreas Rupp, Vizepräsident der Fachhochschule Kempten und wissenschaftlicher Leiter des Glockenforschungszentrums, sind die Untersuchungen an den kulturhistorisch bedeutsamen Glocken ein ganz wesentlicher Bereich der wissenschaftlichen Tätigkeit. “Darin liegt der Nutzen, den die Allgemeinheit von unserer Arbeit hat.“ Die Ingenieure aus Kempten haben in den vergangenen Jahren unter anderem das Läuten der Papstglocke im Petersdom in Rom, der größten Glocke Frankreichs in der Sacre Coeur in Paris und des rund 20 Tonnen schweren Pummerin im Wiener Stephansdom analysiert. Ihre Arbeit habe gefruchtet, sagt Rupp. “In Wien wurde der Klöppel der Pummerin inzwischen ausgetauscht, weil wir festgestellt haben, dass er die Glocke zu sehr beansprucht hat.“

Aus einer berühmten Kirche stammt auch das Forschungsobjekt, um das sich Rupp und seine Mitarbeiter seit Ende Februar kümmern: der abgebrochene Klöppel der St. Petersglocke im Kölner Dom . Diese gilt als größte frei schwingende Glocke der Welt. Der rund 800 Kilogramm schwere und über drei Meter lange Klöppel des “Dicken Pitter“, wie Kölns größte Glocke auch genannt wird, war Anfang Januar während des Läutens in zwei Teile zerbrochen und abgefallen. “Materialermüdung führt zu solchen Brüchen. Wir wollen nun klären, warum es dazu kam“, sagt Rupp. Er rechnet in den nächsten Wochen mit einem Ergebnis.

Ziel der Untersuchungen sei zudem, Grundlagen für die Anfertigung eines neuen Klöppels zu berechnen, der optimal zur St. Petersglocke passt. Denn der abgebrochene Klöppel könne nicht mehr repariert werden. Bis ein neues Teil geschmiedet ist und der 24 Tonnen schwere “Dicke Pitter“ wieder läuten kann, werden die Kölner aber noch etwas Geduld aufbringen müssen. Wie Rupp sagt, wird es wohl erst Weihnachten so weit sein.

dpa

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