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Der Angeklagte Michael P. am Donnerstag im Gericht Traunstein.

Zugunglück bei Bad Aibling

Diese Worte richtete der Fahrdienstleiter an die Opfer-Familien

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Traunstein - Zwölf Tote, 89 Verletzte. Das Zugunglück von Bad Aibling hat ganz Deutschland erschüttert. Der Fahrdienstleiter räumt vor Gericht schwere Fehler ein. Doch der 40-Jährige richtet seine Worte auch an die Familien der Opfer.

Als der Oberstaatsanwalt die Namen der zwölf Toten vorliest, schließt Michael P. die Augen. Danach kommt die Liste der Verletzten, alle 89, alle Verletzungen. Das dauert. Atemnot, Rippenbrüche, Quetschungen, Frakturen und immer wieder: posttraumatische Belastungsstörungen. Manchen Angehörigen im Gerichtssaal kommen die Tränen.

Und nun soll Michael P., 40 Jahre, verheiratet, dunkler Bart, schwarze Locken, das Unerklärliche erklären: Wie konnte das passieren? Warum rasten am Faschingsdienstag zwei Züge ineinander?

Doch Fahrdienstleiter Michael P. erklärt an diesem ersten Prozesstag am Landgericht Traunstein nicht, was in seinem Stellwerk schiefgelaufen ist. Stattdessen steht er auf und wendet sich an die Überlebenden und Angehörigen des Zugunglücks. Manche sitzen nur wenige Meter von ihm entfernt, sie sind Nebenkläger. „Es fällt mir nicht leicht“, sagt Michael P., „aber ich möchte das frei machen.“ Er will ohne Notizen sprechen. Er holt Luft. „Ich weiß, dass ich am 9. Februar große Schuld auf mich geladen habe.“

Er ist aufgeregt, das hört man. Doch er spricht weiter: „Ich weiß, dass ich das nicht mehr rückgängig machen kann, auch wenn ich mir das wünschen würde. Sie haben großes Leid erfahren, das Sie noch lange mit sich rumtragen werden. Ich werde das genauso lang mit mir rumtragen. Ich möchte Ihnen sagen, dass ich in Gedanken bei Ihnen bin. Ich hoffe, dass Sie alles aufarbeiten können.“ Dann setzt sich Michael P. Seine Anwälte erklären, dass ihr Mandant alle Vorwürfe einräumt. Zur Sache werde er sich jedoch nicht äußern.

Was am 9. Februar 2016 zwischen Bad Aibling und Kolbermoor passiert, ist eines der schwersten Zugunglücke in Deutschland. Viele der Überlebenden leiden noch heute unter den Folgen, körperlich wie psychisch. Allein die Atteste füllen einen dicken Gerichtsordner. Das Landgericht Traunstein muss jetzt die Schuldfrage klären. Die Ermittler der Staatsanwaltschaft sind überzeugt: Der tödliche Zusammenstoß ist ausschließlich auf das fahrlässige Handeln eines Einzelnen zurückzuführen. Der Einzelne ist: Michael P. Er ist angeklagt wegen fahrlässiger Tötung in zwölf Fällen und fahrlässiger Körperverletzung in 89 Fällen. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft. Und alles wohl wegen eines Handyspiels.

Am 9. Februar beginnt Michael P. um 4.45 Uhr seinen Dienst im Stellwerk Bad Aibling. Er ist einer von rund 13 000 Fahrdienstleitern der Deutschen Bahn, die täglich mehr als 40 000 Züge durch Deutschland steuern. Seine Aufgabe ist es, den Zugverkehr auf der eingleisigen Strecke von den Bahnhöfen Kolbermoor bis Heufeld zu regeln. Seit 1994 ist er bei der Deutschen Bahn. Ein erfahrener Mann. Um 5.11 Uhr startet P. auf seinem Handy das Online-Computerspiel Dungeon Hunter 5 – obwohl Fahrdienstleiter bei der Bahn ihre privaten Smartphones nur nutzen dürfen, wenn dies für ihre Tätigkeit erforderlich ist. Computerspiele sind ausdrücklich verboten.

Der Staatsanwalt sagt, das strikte Verbot war P. bekannt. Trotzdem taucht P. am Unglückstag ab in die digitale Fantasy-Welt. Bis 6.40 Uhr spielt er aktiv. Erst wenige Sekunden vor 6.46 Uhr beendet er das Spiel endgültig. Eine Minute später kollidieren die Züge. „Die Beschäftigung mit seinem Smartphone lenkte den Angeklagten von der Regelung des Zugverkehrs ab“, sagt Oberstaatsanwalt Jürgen Branz. Nur so habe es zu den Fehlleistungen kommen können, die den Unfall verursachten. Denn Fehler sind gleich mehrere passiert – und zwar noch während P. aktiv spielte. Michael P. sagte in seiner Polizei-Vernehmung, er sei im Plan um eine Zeile verrutscht und ging so davon aus, dass sich die Züge in Bad Aibling kreuzen sollten, statt in Kolbermoor. P. bemerkt den Fehler zunächst nicht und gibt beiden Zügen freie Fahrt auf die eingleisige Strecke. Beinahe zur gleichen Zeit rekrutiert er in seinem Handyspiel einen Krieger.

Die Technik lässt eigentlich nicht zu, dass die beiden Züge auf der eingleisigen Strecke aufeinander zu fahren, das System schaltet auf Rot. Aber weil P. immer noch denkt, die Züge müssten sich in Bad Aibling kreuzen, setzt er ein Sondersignal, genannt Zs1. Damit ist es für den Meridian aus Holzkirchen trotz Rot möglich weiterzufahren. Wenig später bemerkt P. seinen Fehler. Er setzt über das Mobilfunknetz der Bahn einen Notruf ab. 36 Sekunden vor dem Aufprall.

Die Bilder zum Prozessauftakt gegen den Fahrdienstleiter

Fatal: Er drückt eine falsche Taste, so dass die Gefahrenmeldung nur für das Streckenpersonal, nicht aber für die Lokführer hörbar ist. Streckenpersonal ist zu diesem Zeitpunkt nicht vor Ort. „Die Kollision hätte vermieden werden können“, sagt der Staatsanwalt – wenn der erste Notruf richtig abgesetzt worden wäre. P. setzt einen weiteren Notruf ab. Doch es ist zu spät.

Noch am Nachmittag des 9. Februar wird P. festgenommen – und wenige Stunden später wieder entlassen. Zu diesem Zeitpunkt wissen die Ermittler zu wenig über die Ursache. P. wird psychologisch betreut und zu seinem Schutz an einen sicheren Ort gebracht. Doch nachdem die Ermittler sein Handy ausgelesen haben, folgt der Haftbefehl. Seitdem sitzt P. in Traunstein in Untersuchungshaft.

Wer ist der Mann, der wohl bis an sein Lebensende nicht mehr froh wird? Michael P., Jahrgang 1976, wurde in Rosenheim geboren. Er spricht Bairisch und erzählt, dass er in der Region aufgewachsen ist, aufs Gymnasium ging und nach der zehnten Klasse eine Ausbildung bei der Deutschen Bahn begann. Seit vergangenem Jahr ist er verheiratet, seine Frau brachte einen Sohn mit in die Ehe. Noch bis zum Jahresende ist er bei der Bahn angestellt, dann wird sein Vertrag beendet. Züge wird er wohl nie mehr leiten.

Um seine Schuldfrage zu klären, dröselt das Gericht den Unfall am ersten Verhandlungstag auf. Ein sekundengenauer Zeitstrahl, Videoaufnahmen von der Unfallstrecke, technische Erläuterungen zu den Arbeitsabläufen im Stellwerk. Ein Ermittler erklärt die Details, und er kommt zum Schluss: „Die Technik vor Ort hat funktioniert.“ Nur einen Tag vor dem Unglück wurden der Stelltisch und die Innenanlage inspiziert – ohne Beanstandungen. Es gab auch kein Funkloch und die Sturmwarnung an diesem Tag hatte keinen Einfluss.

Und doch gibt es etwas, was das Unglück vielleicht verhindert hätte. Der Ermittler sagt, im Stellwerk Bad Aibling gibt es keinen Empfangsmelder – der hätte übermitteln können, dass bereits ein Zug auf der Strecke war. Der Mechanismus sei zwar nicht verpflichtend, es gebe jedoch eine Verfügung, dass er „im Rahmen der zur Verfügung stehenden Mittel“ nachgerüstet werden sollte. Hätte P. seinen Fehler damit früher bemerkt?

Die Ermittler prüften auch, ob Michael P. zuvor schon öfter während der Arbeitszeit auf seinem Smartphone gespielt hat. Und tatsächlich: „Er hat nahezu jedes Mal gespielt“, sagte der Polizeibeamte vor Gericht. Fassungsloses Kopfschütteln unter den Nebenklägern.

Als der erste Verhandlungstag vorbei ist, gehen Überlebende, Hinterbliebene und ihre Verteidiger mit gemischten Gefühlen aus dem Gericht. Thomas Staudinger, 23, sagt zu P.s Entschuldigung: „Ich fand das sehr emotional. Man hat gemerkt, dass es von Herzen kommt.“ Der junge Mann saß in einem der Züge und kam mit einem Nasenbeinbruch, einer Gehirnerschütterung und Prellungen noch vergleichsweise glimpflich davon. Michael Elfers ist zurückhaltender. Sein 18 Jahre alter Sohn Yannik war der Letzte, der aus dem Wrack geborgen wurde. Yannik kämpft bis heute mit den Folgen seiner schweren Verletzungen. „Es ist positiv, dass er was gesagt hat, dass er sich an die Angehörigen gewandt hat“, sagt Michael Elfers. „Aber ob es eine ehrliche Entschuldigung war, weiß ich nicht.“

Kritik äußerte Rechtsanwalt Friedrich Schweikert, der mehrere Hinterbliebene vertritt. „Ich bin enttäuscht von dieser halbherzigen Entschuldigung.“ Auch Rechtsanwalt Peter Dürr hatte sich mehr erwartet: „Auf den Punkt der Ablenkung durch das Handyspielen ist er nicht eingegangen – obwohl das eine wesentliche Bedeutung haben wird.“

Am Montag werden weitere Zeugen gehört. Ein Urteil soll am 5. Dezember fallen. Mehr Infos finden Sie auch in unserem Ticker zum Nachlesen.

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