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Wenn die Zugfahrt zum Abenteuer wird: Viele Meridian-Züge waren gestern maßlos überfüllt. Es gibt kaum Festhaltemöglichkeiten für stehende Fahrgäste in den „Flirt“-Zügen. Trotzdem haben die Pendler starke Nerven bewiesen.

Erfahrungsberichte

Fahrplanwechsel: So schlimm war's für die Pendler

München – Viele Pendler sind am Montag verspätet und verärgert in die Arbeit gekommen. Der erste Werktag nach dem Fahrplanwechsel der Bahn hat mit vielen Pannen begonnen. Zahlreiche neue Züge fielen aus, andere waren maßlos überfüllt.

Eugen Kirschhock pendelt seit anderthalb Jahren täglich von Großkarolinenfeld im Landkreis Rosenheim zum Münchner Ostbahnhof. Anderthalb Jahre, in denen er gelernt hat: Pendler sind belastbare Menschen. Sie sind tiefenentspannt – und sie haben oft die richtige Vorahnung. Gestern Morgen hat sich für Kirschhock all das wieder einmal bestätigt. Er hatte sich auf einen chaotischen Start in die Woche eingestellt, hatte mit kleinen Pannen gerechnet bei der ersten großen Bewährungsprobe der neuen „Flirt“-Züge des Meridian. Er hatte nicht damit gerechnet, dass seine Fahrt in die Arbeit an diesem Tag zum Abenteuer wird.

Schildern Sie uns Ihre Erfahrungen mit dem Bahn-Chaos hier.

Das deutet sich erst um sieben Uhr morgens am Bahnsteig in Großkarolinenfeld an. Dort erfährt er von anderen Pendlern, dass schon um Viertel vor Sechs einer der „Flirt“-Züge bei Traunstein wegen eines technischen Defekts ausgefallen ist. „In dem Moment war mir klar, dass ich zu spät in die Arbeit kommen werde und dass es unterwegs eng wird.“ Bereits eine Haltestelle später, in Ostermünchen, hat der Zug mehr als zehn Minuten Verspätung und ist so voll, dass die Menschen dichtgedrängt im Gang stehen. „Es gibt in den neuen Zügen kaum Festhaltemöglichkeiten“, sagt Kirschhock. Er ist groß genug, um sich an der Gepäckablage festhalten zu können – die meisten anderen Fahrgäste nicht. In Grafing ist der Zug bereits so voll, dass niemand mehr einsteigen darf, kurz vor dem Leuchtenbergring in München hält der Zug auf freier Strecke, jemand sei bewusstlos geworden, heißt es. Eine Zugbegleiterin versucht, sich nach hinten durchzukämpfen. Es gibt keine Durchsage, keine Information für die Fahrgäste. Eugen Kirschhock kommt mit einer halben Stunde Verspätung in der Arbeit an – und ihm graut jetzt schon vor der Heimfahrt am Abend. „Wir Pendler sind wohl noch cooler, als ich angenommen hatte“, sagt er. „Anders kann ich mir nicht erklären, dass in diesem Chaos alle so ruhig geblieben sind.“

„Situationen wie diese sind die absolute Ausnahme“, sagt Kai Müller-Eberstein, der Geschäftsführer der Bayerischen Oberlandbahn. Er war gestern seit fünf Uhr früh am Rosenheimer Bahnhof, wollte sich selbst ein Bild davon machen, wie der Start der neuen Meridian-Züge verläuft. „Die Reaktionen der Fahrgäste waren überwiegend positiv“, sagt er. Nach dem Zugausfall habe sich die Situation schnell wieder entspannt. Sobald alle der 35 neuen Triebfahrzeuge im Einsatz sind, werde es für die Pendler angenehmer, versprach er. „Für die fehlenden Durchsagen können wir uns nur entschuldigen – sowas sollte nicht vorkommen.“

Nicht nur die neuen Meridian-Züge sind gestern holprig in den Pendler-Verkehr gestartet. Auch aus den neuen Triebzügen im Werdenfels-Takt, den „Talent 2“, sind gestern unzufriedene Fahrgäste ausgestiegen. Einer von ihnen ist Karl-Heinz Grehl aus Weilheim. Er ist – ebenfalls wegen eines technischen Defekts – „wie in einer Sardinenbüchse“ in die Woche gestartet. Eine Zughälfte fehlte, er stand dicht gedrängt bis München im neuen „Talent 2“. Und das war nicht das einzige, über das sich Karl-Heinz Grehl geärgert hat. Er darf keinen der sechs Expresszüge nutzen, weil seine MVV-Jahreskarte nur bis Tutzing gilt. Sie ist ungültig, wenn die Züge nicht in Tutzing halten. „Wenn ich meine MVV-Jahreskarte zurückgebe, muss ich meinen Jahreskartenrabatt zurückbezahlen“, fürchtet er. Für Abo-Kunden gebe es eine Übergangsfrist von bis zu einem Jahr, betont hingegen ein Sprecher der Bahn. „Niemand muss sein laufendes Abo umtauschen.“ Die Beschwerden zu dieser Tarifregel-Änderung halten sich laut Bahnsprecher bisher in Grenzen. Sein Fazit über den ersten Betriebstag unter der Woche: „Es läuft im Großen und Ganzen gut – insbesondere, wenn man bedenkt, um welch große Systemumstellung es sich handelt.“ Die Probleme seien entstanden, weil in Mittenwald zwei Zügen ausgefallen sind, die nicht so schnell kompensiert werden konnten. „Diese Triebzüge sind morgen wieder im Einsatz.“ Karl-Heinz Grehl bleibt skeptisch, ob er so bald auf dem Weg in die Arbeit wieder seine Zeitung lesen kann. „Die Bahn möchte mit den neuen Zügen zehn Prozent mehr Fahrgäste gewinnen“, schimpft er. „So bestimmt nicht.“

Katrin Woitsch

Erfahrungsberichte der Leser

Schöne neue Bahnwelt im Werdenfels?!

Der Zug um 6.46 Uhr fährt nicht mehr vom Gleis 1 ab. Im Dunkeln erkenne ich am Gleis 3 viele Menschen. Also laufe ich unten durch den Tunnel zum Gleis 3. Es stehen einige hundert Menschen dort. Ein Zug fährt ein - nein ein Züglein. Dieses ist bereits völlig überfüllt.

Über Lautsprecher teilt man uns mit, dass heute leider eine Zughälfte fehlt - ein technischer Defekt. Wie in der Sardinenbüchse bis München - mit 10 Minuten Aufenthalt in Tutzing. Alles im Stehen, nichts mit Zeitunglesen, nichts mit Schlafen - alles nur Chaos.

Die sechs Expresszüge darf ich übrigens nicht nutzen, weil ich nur eine MVV Jahreskarte bis Tutzing habe. Und wenn der Zug in Tutzing nicht mehr hält, ist diese Jahreskarte, die ich bereits seit 25 Jahren so abonniert habe, jetzt ungültig. Dieses teilte mir die Bahn drei Tage vor Fahrplanwechsel mit. Wenn ich jetzt aber meine MVV Jahreskarte zurückgebe, muss ich meinen Jahreskartenrabatt zurückbezahlen - Pech gehabt! Wieso gibt es bei uns im Oberland eigentlich keine vernüftigen Verbundfahrkarten wie es im Norddeutschland üblich ist?

Die Bahn möchte mit diesen neuen Zügen, die meiner Meinung nach auch noch sehr unbequem sind, zehn Prozent mehr Fahrgäste gewinnen - so bestimmt nicht!

Alexander Dobrinth ist jetzt Verkehrsminister, hoffentlich kümmert es sich nicht nur um seine "Seehofer PKW Maut" für uns alle. Beim Thema Werdenfelsbahn muss er sich profilieren!

So geht es jedenfalls nicht mehr weiter! Ich fordere die Regierung auf, alle Zahlungen an die Bahn so lange einzustellen, bis ausreichend verwendbares Zugmaterial vorhanden ist und die Züge pünktlich fahren.

Karl-Heinz Grehl

Betroffen vom "Meridian-Chaos"

Auch ich war heute Morgen von dem "Meridian-Chaos" betroffen. Ich steige täglich um 7:11 (vorher 7:13) in Assling zu. Der Zug hatte Verspätung - ok, kann vorkommen. Aber dass der Zug dann mit nur vier Wagen anhält, der schon übervoll war aber bestimmt noch an die 300 Fahrgäste in Assling am Bahnsteig standen, war schon der Hammer. Gleichzeitig kam die Durchsage: Bitte warten Sie auf den nächsten Zug, der kommt in 2-3 Minuten. Der kam auch, brauste allerdings durch. 10 Min. später kam noch einer, der brauste auch durch. Angehalten hat erst der um 7:47. Das war dann ein Doppelstock, ausgeliehen aus Sachsen. Alle hatten Platz und es war endlich warm.

Jetzt frage ich mich allerdings, warum seit einem halben Jahr immer wieder Fahrgastbefragungen durchgeführt wurden, die Fahrgäste gezählt wurden und auf diversen Veranstaltungen die ach so schöne Meridianwelt beschrieben wurde. Sicher, für "Kinderkrankheiten" habe ich Verständnis, aber nicht für, krass gesagt, Unvermögen. Jetzt bin ich gespannt, was in den nächsten Tagen noch auf uns zu kommt.

Conny von Elimer

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