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„Ich bin der friedlichste Mensch“: Josef Ruml im Besucherraum der forensisch-psychiatrischen Klinik in Straubing. Er will seine Freiheit zurück. Im Hintergrund ein Wärter.

In der geschlossenen Anstalt

Der Fall Josef Ruml

Straubing - Seit acht Jahren sitzt Josef Ruml, 39, in der Psychiatrie – zu Unrecht, glaubt er. Die Ärzte sind sich jedoch einig: Ruml könnte gefährlich sein. Haben sie Recht?

Das Sirenengeheul kommt näher, Josef Ruml gerät in Panik. Er will nicht wieder in die Psychiatrie, springt vom Kanapee auf. Drei, vier Schritte trennen den 31-Jährigen von der Haustür. Die Freiheit – ein schmaler Streifen Himmel. Wolken türmen sich wie graue Mauern über dem Einödhof bei Sauerlach. Da versperrt ihm der Vater den Weg. Josef Ruml greift nach dem Brotmesser, sein Vater entwindet es ihm. Der Sohn holt aus der Küchenschublade das Fleischermesser, fuchtelt damit herum. Auf einmal fallen Blutstropfen in die Rillen des Holzbodens. Der Vater hält sich den Ellenbogen, sein Gesicht ist schmerzverzerrt.

Die Sirene wird lauter. Josef Ruml schaut auf, lauscht, dann stürzt er zur Treppe und hastet die Stufen zum Dachboden empor. Er schiebt die Füße durch die Dachluke. Auf den Ziegeln liegt der erste Schnee. Sein Fuß rutscht ab, wieder und wieder. Er findet keinen Halt. Die Sanitäter holen ihn vom Dach. Im alten Bauernhaus wird es still. Es ist der 16. November 2004.

Straubing, forensisch-psychiatrische Klinik, neun Jahre später. Die Wände sind kalkweiß, jede Tür ist elektrisch gesichert. Es riecht nach Desinfektionsmitteln. Josef Ruml wird von zwei Pflegern in den Besucherraum geführt, eine magere Gestalt mit festem Händedruck. Ruml setzt sich, er trägt Sandalen, eine kurze Khakihose und ein blau-weiß gestreiftes Poloshirt, als sei er im Urlaub. Er zieht die Schultern hoch, senkt den Blick. Dann sagt er: „Ich bin der friedlichste Mensch.“

Was macht man mit so einem Satz? Was soll man jetzt glauben?

Eines fällt gleich auf: Ruml strahlt Ruhe aus. Das überrascht – und zugleich nicht. Denn diese Ruhe, man findet sie auch in seinen Briefen. In den Gesprächen am Telefon. Josef Ruml, der Beherrschte. Aber es gibt noch den anderen Josef Ruml. Den, der wegen versuchten Totschlags angeklagt wurde. Von dem zwei Gutachter sagen, dass er schizophren und paranoid ist. Der ihrer Meinung nach zu weiteren Straftaten fähig ist, wenn er keine Medikamente nimmt. Denn die verweigert er.

Die Psychiatrie hält Ruml für seinen Feind. Wieder und wieder schickt er Briefe an Ärzte, Richter, Staatsanwälte, Journalisten. Eine andere Waffe hat Ruml nicht. Mit Kugelschreiber berichtet er auf kariertem Papier vom Streit mit den Pflegern. Und dass er nicht mit den Ärzten sprechen könne. Sein Schreibstil ist einfach, aber reflektiert: „Wenn man brav seine Medikamente nimmt und keine Gefühle zeigt, schlecht drauf ist und alles mit sich machen lässt, dann sind sie zufrieden.“

Josef Ruml will raus hier. Will sein Leben zurück. Heiraten, am Haus bauen. Gewalt sei seine Sache nicht.

Josef Ruml muss hierbleiben, sagen die Ärzte. Medikamente nehmen. Weil er gefährlich werden kann.

Aber was stimmt? Glaubt man seiner Mutter Rosina Ruml, sitzt „der Bub“ zu Unrecht in Straubing: „Der wollt’ dem Papa nie etwas tun.“ Die 76-Jährige sitzt auf einer Holzbank vor dem Einödhof bei Sauerlach, das Haar zum Zopf geflochten, eine Perlenkette um den Hals. Auch sie hat Bittbriefe geschrieben. In den kräftigen Händen, die harte Arbeit gewöhnt sind, hält sie eine große Lupe. Sie beugt sich über die Papiere, sucht Wort für Wort ab. Der Inhalt ist immer gleich: „Wer kann helfen, dass mein Sohn nicht lebenslang weggesperrt wird, er ist keineswegs gefährlich.“

Seit Jahren kämpft Rosina Ruml um ihren einzigen Sohn. Sie hat auch drei Töchter, aber „der Bub“ war als Hoferbe vorgesehen, und „am Haus gibt es einiges zu machen“. In ihrem Kampf ist sie seit letztem Jahr allein. Ihr Mann Josef ist gestorben. In der Stube hängt sein Bild gleich drei Mal. Es ist immer dasselbe Foto. Vom Sohn hängt kein Bild. Vielleicht, weil sie glaubt, dass „der Bub“ eh zurückkommt. Dass er eines Tages wieder mit am Esstisch sitzt, direkt unter dem Herrgottswinkel.

Seit einem guten Jahr hat sie mehr Hoffnung. Und die Hoffnung hat einen Namen: Gustl Mollath. Der auch in der Psychiatrie einsaß, weil man ihn für gemeingefährlich hielt und der freikam, weil er sich nicht unterkriegen ließ. Im Sommer sprach Mollath auf dem Marienplatz in München. Sprach von „vielen Namenlosen“, die immer noch hinter verschlossenen Türen säßen. Ist Josef Ruml einer davon?

Für viele ist der Fall Gustl Mollath bald nach seiner Freilassung aus der Psychiatrie in Vergessenheit geraten. Nicht so für Rosina Ruml. Sie hat alle Mollath-Artikel ausgeschnitten und in einer Pappschachtel gesammelt. Ihre Hoffnung ruht auf diesem Haufen loser Zeitungsausschnitte, den ein rotes Gummiband zusammenhält. Sie will ihren Sohn zurück. Den Hoferben.

Aber die Gesellschaft muss weiterdenken. Wo beginnt das Recht der Bürger auf Schutz vor Übergriffen? Wo endet das Recht einer Person auf freie Entfaltung? Darauf die richtige Antwort zu geben, birgt eine ungeheure Verantwortung. Bisher sprechen sich Ärzte und Richter gegen Josef Ruml aus. Im Gutachten des Bezirkskrankenhauses Straubing steht: „Zusammenfassend stellen wir fest, dass bei Herrn Ruml von einer paranoid-halluzinatorischen Schizophrenie auszugehen ist.“ Es bestehe die hohe Wahrscheinlichkeit, „dass Herr Ruml zukünftig krankheitsbedingte, ähnlich gelagerte, vergleichbare Straftaten – auch gegenüber Dritten, die nicht aus dem familiären Umfeld stammen – begehen würde.“

Den Gegenbeweis kann nur Josef Ruml selbst erbringen. Er steht allein damit. Immerhin, der Sauerlacher hat einmal ein normales Leben geführt: War Mitglied im Trachtenverein, hatte Freunde, spielte Gitarre. Einzig die Musik ist ihm geblieben. Mitte zwanzig war die Wende gekommen. Josef Ruml veränderte sich, wurde verschroben, der Auslöser ist bis heute unklar. Seine Mutter blättert das Fotoalbum durch. Vielleicht ist die Lösung auf einem der Bilder zu finden?

Ein Foto zeigt Josef Ruml mit seiner Jugendliebe. Das Pärchen trägt Festtagskleidung mit weißem Kragen, einem Sträußchen im Knopfloch. Die Freundin hat ihre Hand auf seine linke Schulter gelegt. Sie wirken wie ein Ehepaar, sehr vertraut. Doch die Freundin verlässt den 25-Jährigen. Rosina Ruml glaubt: „Er hat die Trennung nicht verkraftet. Mit seiner nächsten Freundin war er nicht glücklich.“

Die habe ihn auch dazu gebracht, seine Ernährung umzustellen. Auf Rohkost. War das der Auslöser? Josef Ruml ist irgendwann wie besessen von gesunder Ernährung. Alle giftigen Rückstände will er aus seinem Körper entfernen. Deshalb wird er sich später in der Forensik auch weigern, Psychopharmaka zu nehmen. Er isst damals nur noch Obst und Gemüse und magert ab. Bei einer Körpergröße von 1,74 Meter wiegt er nur noch 48 Kilogramm. Zuletzt isst er nur noch Eis.

Mehrfach muss er in ärztliche Behandlung, auch stationär in der Psychiatrie. Er verhält sich auffällig. Einmal übernachtet er mehrere Tage vor einem Supermarkt im Auto, danach bringen sie ihn in die Anstalt. Nach vier Monaten ist er wieder draußen. Die Eltern machen sich Sorgen um ihren Sohn, wollen ihm nicht beim Verhungern zuschauen.

Am Morgen des 16. November 2004 liegt Josef Ruml auf dem Kanapee. Sein Körper ist ausgelaugt. Er spricht nicht, er rührt sich nicht. Auf die Stimmen seiner Eltern reagiert er nicht. Seine Mutter bekommt Angst, sie ruft den Sanka. Jetzt reagiert der Sohn – panisch. Denn er weiß: „Ich komm in kein normales Krankenhaus. Und wenn ich in der Psychiatrie bin, komm ich nicht mehr raus.“ Er weiß, wie es dort aussieht: kalkweiß. Die Pfleger, sie machen ihm Angst.

Ruml will, dass ihn der Vater nach Sauerlach zur S-Bahn fährt. Er will fliehen. Der Vater weigert sich. Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Josef Ruml hat nach diesem Tag im November kein eigenes Leben mehr. Laut Gerichtsakte ist die Wunde am Ellenbogen des Vaters vier Zentimeter lang. Die Anklage vor Gericht: versuchter Totschlag. Sein Vater wird sich bis zu seinem Tod Vorwürfe machen. In einem Brief an das Landgericht München erklärt der Senior: „Die damalige Situation ist aus Angstzuständen entstanden. Mein Sohn hatte vor der Psychiatrie in Haar Angst. Ich habe als besorgter, überempfindlicher und ängstlicher Vater überreagiert. Niemals wollte ich meinen Sohn in die heutige Situation bringen.“

Doch es hilft nichts. Im September 2005 ordnet das Landgericht München die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an, gemäß Paragraph 63 Strafgesetzbuch. Der Paragraph hat auch Gustl Mollath in die Forensik gebracht. Übertragen heißt es dort: Wer aufgrund seiner psychischen Erkrankung erhebliche Straftaten begeht und deshalb eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, muss in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden.

Der Anwalt der Familie Ruml, Johannes Driendl, legt Beschwerde ein. Das Argument: „Aufgrund der Tatsache, dass der Vater des Verurteilten von diesem jedoch nur leicht verletzt wurde, lässt sich auch der Umkehrschluss herleiten, dass die Gewaltbereitschaft beim Verurteilten damals eher gering war.“ Dafür spreche auch die „äußerst geringe Intensität“, mit der der Stich ausgeführt wurde. Zudem führt der Anwalt an, dass sein Mandantin Freiheit niemanden weiter angegriffen habe. Dazu, dass Josef Ruml sich mehrfach geweigert hat, Medikamente zu nehmen, schreibt Driendl: „Herr Ruml, der im Übrigen Veganer ist, verweigert auch jede Chemie in seinem Körper aus grundsätzlichen Überlegungen, daher nimmt er auch keine Medikamente.“

„Ohne geht es mir besser“, sagt Ruml. Einmal habe er Haloperidol verabreicht bekommen, ein Schizophrenie-Mittel. „Ich bin den ganzen Tag im Kreis gelaufen. Als meine Mutter mich besucht hat, bin ich nur um den Tisch gerannt.“ Tatsächlich kann Haloperidol Nebenwirkungen haben, die von Sitzunruhe über Sprachstörungen bis zu starken Depressionen reichen. Als Ruml eine Zwangsmedikation erhalten soll, versteckt er sich hinter einem Busch im Garten. Die Pfleger finden ihn. Ruml sagt, sie hätten ihn gegen seinen Willen gespritzt und zwei Monate in sein Zimmer gesperrt. Inzwischen ist die richterliche Erlaubnis für die Zwangsmedikation ausgelaufen. Josef Ruml weigert sich seitdem, Psychopharmaka zu nehmen.

Es scheint ihm zu bekommen. Ruml fängt wieder an, mit der Gitarre Lieder zu komponieren. Mit feiner Stimme singt er im Besucherraum: „Irrenhaus, Irrenhaus, ich sitz da fest im Irrenhaus. Was soll i doa, ja was soll i denn doa?“ Das Stück ist gecovert, die Melodie stammt von Michel Telós Nummer-Eins-Hit „Ai Se Eu Te Pego“.

Der Leiter der Abteilung für Forensische Psychiatrie in der Nußbaumklinik in München, Prof. Dr. Norbert Nedopil, sieht den Fall kritisch: „Herr Ruml leidet an einer Schizophrenie. Wenn er längere Zeit seine Medikamente nicht nimmt, kann es sein, dass seine Krankheit wieder hervorbricht, er sich wieder verfolgt fühlt.“ Nedopil hat 2008 ein externes Gutachten von Josef Ruml erstellt. Er sagt darin zwar, dass sich im Laufe der Unterbringung Rumls Zustand verbessert habe. Eine Restsymptomatik würde jedoch bestehen bleiben. Vor allem fehle es Ruml an Krankheitseinsicht und Behandlungsbereitschaft. Trotzdem könne er eine Lockerung bezüglich der Unterbringung empfehlen.

2010 kommt Josef Ruml ins Rehabilitationszentrum „Isarwinkel“ in Bad Tölz, zum Probewohnen. Dort passiert es: Er reißt zwei Mal aus, wird wieder eingefangen. Anschließend kommt er wieder in die Forensik. Nedopil erstellt 2010 ein zweites Gutachten. Die Angelegenheit ist einfach: „Er muss seine Medikamente nehmen, sonst kommt er nicht raus.“

Befragt man Ruml zu seinem Übergriff im November 2004, erzählt er davon nüchtern. Dass er den eigenen Vater bedroht und verletzt hat, spielt er herunter: „Der Papa war mir im Weg gestanden. Selber schuld, wenn er mich nicht in Ruhe lässt.“ Dass Ruml in der Forensik in Haar, wo er zunächst war, Computer demoliert hat, schiebt er auf die starken Psychopharmaka, die er nehmen musste. Und die religiösen Motive, die er mit Holzkohle an die Wand seines Zimmers gemalt hat – Jesus, Maria, Johannes und eine Friedenstaube? „Ist ganz gut geworden – etwas Dali“, sagt er. Er lacht spitzbübisch. Für ihn war es nur ein Spaß: „Ich bin halt religiös.“

Nur einmal wird er verlegen, da steigt ihm Farbe ins Gesicht. Er soll die Wände seines Zimmers mit Kot beschmiert haben. Ruml senkt den Blick, knetet die Hände und sagt schließlich: „Mir war halt danach.“ Ist so einer wie Josef Ruml verrückt?

Diese Antwort liegt in ihm selbst, irgendwo. „Können Sie mein Auge fotografieren?“, fragt er im Gespräch. Er brauche das Foto für seine Therapeutin. Wenig später starrt sein rechtes braunes Auge durchs Objektiv. „Näher“, sagt Ruml, „näher!“ Die Kamera stößt an seine Nasenspitze. Es ist, als wolle er irgendwo in diesem tiefen Augenbraun die Antwort finden. Als wolle er sein Innerstes mit dem Foto sichtbar machen. Als Josef Ruml später die Bilder anschaut, ist er enttäuscht. „Man kann darauf nichts sehen“, sagt er.

Maria Gerhard

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