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Kein Zutritt: Der Zugang zum Haus von Robert E. am Marktplatz 33 ist mit rot-weißem Polizeiband abgesperrt.

Suche nach der Leiche

Fall Peggy: Bevölkerung wartet und bangt

Lichtenberg - Werden sie die Leiche von Peggy finden? Seit Montag suchen Ermittler nach dem Skelett des Mädchens, das 2001 verschwand. Bis jetzt gibt es keine heiße Spur – doch die Lichtenberger hoffen, dass der Fall endlich gelöst wird.

Nein, eigentlich möchte kaum jemand darüber sprechen. Was soll man denn sagen? „Wir hoffen, dass bald Ruhe einkehrt in Lichtenberg.“ Das 1000-Seelendorf in Oberfranken sehnt sich nach Ruhe. Vor allem jetzt, da es hier wieder ziemlich laut geworden ist.

Seit Montag fühlen sich die Menschen ein bisschen wie damals, im Jahr 2001 – als am 7. Mai Peggy verschwand. Ein Mädchen von neun Jahren: blonde Haare, strahlend blaue Augen, zurückhaltendes Lächeln. Es war auf dem Nachhauseweg von der Schule. Es kam nie daheim an.

Von Peggys Leiche fehlt bis heute jede Spur – doch jetzt suchen die Ermittler erneut nach ihrem Skelett: auf einem Grundstück mitten im Ort, am Marktplatz 33. Sie graben den Hinterhof um, angeblich buddeln sie sogar unter dem Haus. Der Besitzer, Robert E., 66, vorbestrafter Kinderschänder, wird verhört; seinen Computer haben sie mitgenommen. Einen Haftbefehl gibt es aber – noch – nicht.

„Ich bezweifle, dass sie was finden“, sagt eine ältere Frau, die am rot-weißen Absperrband vorbeigeht. Es ist Dienstagnachmittag, gerade ist die Sonne herausgekommen. Erst vor wenigen Stunden hatte eine Meldung für Verwirrung gesorgt – und für Hoffnung: Ein Leichenspürhund hat angeschlagen, hieß es. Bald wird klar: Es war ein Fehlalarm, der Hund hatte nur ein Kanalrohr entdeckt.

Die Grabungen gehen weiter – in einer Tiefe von rund zwei Metern. Die Ermittler suchen nach Hohlräumen, nach einem Brunnen oder einer Zisterne. Also nach einem Ort, an dem sich eine Kinderleiche verstecken lässt. Inzwischen haben sie eine ältere Mauer freigelegt – und es wird bekannt, dass sich in der Nähe des Grundstücks am Marktplatz eine unterirdische Gruft, wenn nicht sogar ein Friedhof befunden haben soll – vor vielen, vielen Jahren.

Die Ermittler kontrollieren jede Baggerschaufel, jedes Stück Erde, das ausgehoben wird. Rechtsmediziner sind nach Lichtenberg gekommen, damit sie die DNA-Spuren sofort untersuchen können – sobald die Einsatzkräfte auch nur einen Hinweis entdecken.

Nur: Reicht ein solcher Hinweis, um das Verbrechen zu rekonstruieren? Um den Täter wirklich dingfest zu machen? Rechtsmediziner Randolph Penning hält das für unwahrscheinlich. Nach zwölf Jahren werde man nur noch ein Skelett finden, keine Weichteile, sagt er. „Knochenverletzungen lassen sich feststellen, durchaus. Auch die Identität der Leiche.“ Aber was genau an jenem sonnigen Mai-Tag im Jahr 2001 geschah? Offenbar Täterwissen.

Offiziell gibt es einen Täter seit 2004. Damals, am 20. April, wurde Ulvi K., heute 35 Jahre alt, wegen Mordes an Peggy verurteilt. Er sitzt in der Geschlossenen, da er als schuldunfähig gilt – Ulvi K. ist geistig behindert, er hat gerade mal einen Intelligenzquotienten von 67. Die meisten in Lichtenberg zweifeln an seiner Schuld. Ausgerechnet dieser Mann soll den perfekten Mord begangen haben? Bei dem er innerhalb von einer knappen Dreiviertelstunde die Leiche spurlos verschwinden ließ? Absurd, finden viele. Darunter Gudrun Rödel, die seinerzeit eine Art Bürgerinitiative ins Leben gerufen hatte, um Ulvi K.s Unschuld zu beweisen. Erst vor kurzem hat ein Anwalt in ihrem Auftrag ein Wiederaufnahmegesuch gestellt. Das Verfahren soll neu aufgerollt werden. Zumal Ulvi K. ein Alibi für den fraglichen Nachmittag hat. Er sei mit dem Rentner Dieter Teichmann zum Holzmachen verabredet gewesen. Teichmann, der Entlastungszeuge, sagt deutlich: „Ulvi war es nicht.“

Gudrun Rödel hofft nun, dass die Ermittler diesmal Erfolg haben. „Wenn man das Mädchen jetzt finden würde – das wäre für Ulvi entlastend“, sagt sie am Dienstagnachmittag. Sie steht vor dem Haus, dessen Grundstück seit 7.30 Uhr in der Früh umgegraben wird. Neben ihr: die Bürgermeisterin des Ortes, Elke Beyer. „Der Fall Peggy ist wieder präsent – in den Köpfen und in den Gefühlen der Menschen“, sagt sie. Bei jedem würden jetzt „Emotionen hochkommen“.

Als später Ulvi K.s Vater vorbeiläuft, stürmen die Journalisten auf ihn zu. Doch er winkt ab, will nichts sagen. „Wir warten alle auf Antworten“, sagt ein Mann. Denn bis jetzt gibt es vor allem Fragen.

Von Barbara Nazarewska

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