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Jahrelange Recherche steckt in dem Buch, das die Journalisten Christoph Lemmer und Ina Jung über den Fall der vermissten Peggy geschrieben haben.

Buch über mysteriösen Fall

Peggy: Die Geschichte eines Skandals

München - Sie sind überzeugt: Im "Fall Peggy" wurde ein Unschuldiger zu lebenslanger Haft verurteilt. Zwei Journalisten haben recherchiert und ein Buch über den Fall geschrieben. Es ist eine unglaubliche Geschichte.

Als fiktiver Kriminalroman wäre das Buch wahrscheinlich schon am ersten Lektor gescheitert. Es klingt wie ausgedacht. Ein kleines Mädchen verschwindet, es gibt kein Motiv, es gibt keine Spur, es gibt keine Leiche. Aber die Polizei findet trotzdem einen Mörder.

2004 wird der geistig zurückgebliebene Gastwirtssohn Ulvi K. verurteilt. Das Geständnis, das er abgelegt hat, ist auf dubiose Weise zustande gekommen – vieles spricht dafür, dass er die neunjährige Peggy aus Lichtenberg im Kreis Hof nicht umgebracht haben kann. Und: „Er ist gewalttätig nie aufgefallen“, sagt Ina Jung.

Sie ist Journalistin und hat den Fall Peggy gemeinsam mit ihrem Kollegen Christoph Lemmer über Jahre intensiv recherchiert. Dabei ist das Buch entstanden. „Der Fall Peggy“ – die Geschichte eines Skandals lautet der Untertitel. Als Skandal bezeichnen die beiden Journalisten, wie in dem Fall ermittelt worden ist. „Es gab nie einen Moment, in dem die Polizei überzeugt war, dass Ulvi der Täter ist“, sagt Ina Jung. „Er war ein willkommenes Opfer, um den Fall voranzubringen.“ Als der Druck der Öffentlichkeit zu groß wurde, als eine Spur nach der anderen ins Leere führte.

Der damalige Innenminister Günther Beckstein setzte einen neuen Soko-Chef ein, die Ermittler wandten eineumstrittene Verhörmethode aus den USA an. Schließlich soll Ulvi K. gestanden haben. Bei der einzigen Vernehmung ohne seinen Anwalt. Bei der auch noch das Tonbandgerät ausgefallen war. Vorher und nachher hatte er immer wieder bestritten, Peggy getötet zu haben. Und er hatte auch ein Alibi – denn nach der Aussage zweier Schulfreunde hatte Peggy am Nachmittag des 7. Mai 2001 noch gelebt. Zu einem Zeitpunkt, an dem sie laut Urteil bereits hätte tot sein müssen, wenn Ulvi ihr Mörder war. Doch die beiden neunjährigen Buben zogen ihre detaillierten Aussagen fünf Wochen nach Peggys Verschwinden zurück.

Was bei den neuen Verhören passierte, hält die Polizei bis heute unter Verschluss. Lemmer und Jung haben versucht, es herauszufinden. Sie trafen sich mit den beiden Jugendlichen. Beide erzählten ihnen, die Polizei habe sie damals einzeln vernommen, ohne Eltern. Sie hätten beiden erzählt, der jeweils andere habe zugegeben, dass die ersten Aussage eine Lüge war. Danach hätten sie Angst bekommen und die Aussage zurückgenommen.

Beide betonten bei den Treffen, ihre erste Aussage war die Wahrheit. Ohne die erzwungene Falschaussage wäre der Prozess gegen Ulvi K. vielleicht anders ausgegangen, mutmaßen Lemmer und Jung in ihrem Buch.

Ulvi K. lebt seit damals in der forensischen Psychiatrie in Bayreuth, sein Anwalt hat einen Wiederaufnahmeantrag gestellt über den in diesen Monat entschieden werden soll. Die Zweifel, ob Ulvi K. Peggy damals ermordet hat, sind seit einigen Wochen größer denn je. Seit ein Mann aus Halle ins Visier der Ermittler gerückt ist.

Er ist ein Verwandter der damaligen Nachbarn, war vor Peggys Verschwinden mehrmals zu Besuch in Lichtenberg – und schon damals verdächtig, sagt Christoph Lemmer. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass sein Alibi falsch ist. Und inzwischen ist er wegen drei Fällen von Kindesmissbrauch aktenkundig geworden. Er sitzt in Halle in Haft. „Auf der Rückfahrt von einem Verhör in Bayern hat er im Auto der Polizei einen weiteren Kindesmissbrauchsfall zugegeben, von dem die Polizei bislang nichts wusste“, sagt Christoph Lemmer. „Im Fall Peggy mauert er bisher.“ Doch im Gegensatz zu Ulvi K. gebe es gegen ihn handfeste Indizien.

Hier sucht die Polizei nach Peggys Leiche

Hier sucht die Polizei nach Peggys Leiche

„Wenn Ulvi nicht der Mörder von Peggy war, dann war er einfach zur falschen Zeit am falschen Ort“, schreiben Lemmer und Jung im Epilog ihres Buches. „Aber dass das genügen könnte, dass einer lebenslänglich wegen Mordes bekommt, ist ein verstörender Gedanke.“

Von Katrin Woitsch

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