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Mit einer Rose in der Hand sitzt Ulvi K. (rechts) am zweiten Prozesstag neben seinem Verteidiger Michael Euler.

Zweiter Verhandlungstag

Fall Peggy: Chef-Ermittler kannte wichtige Akte nicht

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Bayreuth - Tag Zwei im neuen Peggy-Prozess: Die Polizei verteidigt ihre Ermittlungen – doch es wird immer deutlicher, dass Ulvi K. eigentlich nicht der Mörder des Mädchens gewesen sein kann.

Ulvi K. lehnt an einem Baum. Er raucht, schnauft, lächelt. Gerade hat er sich einen Hang hinaufgekämpft. Hier, im Wald, will er den Polizisten zeigen, was sie suchen: die Leiche von Peggy, dem vermissten Mädchen aus Lichtenberg. „Die Leiche habt ihr da hinten abgelegt?“, fragt ein Beamter. Der dicke Ulvi keucht in die Kamera: „Ja.“ Bloß: Die Beamten finden nichts. Von Peggy fehlt bis heute jede Spur.

Tag zwei im Wiederaufnahmeverfahren, Justizpalast Bayreuth: Ulvi K., der 2001 Peggy umgebracht haben soll, sitzt ganz in Schwarz gekleidet im Gerichtssaal. Hier wird seit Donnerstag neu verhandelt, ob der geistig Behinderte der Täter ist. Drei Videos werden an diesem Verhandlungstag gezeigt, in zwei stellen Polizisten mit Ulvi K. den vermeintlichen Tathergang. K., jetzt 36, schaut aufmerksam zu. Als der letzte Film vorbei ist, sagt er zu seiner Betreuerin: „Super, dass ich die Kripo so richtig verarscht hab.“ Dann grinst er wie ein Kind. Die Bayreuther Richter wollen ganz genau wissen, warum die Ermittler damals sicher waren, Ulvi sei Peggys Mörder – es geht auch um den Ruf der Justiz. Beharrlich fragt die Kammer um den Vorsitzenden Richter Michael Eckstein bei einem Zeugen nach, der normalerweise selbst verhört: Wolfgang Geier, einst Chef der zweiten Sonderkommission Peggy.

Als Geiers Ermittlergruppe den Fall im Februar 2002 auf Befehl des Innenministeriums übernimmt, ist Peggy schon fast ein Jahr verschwunden. Die erste Soko war erfolglos, jetzt sollen alle 4017 Spuren erneut überprüft werden. 13 Tatverdächtige gibt es zu dem Zeitpunkt. Doch alle außer Ulvi hätten ein Alibi gehabt. Und keiner, so beteuert Kriminaldirektor Geier, hatte ein eindeutiges Motiv. Außer Ulvi K., der Peggy vier Tage vor ihrem Verschwinden missbraucht haben soll. Und der hatte den Mord schließlich auch gestanden. Nur: Was ist das Geständnis eines Schwachsinnigen mit blühender Fantasie wert?

Vier verschiedene Tat-Versionen präsentiert Ulvi den Ermittlern damals – der Polizei muss aufgefallen sein, dass er Dinge erzählt, die nicht stimmen können. Das wird im Prozess schon nach kurzer Zeit klar. In den Videos von den Tatrekonstruktionen im Sommer 2002 zum Beispiel. Ulvi K. plappert oft das im Polizeideutsch nach, was ihm die Beamten durch ihre ungeschickt suggestive Fragestellung vorgeben. „Und dann hat die Peggy ,Hilfe‘ geschrien?“ „Ja, dann hat sie ,Hilfe‘ geschrien.“ Wird er nach dem Wetter vom Tattag gefragt, sagt er: „Wie heute.“ Am Drehtag ist es heiß, die Sonne brennt vom Himmel. Der Tattag war kühl, grau. Auch die Angaben zu Komplizen gehen auseinander: In einem Video erzählt er, ein Kumpel habe ihm geholfen, Peggys Leiche zu verstecken. Im anderen ist es sein Vater.

Ulvi erzählt, Peggy sei mit ihrem Ranzen in der Hand vor ihm davongerannt – war der nicht voll mit Büchern und schwer? Noch dazu: Ulvi war damals schon sehr füllig, starker Raucher. Konnte er einem neunjährigen Kind minutenlang hinterherrennen? Und hatte er dann, nach Peggys Sturz, noch die Kraft, die Leiche über das steile, steinige Geländer zu schleppen? In den Videos keucht Ulvi vor Anstrengung, wenn er nur geht. „Haben Sie das mal in Frage gestellt“, fragt der Richter? Die Antworten des Chef-Ermittlers sind ausweichend.

Vielleicht zweifelten die Beamten am Anfang an der Schuld Ulvis – doch dann ändert eine überraschende Zeugenaussage alles. Die Frau aus Lichtenberg gibt im Mai 2002 an, also ein Jahr nach Peggys Verschwinden, dass sie Ulvi K. am Tattag im Ort gesehen hat. Das ist wichtig, weil er nur dann als Täter in Frage kommen kann. Bei einer früheren Vernehmung hatte die Zeugin noch das Gegenteil behauptet – und es gibt mehr als ein Dutzend Zeugen, die Ulvi nicht sahen. Doch die Frau beharrt jetzt auf ihrer Beobachtung. Sie könne sich gut an den Tag erinnern, weil es der Geburtstag ihres Sohnes war. Warum kommt ihre Erinnerung so spät?

Fakt ist: Als sie ihre zweite Aussage macht, steht ihr Sohn unter Verdacht, Peggy getötet zu haben. Später werden die Ermittlungen gegen den 24-Jährigen eingestellt. „Das ist keine unproblematische Zeugin“, sagt Staatsanwältin Sandra Staade zum Ex-Soko-Chef. Die Frage, ob die Lichtenbergerin Hauptbelastungszeugin gewesen sei, beantwortet Geier jetzt zögerlich – doch am Ende mit einem Ja.

Früher am Verhandlungstag sagt Fallanalytiker Alexander Horn aus – er ist ein bayerischer Vorzeigepolizist, war sogar schon mal beim FBI. Er entwirft damals ein Tathergangsszenario für die erste Soko. Und zwar auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten, so arbeiten Fallanalytiker. Es ist zum Beispiel sehr wahrscheinlich, so schildert er es vor Gericht, dass verschwundene Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren Opfer eines Sexualdelikts werden. „Häufig kommt es zu einem Angriff auf den Hals“, sagt Horn. Und: Kinderleichen werden besonders häufig „erfolgreich beseitigt“ – weil sie so leicht seien.

Mit diesem Szenario suchte die Polizei Peggys Mörder. Was Ulvi gestanden hat, klingt dem sehr ähnlich. Ex-Chef-Ermittler Geier sagt am Freitag aus: „Dass ein solches Szenario erstellt wurde, ist mir selbst neu.“ Er wisse erst seit einigen Wochen davon.

Von Carina Lechner

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