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Der erste Prozesstag

Fall Peggy: „Das war ein fehlerhaftes Urteil“

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Bayreuth - Ein falsches Geständnis, Zeugen, die von der Polizei unter Druck gesetzt wurden – und ein Tatverdächtiger, der ein Meister fantastischer Geschichten ist: Kann Ulvi K. der Mörder von der kleinen Peggy sein? Der erste Prozesstag wirft viele Fragen auf.

Als Ulvi K. am Donnerstag, 8.25 Uhr, den Sitzungssaal im Justizpalast Bayreuth betritt, klatschen Zuschauer. Ulvi K. trägt ein beiges Sakko, Jeans, Pünktchen-Krawatte – und lächelt. Er streckt den Rücken durch, schreitet im Blitzlicht der Fotografen zu seinem Stuhl. Seit 13 Jahren ist er eingesperrt, in der Psychiatrie. Heute hat er seinen großen Auftritt. Heute beginnt der Prozess, der die Geschichte von Ulvi K., dem verurteilten Mörder, vielleicht neu schreibt: das Wiederaufnahmeverfahren im Fall Peggy.

Ulvi K., 36, ist geistig behindert. Im Bezirkskrankenhaus Bayreuth bringen sie ihm noch immer Lesen und Schreiben bei. Sein Intelligenzquotient liegt bei 67, das ist sehr niedrig, manche sagen an der Grenze zum Schwachsinn. Und trotzdem soll Ulvi K. ein Verbrechen begangen haben, das zu den geheimnisvollsten der deutschen Kriminalgeschichte zählt: Am 7. Mai 2001, so steht es im Urteil des ersten Prozesses, soll Ulvi K. in seinem Heimatort Lichtenberg, Kreis Hof, ein Kind ermordet haben. Peggy, das Mädchen mit den blauen Augen und den blonden Haaren, das vergangenen Sonntag 22 geworden wäre. Ihre Leiche wurde nie gefunden, auch nicht ihre Kleidung oder ihr pinker Schulranzen. Ein perfekter Mord, ohne Leiche, ohne Spuren – begangen von einem übergewichtigen Kerl, der zum Tatzeitpunkt auf dem geistigen Stand eines 10-Jährigen war?

„Das war ein fehlerhaftes Urteil“, sagt Michael Euler, der Verteidiger von Ulvi K. Er liest eine Erklärung vor, eine Stunde lang. Sein Mandant selbst beantwortet mit krächzender Stimme nur die Fragen des Richters nach seinem Namen und Geburtstag. Sonst schweigt Ulvi K., sitzt reglos auf dem Stuhl, bohrt nur seine Schuhspitzen in den Boden. Ulvi K. hört still zu, wie sein Anwalt erst über sein Leben spricht, erklärt, weshalb sein Mandant kein Mörder ist.

Ulvi K. kommt als gesundes Kind zur Welt, doch mit drei Jahren erkrankt er an einer Hirnhautentzündung, liegt zwei Monate im Krankenhaus. Als der Bub wieder heimkommt, ist er geistig behindert. Ulvi hat vier Geschwister, er ist der Jüngste. Der Vater arbeitet für eine Elektronikfirma, die Mutter ist Gastwirtin. Um die Schlossklause, die Vereinsgaststätte des TSV Lichtenberg, zu übernehmen, ziehen die K.s in den 1200-Seelen-Ort im Frankenwald. Ein Dorf, in dem die Menschen zusammenhalten, zumindest behaupten sie das.

Die K.s leben noch immer dort. Die Eltern haben damals nicht viel Zeit für Ulvi. Als Kind geht er auf die Sonderschule, später arbeitet er in einer Behindertenwerkstatt. Doch weil er da kaum Geld verdient, schmeißt er hin. Von nun an jobbt er in der Schlossklause – für 325 Mark im Monat trägt er Essen und Getränke an die Tische. Ansonsten lebt Ulvi K. in den Tag hinein.

Er schläft bis mittags, bis tief in die Nacht hängt er vor dem Fernseher, sieht sich Kriminalserien an. Jeder im Dorf kennt ihn – manchen hilft er beim Holzhacken, viele mögen ihn. Und trotzdem ist Ulvi der „Dorfdepp“, sagt sein Anwalt. Kinder im Ort hänseln ihn auf der Straße. Manchmal bedrängen sie ihn, wollen, dass er „ihn“ auspackt, seinen Penis. Oft zieht sich Ulvi wirklich aus, ein paar Mal kommt es wohl zu Berührungen. Nicht immer schreiten Eltern ein, wenn sie davon hören.

Im ersten Mordprozess sagte Ulvi K.s damaliger Anwalt einmal: Die Grenze zwischen der Integration eines geistig Behinderten und dem Schutz der Kinder habe man im Ort nicht erkannt. Doch blieb es bei Entblößungen, Tatschereien? Oder kam es zu schwerem sexuellen Missbrauch? Vergewaltigte Ulvi K. Peggy? Und brachte er sie um, weil er das vertuschen wollte?

Im Urteil vom April 2004 steht es so drin. Der Staatsanwalt liest die Anklageschrift von damals vor. Keine drei Meter entfernt von ihm sitzt eine dünne Frau mit dunkel gefärbten Haaren und einem von Jahren der Ungewissheit gezeichneten Gesicht. Es ist Peggys Mutter Susanne Knobloch, die Nebenklägerin. Als der Staatsanwalt beschreibt, was Ulvi K. mit Peggy angestellt haben soll, richtet sie ihre blauen Augen auf die Tischplatte. Die blauen Augen, die sie ihrer Tochter vererbt hat. Der Prozess, der für Ulvi K. eine zweite Chance ist, muss für Susanne Knobloch ein Spießrutenlauf sein. Eine halbe Stunde zuvor ist sie durch dieselbe Tür in den Gerichtssaal gekommen wie Ulvi K. Sie legt ihre Tasche ab, geht zu Ulvi K., reicht ihm ihre schmale Hand und schüttelt seine Pranke. Dann kehrt sie zurück an ihren Platz, die Lippen aufeinandergepresst. Hat sie soeben den Mörder ihrer Tochter begrüßt? Oder einen Unschuldigen?

Anzeichen dafür, dass Ulvi K. ein Justizopfer ist, gibt es mehrere. Ulvi K. legte vier Geständnisse ab – jedes ist anders. Mal lässt er selbst Peggys Leiche in einem tiefen Loch verschwinden. Mal hilft ihm ein Kumpel, mal der Vater. Und schließlich sagte Ulvi K., er habe sich die ganze Sache nur ausgedacht. Er wollte Ruhe haben vor der Polizei, vor den Vernehmungen, nach denen er immer „fix und fertig“ gewesen sei. Ulvi K., das wird an diesem ersten Prozesstag klar, ist ein Geschichtenerzähler. Einer, der trotz seiner Behinderung viel Fantasie hat, seine Erzählungen ausschmückt. Das belegen auch Gutachten.

Ulvi K.s Verteidiger Euler ist sicher, die Polizei hat die Geständnisse erzwungen: Die Beamten hätten K. dafür Pizza und Schokolade versprochen. Und dass er nicht ins Gefängnis müsse, wenn er den Mord an Peggy zugebe. Euler wirft den Polizisten sogar Foltermethoden vor. Staatsanwältin Sandra Staade weist das scharf zurück: „Sie haben sich wohl im Ton vergriffen“, giftet sie Euler an. Der zweite Staatsanwalt sagt später: „Wir sind nicht da, um die Fehler aus der Vergangenheit zu decken.“ Doch eine Zeugenaussage legt nahe, dass es wohl zu Übergriffen kam.

Den Verdacht gab es schon vor Jahren, ein Ermittlungsrichter vernahm Ulvi K. damals. Am Donnerstagvormittag schildert er vor Gericht, was ihm K. erzählt habe: dass ein Polizist mit dem Daumen unter sein Schlüsselbein drückte. „Herr K. sagte, das habe wehgetan.“ Derselbe Richter sprach auch mit jenem Zeugen, dem Ulvi K. in der Psychiatrie angeblich von dem Mord an der neunjährigen Peggy erzählt hatte: mit Peter H., der inzwischen an einem Gehirntumor verstorben ist. Doch vor seinem Tod erleichterte dieser sein Gewissen, gestand eine Lüge: Er habe der Polizei von Ulvi K.s Geständnis nur erzählt, weil ihm als Gegenleistung Freiheit versprochen worden sei. Für Ulvi K. kam das zu spät: Die Aussage spielte eine wichtige Rolle bei seiner Verurteilung. Zeugen, die Ulvi entlasten können, wurden damals nicht gehört.

Zeugen, die Peggy am Nachmittag im Dorf sahen, zu einer Uhrzeit, als sie nach der Theorie der Polizei schon tot war. Steffen R. und Jörg D. etwa. Sie beobachteten, wie das Mädchen gegen 15 Uhr in das Auto eines Mannes stieg. Das erzählen sie gestern dem Gericht. An Details können sie sich nicht erinnern, so hartnäckig die Staatsanwältin auch nachfragt. Aber das mit dem Auto sei die Wahrheit. Nur auf Druck der Polizei hätten sie damals ihre Aussagen zurückgezogen. Die beiden leben noch immer in Lichtenberg. Der eine ist Student, der andere Handwerker. Einst gingen sie mit Peggy in eine Klasse.

Peggys Mutter hört den Erzählungen aufmerksam zu. Im Zuschauerraum, weit hinter Susanne Knobloch, sitzt Peggys leiblicher Vater, ein großer Mann mit strähnigem Pferdeschwanz. In den Pausen gibt er Interviews, zeigt ein Bild in die Kameras. Darauf ist eine hübsche Frau zu sehen, Anfang 20. Sie lächelt. Eine Computeranimation: Peggy, wie sie aussehen könnte, wenn sie noch lebt.

Carina Lechner

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