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Das Waldstück nahe Rodacherbrunn in Thüringen, in dem das Skelett von Peggy und eine DNA-Spur von Uwe Böhnhardt gefunden wurde.

Besteht Zusammenhang zum NSU?

Fall Peggy: Die Spur führt in den braunen Sumpf

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Lichtenberg – Wieder schaut alle Welt auf Lichtenberg: Die Bewohner des kleinen Ortes hoffen, dass die neueste Spur im Fall Peggy endlich Klarheit bringt. Diese Spur hat es in sich – steckt tatsächlich die rechtsextreme Terrorgruppe NSU hinter dem Mädchenmord?

Zwischen den Bäumen im Wald, wo die Knochen von Peggy gefunden wurden und jetzt der Morgen aufzieht, herrscht Stille. Das Treiben in Lichtenberg geht da gerade los. Dort hat die vor 15 Jahren verschwundene Schülerin gelebt. Jeder, der zum Bäcker geht und seine Frühstückssemmeln holt, wird von Journalisten angesprochen. Immer wieder blickt die Öffentlichkeit auf diese kleine Stadt in Oberfranken: Wenn sich das Verschwinden der Neunjährigen jährt oder wenn eine neue Spur auftaucht. Wie jetzt.

Im Mai 2001 verschwunden: Peggy Knobloch, die damals neun Jahre alt war.

Die neueste Spur ist DNA von Uwe Böhnhardt, dem Rechtsterroristen des selbst ernannten „Nationalsozialistischen Untergrunds“. Dem früheren Geliebten von Beate Zschäpe. NSU und Peggy: Das klingt so absurd, so unwahrscheinlich, einem Filmregisseur würde man diese Wendung auf keinen Fall abnehmen, der Realität womöglich schon. So würden zwei der spektakulärsten deutschen Kriminalfälle der letzten Jahrzehnte plötzlich zu einem Fall. „Es wäre herrlich, wenn’s jetzt klar wär’“, sagt die Lichtenbergerin Petra-Dagmar Meister, die Peggy zwar nicht persönlich kannte, aber wie jeder hier ihre Geschichte kennt. „Für den Ort wäre es gut. Es hat so viele Gerüchte gegeben.“

Noch steht nicht fest, ob die Spur zu Böhnhardt, der sich im November 2011 mit seinem Komplizen Uwe Mundlos selbst getötet hat, zu einem endgültigen Durchbruch taugt. „Ein Weg aus der Misere“, sagt Bürgermeister Holger Knüppel, könnte diese Spur aber sein. Würde sich bewahrheiten, dass der Rechtsterrorist etwas mit dem Verschwinden der kleinen Peggy zu tun hatte, wäre diese Last weg, diese Frage, ob da in Lichtenberg noch ein Kindermörder unterwegs sei.

Ermittler schließen inzwischen aus, dass es sich bei der Spur zu Böhnhardt um eine Verwechslung oder eine Verunreinigung handelt. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sei eine DNA-Spur von Böhnhardt gesichert worden, sagt der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch. Der Fund habe auch das BKA sehr überrascht. „Der Fall NSU zeigt, dass nichts unmöglich ist.“

Im Untergrund : Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt, dessen DNA bei Peggy entdeckt wurde.

Hier eine zeitliche Einordnung: Die NSU-Morde beginnen im September 2000. Mundlos und Böhnhardt erschießen den Blumenhändler Enver Simsek in Nürnberg. Im Mai 2001 verschwindet die neunjährige Peggy auf dem Heimweg von der Schule, damals ist Böhnhardt 23 Jahre alt. Im Juni 2001 mordet der NSU wieder: Der Türke Abdurrahim Özüdogru wird in seiner Änderungsschneiderei in Nürnberg erschossen, Süleyman Tasköprü stirbt in Hamburg.

Dass die braune NSU-Zelle Verbindungen in seine Stadt gehabt haben könnte, das schließt Bürgermeister Knüppel aus. „Das hätten wir gemerkt, wir haben 1000 Einwohner, 90 Prozent kenne ich persönlich.“ Die Ermittler haben Böhnhardts DNA auf einem winzigen Stück Stoff gefunden, den sie am Fundort von Peggy entdeckten. Auf Teile ihres Skeletts war im Juli ein Pilzsammler gestoßen, 15 Jahre nach dem Verschwinden der Neunjährigen.

Schon einmal fiel Böhnhardts Name im Zusammenhang mit einem Kindsmord, der bis heute nicht aufgeklärt wurde: Jena, 1993, Bernd Beckmann ist neun Jahre alt und besucht die dritte Klasse. Am 6. Juni kommt der Bub nicht nach Hause. Die Mutter findet Bernds Schulranzen vor der Wohnungstür. Zwölf Tage später entdecken Kinder beim Spielen seine Leiche am Ufer der Saale. Bei der Obduktion kommt raus: Der Bub wurde missbraucht und erwürgt. Der Mörder? Bis heute unbekannt. Doch die Polizei findet damals nahe der Leiche einen Außenbootmotor. Er gehört Enrico T., heute Lokführer, damals ein guter Kumpel von Uwe Böhnhardt, der 1977 geboren wurde und damals 15 Jahre alt war. Die beiden waren in der selben Schule, sie ziehen mit Ralf Wohlleben um die Häuser und unternehmen Diebeszüge.

Lichtenberg liegt an der Grenze zu Thüringen, nach Jena ist es mit dem Auto eine Stunde.

Die Polizei kann Enrico T. 1993 keine Verbindung zum Mord an Bernd nachweisen. T. behauptet, das Boot sei ihm zuvor gestohlen worden. Und er sagt noch was: Böhnhardt habe als einziger gewusst, wo es steht. Die Staatsanwaltschaft Gera befragt Böhnhardt als Zeugen, doch mit der Tat bringt sie ihn nicht in Zusammenhang. Enrico T. erzählt Jahre später noch mal von dieser Sache. Er wird vom Bundeskriminalamt verhört, nachdem Böhnhardt tot und der NSU aufgeflogen ist. Enrico T. soll der Terrorzelle geholfen haben, die Ceska-Pistole zu besorgen. Mit ihr wurden neun der zehn Morde begangen. Am Ende des Verhörs sagt Enrico T. völlig überraschend, er vermute, Böhnhardt hatte etwas mit dem toten Kind zu tun und wollte ihm „etwas in die Schuhe schieben“. Zwischen Böhnhardt und T. soll es zum Streit gekommen sein – vielleicht ist das auch nur die späte Rache.

Aber rund um den NSU-Komplex gab es immer wieder Hinweise auf Kindesmissbrauch. Auf dem Computer von Beate Zschäpe hatten Ermittler Kinderpornos entdeckt. Dass die Terroristen nicht nur Nazis waren, sondern womöglich auch in pädophile Gewaltverbrechen verstrickt waren, thematisierten Rainer Fromm und Udo Frank bereits in der TV-Dokumentation „NSU privat. Innenansichten einer Terrorzelle“. NSU-Opferanwalt Yavuz Narin sagt darin, dass ihm die Häufung derartiger Fälle im Umfeld des NSU tatsächlich aufgefallen ist. „Von einem Netzwerk zu sprechen, scheint mir untertrieben. Man müsste von einem Sumpf sprechen.“ Eine Schlüsselfigur der Szene war der umtriebige Neonazi und verurteilte Kinderschänder Tino Brandt, der gerade wegen Missbrauchs von Kindern in 66 Fällen in Haft sitzt. Er baute die rechtsextreme Kameradschaft Thüringer Heimatschutz auf.

1993 in Jena ermordet: Bernd Beckmann. Der Bub war damals neun Jahre alt. AFp (2), dpa (2)

Es gibt noch so eine Merkwürdigkeit in den Akten des NSU-Prozesses: Beim Trio Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt wurden Spuren gefunden, die auf den Kontakt mit Kindern hindeuten. Eine Zeugin sagte 2011 bei der Polizei aus, dass Zschäpe und Böhnhardt ein Wohnmobil bei einem Verleih abholten – und ein Mädchen dabei hatten. Vier oder fünf Jahre, längere blonde Zöpfe. Es soll „Mama“ zu Zschäpe gesagt haben. In dem später ausgebrannten Wohnmobil wurden Kindersachen gefunden, unter anderem eine Sandale. Das Bundeskriminalamt hat sie neu untersucht, aber keine DNA-Spur der toten Peggy gefunden – jedoch Gen-Material eines anderen, bislang unbekannten Mädchens.

Schon vor zwei Wochen hat die Bayreuther Polizei ein Schreiben an Dauercamper des Lichtenberger Campingplatzes geschickt, erzählt einer der Rentner, der dort lebt. Darin sollte er angeben, wer er ist – und ob er bereits im Mai 2001 auf dem Platz war. Damals, als Peggy verschwand. Der Rentner ist seit 1994 hier. Und ja, auch damals sei er da gewesen. „Die haben mich aus dem Mittagsschlaf geklopft“, sagt er, „die Polizisten“. An ein unbekanntes Gesicht, womöglich sogar an Böhnhardt erinnert er sich nicht. Der Campingplatz spielt in den Akten zum Fall Peggy eine Rolle. Zur Tatzeit wurde ein Camper aus Berlin beobachtet, dessen Herkunft nie ermittelt werden konnte. Auch das NSU-Trio war mit einem Campingwagen unterwegs. Ein Zusammenhang? Reine Spekulation. Noch.

Susanne Weiss, Stefan Sessler und Sophie Rohrmeier

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