30. Jahre Sing- und Musizierwoche

Familientreffen der Volksmusik

München – Jedes Jahr trifft sich der Kern der bayerischen Volksmusik in Südtirol. Wastl Fanderl hat sich vor langer Zeit die Singwochen ausgedacht. Heuer steigen seine Erben zum 30. Mal in Klobenstein ab. Musik, Tanz, Riesen-Gaudi – alles inklusive.

Es gab Zeiten, da verstanden die Carabinieri einfach nicht, was das soll. Ein Auto mit bayerischem Kennzeichen nach dem anderen schnaufte da über den Brenner, darin hockten Trachtler auf dem Weg zur Wastl-Fanderl-Singwoche in Südtirol. „Dieses Kostüm gefällt uns nicht“, schimpfte da schon mal ein Beamter. Oder: „Die Einreise in Uniform ist verboten.“ Und sicherheitshalber positionierten die sittenstrengen Südtiroler noch einen Polizisten am Hotel, der sollte drauf achten, dass diese Musikanten keinen Schmarrn machen.

Ach, alte Zeiten, längst vorbei. Heute warten sie in Südtirol schon ganz gespannt drauf, bis die Bayern endlich wieder anreisen. Zur Sing- und Musizierwoche. Ende der 1950er hatte Wastl Fanderl, diese legendäre Volksmusik-Ikone aus dem Chiemgau, musikalische Menschen für ein paar Tage an einem Fleck zusammengetrommelt – bald wurde die Singwoche zu einer festen Institution. Und als Fanderl nach seiner letzten Singwoche 1980 aufhörte, machten viele Gruppen in seinem Sinn weiter. Zum Beispiel der Münchner Kreis für Volksmusik, Lied und Tanz zusammen mit seiner Münchner Schule für Bairische Musik, der Wastl Fanderl Schule.

Am Montagmorgen haben sie sich wieder auf den Weg gemacht, aus München, dem Oberland und dem Chiemgau, aus jeder Ecke Oberbayerns und sogar aus Österreich. 110 Musikbegeisterte, viele Kinder, junge Menschen, Mittelalte und Senioren. Sie haben Harfe, Hackbrett oder Trompete ins Auto gepackt und sind hinuntergekurvt nach Italien, bis nach Klobenstein am Ritten, ins Hotel Bemelmans Post. Dort steigen sie heuer zum 30. Mal für eine Woche ab. Ein kleines Jubiläum der Riesengaudi mit Schullandheim-Charakter – bei der die Musikanten, egal ob blutige Anfänger oder Profis mit Bühnenerfahrung, viel lernen.

Andreas Ruhdorfer zum Beispiel, 25 Jahre alt und einer von vier „Starnberger Fischerbuam“, ist dieses Jahr zum dritten Mal dabei. „Das bringt dich musikalisch wirklich weiter“, sagt er. Der Maschinenbaustudent aus Wangen am Starnberger See spielt Posaune und Tuba. Ruhdorfer und seine drei Kameraden aus Söcking treten etwa 40 Mal im Jahr auf, die Woche in Südtirol nutzen sie zum intensiven Üben. Einzel- oder Gruppenunterricht, Stimmübungen, Chor, Tanzen, Blasmusik – das volle Programm mit namhaften Referenten. Freilich, darum geht es vor allem bei der Sing- und Musizierwoche. Aber es ist das Drumherum, das sie zu einer Herzenssache macht. „Da erlebst du magische Momente“, sagt Moritz Demer, Leiter der Münchner Schule für Bairische Musik und Organisator der Südtirol-Woche.

Vor ein paar Jahren saßen sie gemütlich beinander, der Südtiroler Speck schmeckte hervorragend, der Rotwein noch besser. Wie so oft fing einer am Tisch an zu singen, die anderen fielen ein – und als das Lied zu Ende war, stimmte der nächste ein Stück an. Und so weiter und so fort, sie kamen vom hundertsten ins tausendste. Erst nach drei Stunden machten sie kurz Pause. Die Nächte in Klobenstein sind lustig und lang, ein harter Kern von gut 20 Musikern singt und trinkt sich schon mal fest an der Bar. Lieder wie „Die Musi spielt mit Leichtigkeit, wenn’s ihr nicht fehlt an Feichtigkeit“ oder „Ein Prosit mit harmonischem Klange“ – es gibt sie nicht umsonst. Ins Bett gehen die Standhaften manchmal erst, wenn die Sonne schon über die Südtiroler Berge spitzelt. Manch einer überspringt die Nachtruhe ganz und schwimmt sich stattdessen in der Früh im Schwimmbad ein bisserl munter. „Leichte Ausreißer“, nennt Schulleiter Demer das und lacht. Kein Problem, so lange alles im Rahmen bleibt und das Programm durchgezogen wird – „es braucht sich keiner an der Bettdecke festhalten“, sagt Demer. Wer nicht aus den Federn kommt, bei dem steht schon mal eine Mannschaft Übernächtiger am Bett und weckt ihn mit einem Marsch. Das gehört dazu, das schweißt die Gruppe zusammen. So sehr, dass enge Freundschaften entstehen. Oder Liebschaften. Ein Paar feierte vor zwei Jahren Goldene Hochzeit, zwischen den Eheleuten hatte es auf einer der ersten Singwochen gefunkt.

Auf dem Seminar wird ernsthaft musiziert – doch ohne Zwang. Wastl Fanderls Credo war nicht: „Das musst du jetzt singen.“ Er fragte vielmehr die Leut: „Was wollt’s jetzt singen?“ Und los ging’s. Könnte Fanderl, gestorben im Jahr 1991, die Gaudi in Klobenstein miterleben, er hätte vermutlich gesagt: „Genau so hab ich mir das vorgestellt.“ Er war gegen Lehrgangsatmosphäre und Kurs-Fetischismus, so schreibt es Karl Müller (Wastl Fanderl – Volkskultur im Wandel der Zeit). Fanderl wollte, dass die Musiker „urlaubsmäßig zusammenleben, miteinander singen, reden, tanzen und lustig sind“. Ein großes, herzliches Treffen der Volksmusik-Familie.

Diese Ungezwungenheit fasziniert vor allem die jungen Musiker. Maria Fichtner aus Antdorf (Kreis Weilheim-Schongau) zum Beispiel. Sie ist erst 20 Jahre alt, Teil des „Harfenduos Mareli“ und heuer das dritte Mal dabei. Am Wochenende fahren sie und ihre Freunde schon mal 150 Kilometer, um einen Abend lang Kreuzpolka, Siebenschritt oder einen Boarischen zu tanzen. „Modern gehen wir fast nicht mehr weg“, sagt Maria. Volksmusik mache einfach mehr Spaß – und in Klobenstein ist der Spaß nicht nach einem Abend schon wieder vorbei. Andreas Ruhdorfer von den Starnberger Fischerbuam sagt: „Wenn du nach der Woche wieder daheim bist, und plötzlich ist alles still, dann fällst du in ein Loch.“ Da hilft nur eins: Ran ans Instrument – und üben fürs nächste Mal.

Carina Lechner

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