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Große Faschingsumzüge werden weniger. Die Veranstalter setzen lieber auf Partys. Sie sind leichter zu organisieren.

Veranstalter gehen neue Wege

Ist der Fasching in Bayern noch zu retten?

München - Der Fasching in Bayern hat ein Problem: Die Bälle werden kleiner, die Umzüge weniger und die freiwilligen Helfer fehlen. Schlimmer noch: Die Jugend braucht den Fasching eigentlich gar nicht mehr. Doch so leicht geben sich die Narren nicht geschlagen.

Die Freisinger Straßen bleiben diesen Fasching leer: kein buntes Treiben, kein Umzug, keine Garde, kein Ball. Die Helfer fehlten. Der Präsident der Narrhalla Freising, Stefan Olschewski (48), schmiss entnervt hin, ebenso sein Stellvertreter. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Der Fasching fällt komplett aus in Freising.

Die Domstadt ist kein Einzelfall. Auch in Dachau gibt es keinen Faschingszug mehr. Schon das dritte Jahr. Der Organisationsverein hat sich vor zwei Jahren aufgelöst. An Besuchern hatte es den Dachauern nicht gefehlt. Nur freiwillige Helfer gab es kaum noch. „Der Aufwand war nicht mehr zu stemmen“, sagt Erik Stöhr (48). Der Dachauer hatte den Umzug 13 Jahre lang organisiert.

Peter Steinberger kennt das Problem: „Ein Faschingszug ist mit sehr hohem Aufwand verbunden“, sagt er. „Die Auflagen sind immer weiter gestiegen.“ Der 63-Jährige weiß, wovon er spricht. Der ehemalige Faschingsmuffel ist inzwischen der oberste Narr Oberbayerns: Er ist Präsident des Dachverbands aller oberbayerischen Faschingsgesellschaften und steht damit noch über Ilse Aigner. Sie ist Vizepräsidentin.

Früher sei alles einfacher gewesen, erinnert sich Steinberger. Der Bauhof habe beim Aufbauen geholfen. Die Umzugswagen seien relativ frei losgerollt. Alles war etwas ungezwungener. Dann kam die Love Parade in Duisburg 2010, die mit einer Massenpanik und 21 Toten endete. Ein Grund waren Planungsfehler, ein anderer mangelnde Sicherheitsvorkehrungen. Danach sind die Vorschriften stark verschärft worden.

„Heute brauchen Sie für jeden Umzug einen professionellen Sicherheitsdienst“, sagt Steinberger. Das kostet Geld. „Ohne Sponsoren geht nichts mehr.“ Auch die Vereine, die mitfahren, haben es nicht leicht. Jeder Wagen muss TÜV-geprüft sein, darf nur eine begrenzte Anzahl Mitfahrer aufnehmen und die brauchen alle einen Sitzplatz. Um den Wagen müssen Aufpasser mitgehen, damit niemand unter die Räder kommt. Steinberger: „Da muss man schon Idealismus haben.“

Einer dieser Idealisten ist Holger Fey (40). Er ist Chef des Organisationskomittees für den Fasching in Penzberg (Kreis Weilheim-Schongau). Die Penzberger veranstalten jedes Jahr einen Umzug, den Gaudiwurm. Und nicht nur das: „Elferrat, Garde, Prinzenpaar“, zählt Fey auf, „wir machen fast alles.“ Das hat seinen Preis. „Fasching ist ein Ganzjahresjob.“ Bereits während der Feiertage fängt der Ingenieur mit dem Planen für die nächste Saison an.

Aber ein breites Publikum locken die Penzberger Faschingsbegeisterten nicht mehr an. Etwa 100 Gäste pro Veranstaltung, schätzt Fey, abgesehen vom Umzug. Und es werden weniger, obwohl die 16 000-Einwohner-Gemeinde wächst.

Gerade eine Altersgruppe lässt sich kaum mehr blicken: die Jugend. Von den 16-Jährigen bis zu den Mittzwanzigern sieht man wenige beim Fasching. Nicht nur in Penzberg – überall in Oberbayern.

Ober-Narr Steinberger kennt den Grund: „Die Jugend braucht den Fasching nicht mehr“, sagt er. Themenpartys, Mottoabende, Halloween: „Sie maskieren sich das ganze Jahr“. Und dann ist da natürlich das Oktoberfest. „Da verkleiden sich ja alle.“ Mit Tracht habe das nichts mehr zu tun. Wer braucht da also noch den Fasching?

Früher, da war der Fasching die Party des Jahres. Das große Feiern vor der Fastenzeit und nach dem eher stilleren Weihnachtsfest. Nebenher wurde ein bisschen der Winter vertrieben und der Frühling eingeläutet. Manch eine Faschingssause endete beim Arzt, beim Gendarm oder – vorm Altar. Heute kann jeder jeden Tag Party machen und sich anziehen, wie er mag. Die Ausgelassenheit, der fröhliche Wahnsinn haben kein Datum mehr.

Bei all dem Abgesang darf man nicht vergessen, dass es auch in Oberbayern noch Faschingshochburgen gibt. Dorfen im Kreis Erding ist so ein Kandidat, oder Neubeuern im Kreis Rosenheim. „Dort ist die Hölle los“, schwärmt Steinberger, „da fallen Ihnen die Augen raus. Das ganze Dorf ist da auf den Beinen.“ Am allgemeinen Trend ändert das allerdings wenig.

Aber so schnell will sich die Faschingsgemeinde nicht geschlagen geben. Gegenmaßnahmen müssen her. Der Fasching soll wieder sexy werden. „Nur mit einem Plakat erreichen Sie heute niemanden mehr“, weiß Steinberger. In seiner Stadt will man den Fasching ganz neu aufziehen. Nach vielen Flops in den vergangenen Jahren wollen sie unter dem Motto „Wolfratshausen narrisch“ am 15. Februar nochmal ein großes Open Air Spektakel wagen.

Auch die älteste Faschingsgilde Oberbayerns passt sich an. Die Seegeister aus Gmund am Tegernsee gibt es seit über 130 Jahren. Sie machen inzwischen in Prunksitzungen statt Faschingsbällen. „Das gefällt den Leuten“, sagt Seegeister-Chef Bernd Ettenreich. „Da müssen sie nichts selber machen, nur zuschauen.“ Die Jugend ist aber auch in Gmund eher auf der Bühne als im Publikum.

Doch es gibt noch Hoffnung. Die Dachauer machen inzwischen statt Umzug einfach eine große Party am Rathausplatz – da kommen auch die Jungen. Und die Münchner haben ihren Fasching mit dem Spruch „Fasching hat Herz“ erfolgreich reanimiert. „Das wird auch weiter funktionieren“, ist sich Steinberger sicher. „Der Fasching kommt zurück.“ 

Von Klaus-Maria Mehr

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