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Das Motto der Mühle: alte Frau rein, neue raus. Den Brauch gibt es in Mittenwald schon seit Generationen.

Revival einer uralten Männerfantasie

Faschingsbrauch: Mittenwald wirft die Weibermühle an

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Die einen gehen fremd oder sind alt, die anderen kochen nur per Thermomix. Deshalb landet in Mittenwald so manche Frau in der Weibermühle, wo sie gemahlen wird – und als junge, brave Frau rauskommt. Dieser uralte Faschingsbrauch ist eine uralte Männerfantasie. Jetzt bauen sie die Mühle erstmals wieder auf.

Mittenwald – Matthias Wurmer, 41, steht neben der selbst gebauten, dreimannshohen Mühle, die im Gemeindestadl von Mittenwald auf ihren Einsatz wartet. 18 Jahre war sie nicht mehr in Betrieb. Aber am Faschingssonntag hat sie ihren großen Auftritt. Die ganze Marktgemeinde wartet schon drauf, tausende Menschen werden zur Mühle pilgern. Das will hier zu Fuße des mächtigen Karwendelgebirges keiner verpassen.

Wurmer ist im echten Leben Schreiner und Bergwachtler. An Fasching, also jetzt, ist er der wichtigste Mann in Mittenwald. Er ist der Rächer der enttäuschten Ehemänner, er ist der Frauen-Recycler vom Oberen Isartal – er ist der Müller der Mittenwalder Weibermühle. Wurmer schaut zu dem Mordstrumm Bauwerk neben ihm und sagt: „Alte, schiache Weiber hat’s scho immer gebn auf der Welt.“ Dann grinst er. Denn hier in diesem sagenumwobenen, urwüchsigen, von Bergen umgebenen Ort am äußersten Zipfel von Oberbayern machen sie kurzen Prozess mit unliebsamen, in die Jahre gekommenen Weibsbildern: Sie locken sie an Fasching unter allerlei Vorwänden zur Mühle, werfen sie oben rein, mahlen sie und, Simsalabim, kommen unten hübsche, junge Frauen wieder raus. Anderswo soll es Jungbrunnen geben, in Mittenwald haben sie die Weibermühle. Alte Frau rein, neue raus, Mann glücklich.

Sie haben wieder eine: Ein gut gelaunter Müllersbursche trägt eine alte, schiache Frau zur Weibermühle.

Das mag jetzt aus Frauensicht brutal klingen, hinterhältig, bösartig, vielleicht sogar abstoßend – aber anscheinend hat es sich in der Gegend rund um Mittenwald bewährt. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Einheimischen zum ersten Mal die Weibermühle angeworfen, so steht es in den Chroniken. Außerdem haben sie ihre Frauen in den 1930er-Jahren gemahlen, 1965, 1978 und zuletzt 1999. Einer der Mitwirkenden des diesjährigen Spektakels sagt mit bewundernswertem Ernst: „Das Thema ist so alt wie die Menschheit.“ Er meint damit die Tatsache, dass Frauen und Männer seit Jahrtausenden verschieden sind – und sich die armen Burschen halt irgendwie zur Wehr setzen müssen. Viele der besten je geschriebenen Romane handeln von diesem Thema. Aber in den wenigsten kommt leider eine Weibermühle vor. Diesen seltenen Brauch gibt es in Franken, in Tirol und eben in Mittenwald. Um jetzt keine falschen Gerüchte aufkommen zu lassen: Bei der Weibermühle kommt keine einzige Frau zu Tode, es gibt weder Seelenwanderungen noch anderweitige biblische Wunder. Es handelt sich um ein aufwendiges Theaterstück, selbstverständlich.

Hurra, die schöne, neue Frau ist da! Sie kommt gerade aus der Mühle. Mittenwalder Hex-Hex. So was gibt’s nur hier.

Matthias Wurmer, der Müller, hat mehrere Müllersburschen, die ihm am Faschingssonntag assistieren. Sie werfen die Frauen, die in Wahrheit verkleidete Männer sind, in die Mühle. Jede Frau, die gemahlen wird, hat was anderes auf dem Kerbholz. Die eine kocht nur noch mit dem Thermomix. Alles wird püriert, zerstückelt und eingekocht, aber der Ehemann bekommt einfach nix Gescheites mehr auf den Tisch. Deswegen schickt er sie zur Mühle.

Proben ihre Rollen schon seit Wochen: Es ist eine Ehre, bei der Weibermühle mitzumachen. Aber es ist viel Arbeit.

Eine andere Frau klettert fürs Leben gern, von den Dolomiten bis zum Himalaja ist sie unterwegs – aber daheim bei ihrem Mann, den sie außerdem betrügt, ist sie kaum noch. Auch sie kommt in die Mühle. Genau wie B-Promi-TV-Sternchen Carmen von den Geissens. „Vielleicht mahlen wir auch die Bundeskanzlerin“, sagt Matthias Wurmer. Alles wollen sie noch nicht verraten. 130 Männer machen bei der Mühlen-Gaudi mit, ihre Texte üben sie schon seit Wochen.

Franz Lipp, 36, ist der Vorsitzende des Trachtenvereins. Er spielt die Müllerin, die den Müller bei seinem brutalen Werk unterstützt. „Ich muss die Mühle ölen“, sagt er. Jeder hat seine Aufgabe. Die Rollen waren rasend schnell besetzt. Als sich im Ort rumgesprochen hat, dass es heuer wieder eine Weibermühle gibt, wollten dutzende Männer mitmachen. „So oft im Leben passiert das nicht“, sagt Trachtler-Chef Lipp. Die Mühle ist für Mittenwald in etwa so wie die Passionsspiele für Oberammergau – nur ohne Ans-Kreuz-Nageln. Aber ebenfalls mit Auferstehung.

Kopfüber in die Weibermühle: In der Marktgemeinde im Oberen Isartal machen sie an Fasching kurzen Prozess mit manchen Frauen – sie mahlen sie.

Noch heute erzählen sie sich in der Marktgemeinde sagenhafte Geschichten von längst vergangenen Faschingsfeiern. Einmal haben sie einen der ihren, wie es Brauch ist, in die Mühle gesteckt. Sie haben den als Frau verkleideten Trachtler allerdings so lange kopfüber und mit voller Absicht in die Mühle gehoben, rauf und runter, immer wieder, bis die Unterhose gerutscht ist. Der Trachtler war plötzlich nackert. „2000 Leute haben das gesehen“, sagt Matthias Wurmer, der Müller. „Der war dann ein halbes Jahr lang eingschnappt.“

Ein anderes Mal ist eine echte Frau während der Vorstellung aus der Weibermühle geklettert – es war eine Stripperin. Sie war für den Kassier des Trachtenvereins bestimmt, der noch immer Single war. Seine Spezln wollten ihm einen Streich spielen – und haben die Dame im Tanga gebucht. Die hat plötzlich angefangen, sich vor versammeltem Publikum ganz auszuziehen. Nur dem beherzten Einsatz des damaligen Trachtler-Chefs ist zu verdanken, dass dies nicht passierte. Er schrie aus vollem Leib, nämlich das: „Duad s’as obi.“ Derber Mittenwalder Faschingshumor, die Weibermühle ist nichts für zarte Seelen. War sie noch nie.

Die Müllerin (l.) und der Müller schauen den gemahlenen Frauen nach. Mitleid scheinen beide nicht zu haben. 

Aber wie immer im Leben, so gibt es auch in Mittenwald die Zeit der Rache. Die Rache hat einen Namen: „Kuinhaufn“, auf Hochdeutsch Kohlenhaufen. Auch so ein Faschingsbrauch. Vor einiger Zeit haben die Mittenwalder Frauen ihre missliebigen Mannsbilder kurzerhand zum brennenden Kohlenhaufen bestellt, wo sie kurzen Prozess mit ihnen machten. Motto: „D’Weiber hom a Freid, heit verbrenn’ ma d’ Manndaleit“. Ausgleichende Gerechtigkeit. Und der Beweis dafür, dass sich in Mittenwald seit Generationen schon liebt, was sich wahlweise in die Mühle oder die Kohlen steckt. Das ist fast schon wieder romantisch.

Informationen zur Weibermühle

Die Weibermühle wird am Sonntag in Betrieb genommen. Jeder kann zuschauen. Aufstellung: 12 Uhr am Dekan-Karl-Platz in Mittenwald. Spielbeginn: 13.15 Uhr in der Kuranlage Puit.

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