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Hemadlenzn-Umzug in Dorfen

Faschingsbräuche in Oberbayern

Wenn der Teufel uns narrt

München - Auf den Straßen ist seit Donnerstag der Teufel los: Hexen, Dämonen und Narren feiern den Fasching. Warum sie es so toll treiben? Natürlich um den Winter zu vertreiben, sagen alle. Denkste. In Wahrheit ist das heidnisch wirkende Fest ein christlicher Brauch.

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In der Altstadt drängen sich gespenstische Gestalten. Sie tragen Schlafanzug und Zipfelmütze. Oder Nachthemd und Schlafhaube. Tausende sind es, die durch die Straßen Dorfens ziehen. Einige haben ein Bett auf Rädern mitgebracht. Grölend erwartet die weiße Schar am Marktplatz den Höhepunkt: den Hemadlenz. Der steckt in einem Käfig. „Hängt ihn!“, fordert das Volk. Die Strohpuppe baumelt brennend am Galgen. Verkohlte Fetzen flattern über die jubelnde Menge. 

So treiben es die Narren in Dorfen seit Menschengedenken, heißt es. Und auch heuer kamen sie wieder, um am Unsinnigen Donnerstag in dem Städtchen im Kreis Erding den „Hemadlenz“ zu feiern. Warum er ein Nachthemd trägt, weiß keiner so recht. Doch eines wissen alle sicher: Dass sie mit der Strohpuppe den Winter verbrennen.

„Völlig abwegig“, meint dagegen Professor Dietz-Rüdiger Moser. Der Münchner Volkskundler hat auf der Suche nach alten Faschingsbräuchen ganz Europa durchkämmt. Seitdem ist er überzeugt: Das teuflische Treiben hat einen zutiefst christlichen Ursprung.

Schon die Namen der närrischen Tage verweisen auf christliche Feste: So bezeichnet die Fastnacht die Nacht vor Beginn der Fastenzeit, zu der früher strenge Vorschriften galten. Nicht nur Fleisch, auch Schmalz, Butter und Eier waren tabu. Ehe sich die Gläubigen sechs Wochen kasteiten, wollten sie in den Faschingstagen – im wahrsten Sinne – die Sau rauslassen. „Das hat natürlich eine Ventilfunktion“, sagt Rainer Wehse vom Institut für Volkskunde der Universität München.

Die Kirche wusste das klug zu nutzen. Sie drückte nicht nur ein Auge zu, sondern gab der Narretei eine Deutung. In Straßenumzügen, die es auch in München und Freising gab, führte die Kirche ihren Schäfchen die Welt vor Augen, gegen die sie sich am Aschermittwoch entschieden: Die Welt der Laster und Sünden, die Welt des Todes und des Teufels. Dies war der Ursprung der Faschingsumzüge.

Bunt und sexy: Karneval in aller Welt

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Doch bevor am Aschermittwoch das Unwesen vorbei war, durften es alle noch einmal genießen. „Im Fasching herrscht eine verkehrte Welt“, sagt Wehse. Was sonst verboten ist, ist erlaubt. Was verborgen ist, kommt ans Licht. Beim Hemadlenz wird das Schlafzimmer, der intimste Raum, auf die Straße geholt. Und das nicht nur in Dorfen. In der schwäbisch-allemannischen Fasnacht ziehen die „Hemdglonker“ in vielen Dörfern durch die Straßen. Zahlreiche Bräuche entstanden durch Nachahmung. Das Wissen um die Bedeutung ging dabei oft verloren.

So ist es wohl auch nicht der Winter, der nicht nur in Dorfen, sondern an vielen Orten in Flammen aufgeht. Es ist der Fasching selbst. Denn am Aschermittwoch wird ihm der Garaus gemacht – und mit ihm der verkehrten unchristlichen Narrenwelt.

Ohrenbetäubend beginnt der Fasching dagegen in Mittenwald. Tausende Besucher warten am unsinnigen Donnerstag in der Fußgängerzone auf die Schellenrührer. Das Gesicht mit rotbäckigen Holzmasken verhüllt, läuten diese um Punkt 12 Uhr mit ihren Schellen den Fasching ein. In ihrem Gefolge tummeln sich Hexen, Bärentreiber und Goaßlschnalzer. Alles, um den Winter zu verschrecken. So die geläufige Erklärung.

Doch auch für die Schellen gibt es eine christliche Deutung. Alte Stiche, Gemälde und Texte zeigen den Narren als Gegensatz zum guten Christen. Man erkennt den Narren an seiner typischen Kleidung: Er hat Eselsohren, einen Hahnenkamm und eine Marotte, die ihm sein Ebenbild zeigt – ein Symbol der Eigenliebe. Und fast immer trägt der Narr Schellen, die hohl tönenden Zeichen für den Mangel an christlicher Liebe. Heißt es doch in einem Paulusbrief an die Korinther: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“ 

Nicht ganz klar ist dagegen, was hinter dem „Jacklschutzen“ steckt. Der Brauch ist im Werdenfelser Land verbreitet und wird zum Beispiel in Partenkirchen, Mittenwald und Murnau gepflegt – aber auch an anderen deutschen Orten. Im Mittelpunkt steht das Prellen oder Hochschnellenlassen einer Strohpuppe, und zwar mittels eines Tuchs, an deren Enden jeweils ein Maskierter steht.

In Partenkirchen, wo seit vielen Jahren ein kleiner Kreis zum „Jacklschutzen“ auszieht, wird dabei erst ein Lied gesungen: „Litschga, latschga, lori/ Litschga, latschga, lo/ Der Jackl is in Dreck neigflogn/ Der Jackl putzt sie o.“ Dann fliegt er in die Luft. 

Klar ist: Im alten Rom war das Prellen eine Art von Volksjustiz, eine Strafe für Missetäter. In Kempten war es bis 1525 üblich, am Aschermittwoch einen Lehrjungen vor dem dortigen Stift auf einer Kuhhaut zu prellen – nicht als Strafe, sondern schon als Faschingsgaudi. 

Doch wozu das Ganze? Wohl nicht, um den Winter auszutreiben. Überliefert ist die Deutung, dass man die Puppe vor den Häusern der Mädchen in die Luft beförderte, bei denen man einen Liebhaber vermutete. Für den Partenkirchener Rechtsanwalt Hans Renner, der das Jacklschutzen an diesem Sonntagnachmittag wieder organisiert hat, ist der Hintergrund simpel. „Wir haben halt unsere Gaudi“, sagt er – und dürfte den wichtigsten Grund getroffen haben, warum sich viele Faschingsbräuche so lange erhalten haben.

Eine Gaudi haben sicher auch die Mitglieder der Faschingsgesellschaft in Penzberg. „Er öffnet eine Sektflasche in fünf Sekunden, tanzt wie ein Gott und ist beim weiblichen Geschlecht außerordentlich beliebt“, heißt es von den Mitgliedern des Elferrats. Ein solcher organisiert in vielen Orten Deutschlands das tolle Treiben. Der erste Elferrat entstand wohl 1823 in Köln. Doch ist die Elf seit jeher die Zahl der Narren. Auch sie könnte auf ihr unchristliches Treiben hinweisen. Denn elf – das ist eins mehr als zehn. Die Zahl wurde daher zum Symbol für die Übertretung der zehn Gebote. Selbst in Schiller Drama „Die Piccolomini“ findet sich noch ein Nachhall dieser verbreiteten Interpretation: „Elf! Eine böse Zahl ... Elf ist die Sünde. Elf überschreitet die zehn Gebote.“ Dass der Elferrat in Penzberg rote Unterwäsche tragen muss, passt zur unmoralischen Elf. Schließlich gibt es Anlass, dies regelmäßig zu kontrollieren. 

Doch der Fasching ist noch heute produktiv. Wie ein Brauch geboren wird, zeigt der Fall der Erdinger Moosgeister. Sie entstiegen erst 1983 dem Untergrund. Der frühere Apotheker Walter Schweinberger wollte das erlahmende Erdinger Faschingstreiben wieder anfeuern – mit Erfolg. Seine Hexen und Dämonen, die den Perchten ähneln, versetzen die Besucher der Altstadt in Angst und Entzücken. Ihre Herkunft erklärt eine Legende: Ein Pfarrer bannte den Geist eines schwarzen Kalbes in ein Gefäß und versenkte es im Erdinger Moos. Doch konnte es wieder ausbrechen – zusammen mit den Moosgeistern. Am Faschingsdienstag wird es wieder vertrieben – und mit ihm natürlich der Winter. 

Man müsse den Ursprung des Faschings nicht kennen, um stimmige Bräuche zu erschaffen, liest man in „Fasnacht-Fasching-Karneval“ von Moser. Vielleicht heißt es in hundert Jahren auch von den Moosgeistern, dass sie seit Menschengedenken ihr Unwesen treiben.  

Sonja Gibis und Robert Arsenschek

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