Susanne Breit-Keßler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.
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Susanne Breit-Keßler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Dem Leben in Pandemie-Zeiten neuen Spielraum geben

Fasten fasten - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Mal Fasten fasten wäre eine gute Sache, vor allem in diesem Jahr. Zwölf Monate Corona ´rauf und ´runter mit all dem dazugehörigen Verzicht. Nichts ist es mit Freunde treffen, Essen gehen, verreisen.

Zahllose Debatten über die Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen, manchmal giftige Polemik, öfter Versuche, aufeinander zuzugehen und miteinander einen guten Weg zu finden. Bei all den Anstrengungen auch noch persönlich fasten, Dinge sein lassen, die einem so richtig Vergnügen bereiten? Das scheint wahrlich zu viel verlangt.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat, vor Corona, ein Motto kreiert, dass passgenau für die Wochen bis Ostern ist. „Spielraum! 7 Wochen ohne Blockaden“ ist die Devise, mit der rund drei Millionen Menschen heuer ihre Fastenzeit gestalten werden. Hat man selbst keine Ideen, wie das aussehen könnte, lassen sich im Internet auf den entsprechenden Seiten Anregungen finden. Zugegeben: Das ändert die Großwetterlage samt allen Problemen und Herausforderungen leider nicht – da muss noch viel geschafft werden, um Mensch und Gesellschaft wieder aufzuhelfen.

Blockaden wegräumen: Ein Anfang, um neue Kräfte zu sammeln

Aber Blockaden wegzuräumen, um im Kleinen etwas Spielraum für sich selbst zu gewinnen, mag immerhin ein Anfang sein, um neue Kräfte zu sammeln. Fasten heißt dann nicht, auf Angenehmes zu verzichten, was wir sowieso müssen. Fasten wäre der Versuch, nicht allein auf die Defizite zu starren, auf das, was alles nicht geht. Sondern sich auszuprobieren in manchem, was man noch nicht gemacht hat. Kochen, Gedichte schreiben, Sport im Freien, Heimwerken, zuhause richtig Ausmisten. Nein, das ist kein harmloses Getändel. Etwas anzufangen bedeutet Aufbruch.

Das Leben ohne Blockaden, ohne innere Vorsichtsmaßnahmen anzuschauen, macht frei. Was ist Kunst und schön? Was kann weg, weil es mich belastet, mich blockiert? Wer so weit kommt, der hat dann auch die Energie, noch weiter zu denken und zu handeln. Welche Gedanken braucht der politische und gesellschaftliche Diskurs, um in Pandemie-Zeiten voranzukommen? Spielraum. Ohne Blockaden. Das bedeutet nicht, herumzuschreien mit Blick auf Außenwirkung, andere verbal ohne jede Hemmung zu attackieren in der irrigen Meinung, nur man selbst habe recht.

Im Alten Testament spielt die Weisheit täglich vor Gott. Wirklich weise ist, wer jongliert mit Einsichten und Erkenntnissen. Wer sie nachdenklich abgleicht mit anderen. Wie wäre es etwa damit, wie der Philosoph Nida-Rümelin fordert, mit klugen Hygienekonzepten Museen zu öffnen, kleine Galerien, um der zarten und derzeit auch oft verletzten Seele neue Nahrung zu geben? Neben praktischen Taten, die nötig sind, um dem Leben neuen Spielraum zu geben, braucht es Sensibilität, feinen Geist – und auch mal leisere Töne. Die kommen einfach besser an.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.

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