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Unkontrolliert: Viele Jugendliche surfen bedenkenlos im Internet.

Soziale Netzwerke

Fehlender Surfunterricht

München - Chatten, posten, teilen – viele Jugendliche bewegen sich unkontrolliert auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken. Hilfe von den Eltern gibt es kaum – das Hintergrundwissen fehlt.

Er hat 500 Facebook-Freunde – und das mit zwölf Jahren. Der Schüler am Münchner Erasmus Grasser Gymnasium hat als letzter die Hand im Klassenzimmer oben. Am Anfang konnten seine Klassenkameraden noch mithalten. Zehn? Blitzschnell schießen die Hände nach oben. 20? Eine lächerliche Zahl. 30? Die Ersten ziehen zurück. Mehr als 40? Viele Arme verschwinden. Dass er mit Abstand die meisten Freunde hat, darauf ist der Bub sichtlich stolz. Persönlich kennt er die wenigsten. Aber das ist egal. Hauptsache man hat genug. Denn das schindet erstens Eindruck und ist zweitens einfach „cool“.

Fast jeder der rund 60 Schüler im Klassenzimmer besitzt ein Facebook-Profil. „Wer ist regelmäßig im Internet unterwegs?“, fragt Daniela Duda, die an diesem Tag für zwei Stunden den Lehrer ersetzt. Duda gehört zum Berufsverband der Datenschutzbeauftragten (BvD). Dieser engagiert sich mit der Aktion „Datenschutz geht zur Schule“ für die Sicherheit von Jugendlichen im Netz.

In der Münchner Schule recken die Elf- und Zwölfjährigen ihre Hände nach oben. Egal ob chatten, posten oder teilen – für Kinder und Jugendliche gehören diese Begriffe zum Alltag. Sie wachsen damit auf.

Zwei Schulstunden nimmt sich Duda für die Sechst- und Siebtklässler des Gymnasiums Zeit. Technisch beherrschen die jungen User den Umgang schon perfekt. Filme runterladen, einkaufen im Internet – „Amazon, Zalando“ schallt es der Datenschutzexpertin entgegen – alles überhaupt kein Thema. Duda fühlt den Schülern auf den Zahn: „Wisst ihr, wie sich Facebook finanziert?“ – „Über Werbung“, die schnelle Antwort. Sogar, warum welche Art von Werbung auf einem Profil zu sehen ist, erklären die Kinder der verblüfften Dozentin. Die Datenschutzbeauftragte versucht in kurzer Zeit, möglichst viel anzusprechen. Das geht von der richtigen Länge von Passwörtern bis hin zum Thema Cybermobbing.

„Hat denn schon mal jemand etwas Böses oder Gemeines über andere im Internet geschrieben oder jemandem auf die Pinnwand gepostet?“ Vereinzelt gehen die Arme nach oben. Erzählen, was genau geschrieben wurde und das an der Tafel wiederholen, will niemand. „Normalerweise traut sich keiner rauszukommen“, erzählt Duda aus Erfahrung. Doch ein Elfjähriger belehrt sie diesmal eines Besseren. Der Bub marschiert raus und schreibt „Pommes-Panzer“ an die Tafel. Diese Beleidigung hätte er einem etwas dickeren Mädchen „auf die Pinnwand gepostet“. Gelächter bei den Schülern, kurze Sprachlosigkeit bei Duda. „Da sieht man, wie gering bei einigen die Hemmschwelle ist.“ Bei manchen scheint diese gar nicht vorhanden zu sein. „Spiegel-Online“ berichtete über einen Fall von Cybermobbing, in dem ein Mädchen aus Bayern die Schule wechseln musste. „Du nervst, geh sterben, du bist so hässlich“, schrieb ihr ein Klassenkamerad. Zusätzlich wurde die 14-Jährige auch in der Schule fertiggemacht. „Es fing damit an, dass sie mir vor die Füße spuckten und mich schubsten“, erzählt sie. Die Beleidigungen an der Schule wanderten weiter ins Netz.

Dass beleidigende oder peinliche Bemerkungen nicht ohne weiteres gelöscht werden können, hält die wenigsten jungen Surfer ab. „Das sieht doch nur derjenige“, sagt ein Mädchen im Klassenzimmer des Erasmus Grasser Gymnasiums. Ihre Mitschüler stimmen zu. „Das stimmt vielleicht heute“, mahnt Duda. „Aber was ist, wenn die Einstellungsmöglichkeiten von den Betreibern geändert werden? Bekommt Ihr das mit?“ – Schweigen. Duda gibt ihren jungen Zuhörern den Tipp: „Alles, was ihr ins Internet reinschreibt, sollte etwas sein, worauf ihr auch in drei Jahren noch stolz sein könnt.“

Um das zu begreifen, brauchen die Mädchen und Buben Hilfe. Von Mama und Papa? Schwierig. Denn die können mit dem Wissen ihrer Kinder oft nicht mehr mithalten. Chatten, posten, teilen – das sind für Eltern oft Fremdwörter. Sie haben teilweise noch nicht mal Ahnung von dem, was ihr Kind im World Wide Web so treibt und welche Gefahren dort lauern. Aufklärungsarbeit ist gefragt und wird immer mehr zur Aufgabe der Schulen.

In Bayern gehört Medienbildung schon länger zum Lehrplan und wird fächerübergreifend gelehrt. Die Frage ist, ob es ausreicht. „Das Fach Deutsch bietet immer wieder Themen zur Medienerziehung an“, sagt Kultusstaatssekretär Bernd Sibler. „Ethische Fragen können in Religion besprochen werden. Daneben haben wir natürlich noch einen eigenen Informatikunterricht.“ Ein eigenes Fach zum Thema Soziale Medien kann sich Sibler nicht vorstellen. An der Mittelstufe des Gymnasiums beispielsweise gebe es schon jetzt ein umfangreiches Angebot an Wahlunterricht und Zusatzstunden. „Wenn man jetzt nochmal zwei Stunden drauf-legt – das ist einfach schwierig“, erklärt Sibler.

Katja Mosenthin, Mathematik- und Informatik-Lehrerin am Erasmus Grasser Gymnasium, baut auf die Unterstützung der Eltern: „Wichtig ist, dass sie ihre Kinder begleiten und schützen.“ Die Medienkompetenz sei bei vielen noch nicht in ausreichendem Maße vorhanden.

Matthias Strehler

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