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Verbales Maßkrugstemmen: Das Ehepaar Ude mit SPD-Landeschef Florian Pronold (l.).

Gillamoos: Ein Feingeist im Bierzelt-Modus

So kämpft Ude gegen seinen Großstadt-Ruf

Abensberg - Ein Mann kämpft gegen seinen Großstadt-Ruf: Christian Ude tingelt derzeit auf einer Bierzelt-Tour durch die Provinz. Mit Erfolg: Auf dem Gillamoos in Niederbayern stößt der Münchner OB auf deutlich mehr Interesse als all die SPD-Redner der vergangenen Jahre.

Zum Schluss begibt sich Christian Ude noch auf einen kleinen Umweg. Nein, liebe CSU, der Münchner Oberbürgermeister hat sich nicht verlaufen in der niederbayerischen Provinz. Er steuert auf dem Gillamoos-Volksfest vielmehr erstaunlich zielsicher auf jene Bude zu, an der man mit sandgefüllten Bällen nach Dosen wirft. Dort liefern sich Ehefrau Edith Welser-Ude und die örtliche Landtagsabgeordnete Johanna Werner-Muggendorfer dann ein kurzes, aber hartes Duell. Die Johanna gewinnt lautstark. Der Christian macht sich mit seiner Edith auf den Weg zum Auto – und hinter ihm rammt eine Passantin ihrem Ehemann den Ellenbogen in die Plauze. „Schau“, sagt sie. „Jetzt hamma den auch noch gesehen.“

Den haben am Gillamoos ziemlich viele gesehen. Erstaunlich viele. Es birgt ja durchaus Risiken, wenn ein einfacher Oberbürgermeister gegen die mächtigste Frau der Welt antritt. Keinen Steinwurf liegt das Zelt der Schwarzen mit Angela Merkel entfernt vom Jungbräu-Festzelt, in dem Christian Ude die Roten um sich versammelt. Klar, dass sich die meisten Augen auf die Kanzlerin richten. Aber Ude bekommt sein Zelt voll. 1800 Plätze sind besetzt.

Geboten wird, was Christian Ude derzeit so bietet. Seit seiner Rückkehr aus Mykonos tingelt der Oberbürgermeister von Bierzelt zu Bierzelt, weit weg von seiner Landeshauptstadt. Auf der Kreuzer Kerwa in Bayreuth war er, in Steinbrünning im Berchtesgadener Land und beim Bartholomäusmarkt in Aufhausen nahe Regensburg. Überall sind die Zelte und Hallen voll, überall hält Ude im Wesentlichen die gleiche Rede. Fürs Gillamoos hat sich der OB ein paar derbe Nettigkeiten extra einfallen lassen.

Bilder: Schlagabtausch auf dem Gillamoos

Bilder: Schlagabtausch auf dem Gillamoos

Das beginnt schon, als er das Bierzelt betritt. „Sehr geschmeichelt“ sei er, dass Horst Seehofer im Kampf gegen ihn jetzt auch „die letzten Reserven“ mobilisiere, sagt er auf dem Weg zur Bühne. Beim Aschermittwoch habe Edmund Stoiber die Hauptrede gehalten, fürs Gillamoos sei nun „die Mutti zur Hilfe gerufen worden“, ätzt Ude. Auf der Bühne dann setzt der SPD-Kandidat noch einen drauf. Angela Merkels Auftritt nennt er eine „sozialpädagogische Maßnahme für ungezogene Generalsekretäre, die eine Wirtshausschlägerei nicht von internationaler Finanzpolitik unterscheiden können“.

Ja, Christian Ude hat dazugelernt. Der Hobby-Kabarettist, der gerne feinsinnige Satire-Büchlein schreibt, kann inzwischen auch Bierzelt. Ein großer Meister im verbalen Maßkrugstemmen wird aus ihm zwar nicht mehr werden. Aber inzwischen hat er sich den Schwabinger Großstadthumor abgewöhnt, mit dem er seine Bierzeltgefolgschaft anfangs verunsicherte.

Stattdessen schimpft er auf Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), die den Steuerhinterziehern zu Hilfe eile. „Da fragt man sich doch, ob die Bundesregierung noch alle Tassen im Schrank hat.“ Oder er lästert über andere Liberale, die sich nächtens an Tankstellen treffen, um für freien Alkoholverkauf zu demonstrieren. „Das sind die großen Themen, die die bayerische FDP umtreiben.“

Noch härter trifft’s – natürlich – die CSU. Zu schön waren ja auch die Vorlagen, die Alexander Dobrindt und Markus Söder in den vergangenen Wochen geliefert haben. Die CSU spiele hemmungslos auf der „Klaviatur von Ressentiments und Vorurteilen“ – international gegen Griechen oder Italiener, national gegen Bremen oder Berlin.

Ude müht sich. Trotzdem schleichen sich zwischenzeitlich Längen ein. Euro-Krise, Schulpolitik, Energiewende – in seinem 90-minütigen Ausflug quer durch die tägliche Zeitungslektüre lässt der Spitzenkandidat kaum ein Thema aus. Das ist zuweilen ganz schön anstrengend. Den längeren, wie alles andere völlig frei gehaltenen Exkurs über die Ursachen der Finanzkrise schließt Ude mit erfrischender Selbsterkenntnis ab: „Das war jetzt eine etwas strapaziöse Lektion.“

Stimmt. Aber die Zuhörer stört das nicht. Den harten Kern bilden ohnehin überzeugte Gewerkschafter und langjährige Genossen. Endlich haben sie wieder einen, auf den sie stolz sein können. „Wir erleben heute den Beginn der Christianisierung Bayerns“, erklärt einer in Lederhosen feierlich. Die Gewerkschafterrunde zwei Tische weiter findet die Ausführungen „sehr fundiert“ und „absolut glaubwürdig“. Und der Abensberger Ortsvorsitzende ist ohnehin überzeugt, soeben „dem nächsten Ministerpräsidenten Bayerns“ die Hand geschüttelt zu haben.

Der Münchner Ude funktioniert also auch im ländlichen Raum. Man solle sich nicht von der CSU einreden lassen, dass in München alles besser sei, mahnt er. Wenn man es aber glaube, solle man sich fragen, warum dort wieder und wieder der gleiche Oberbürgermeister gewählt werde. „Und dann kann man den ja selbst ausprobieren“, ruft Ude den Niederbayern zu. Ganz ohne Ironie geht es beim Feingeist halt doch nicht.

Mike Schier

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